Archiv der Kategorie: Rückblick

Der Beruf der Hofdame im Allgemeinen und im klassischen Weimar im Besonderen

Vortrag von Dr. Annette Seemann, Weimar, am 2. November 2021

Die weibliche Hofhaltung war ein Spiegelbild der männlichen; war der Regent fern, regierte der weibliche Hofstaat. Daher kommt auch der Begriff Frauenzimmer: „chambre de femmes“. Eine Kemenate als Aufenthaltsort für Frauen war damit also nicht gemeint, sondern Hofstaat. Hierzu gehörten neben mehreren ‚Bediensteten eben auch die Hofdamen, gewissermaßen als Gesellschafterinnen der Regentinnen. Schon früh wurden Mädchen aus adligen Familien auf diese Aufgabe vorbereitet. Ihre Tätigkeit am Hof war jedoch auch mit Heiratsabsichten verbunden, damit endete auch ihr Dasein als Hofdame. Die Ehen auf höchster Ebene wurden per Eheverträgen geregelt, sie enthielten beispielsweise Absprachen zu Mitgift, Morgengabe, Absicherung bei früher Witwenschaft und auch, wie viele Hofdamen und Bedienstete mitgebracht werden durften. Herzogin Anna Amalia, 16 Jahre, wurde zunächst eine Hofdame zugesprochen. Sie setzte durch, dass es vier wurden.

Was hatte eine Hofdame zu tun? Sie musste schön sein, geschmeidig und geistreich in der Konversation sein, loyal und jederzeit zu Diensten sein. Sie teilte das öffentliche und private Leben der Fürstin. Eine Grundübereinstimmung in vielerlei Hinsicht war vonnöten. Hofdamen mussten auch über Menschenkenntnis verfügen, so dass sie auch miteinander auskommen konnten. Hofdamen dienten auch als Vorleserinnen, ließen sich Briefe diktieren, führten Reisetagebücher. Vielfach stammten sie aus weniger begüterten adligen Familien, wurden auf diese Weise versorgt. Sie mussten Weiteres beherrschen: zum Beispiel Tanzen, Französisch, Musikinstrumente spielen, Schreiben, Geografie, Geschichte, Religion, Kunst, Literatur, allerdings genügten hierfür einfache Kenntnisse. Sie mussten allem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein.

Als Anna Amalia nach Weimar kam war sie hinsichtlich ihrer Umgebung schockiert. Als sie bereits 1758 Witwe wurde, reduzierte sie ihren Hofstaat. So entließ sie aus Rachsucht den bisherigen Premierminister Heinrich von Bünau. Der hatte dem Herzog und ihr die Schatullengelder entzogen, so dass er bei Ausgaben jedes Mal gefragt werden musste. Sie schaffte einige Hofämter ab. Ihren dynastischen Pflichten ist die Herzogin trotz des frühen Todes ihres Mannes noch gerecht geworden; sie gebar ihm zwei Söhne, Carl August und Friedrich Ferdinand Constantin. Als Witwe wurde der 18-Jährigen ihr Herzogtum von den kleinen Nachbarstaaten streitig gemacht. Mit Hilfe ihres Vaters konnte sie diese Ansprüche zurückweisen. Beim Kaiser in Wien wurde sie als volljährig erklärt. Allerdings regierte sie das Herzogtum als Stellvertreterin ihrer unmündigen Söhne. Sie durfte sich auch nicht wieder verheiraten, sie hätte sonst ihr Herzogtum verloren. Zunächst hatte sie sich mit zwei Hofdamen begnügt. Auf Grund ihrer nunmehr stark gehobenen Stellung wuchsen die Repräsentationspflichten; so kamen etliche Bedienstete hinzu: zum Beispiel Kammerfrauen, geringere Kammerjungfern, Garderobenmädchen, Sekretär, Kammerlakaien, Exerziermeister (Lehrer), Mundschenk, Pagen, Küchenmeister, Kutscher. Sie stellte nun auch drei Hofdamen ein, darunter Charlotte von Schardt, die spätere Charlotte von Stein. Wie wurde die Schardt ausgebildet? Ihre Mutter war sehr fromm, dies schlug sich auch auf die Tochter nieder, sie war sehr zurückhaltend, ernst und distanziert, dabei ausgeglichen und sanft. Sie beherrschte Reiten, Tanz, Musik, Französisch. 1763 bewarb sich Gottlob Ernst Josias Friedrich von Stein um die 21-Jährige. Er war wohlhabend, besaß das Schloss Kochberg. Es war eine standesgemäße Partie. Das Paar wurde im Residenzschloss getraut – ein großer Gnadenbeweis der Herzogin. Anna Amalia hatte die gesamte Hochzeit ausgerichtet. Aber der Ehemann entsprach nicht den hohen geistigen Ansprüchen Charlottes. Schiller meinte über ihn: „Sein Verstand ist in täglicher Gefahr“. Und sinngemäß: Die Männer dieser Familie sind so dumm wie das Sprichwort, die Weiber indes sehr gescheit. Eine Ursache  war ein Sturz des Oberstallmeisters, wobei ihm ein Splitter ins Hirn gedrungen war. Charlotte erlebte sieben recht schmerzvolle Geburten. Die vier Töchter starben, die drei Jungen überlebten, Fritz war ihr der liebste. Nach ihrer Heirat endete ihre Karriere als Hofdame, als Gast war sie jedoch bei Hofe gern gesehen.

Eine weitere wichtige Hofdame war Luise von Göchhausen, ein verwachsenes, kleines Wesen. Sie kam 1772 zu Anna Amalia. Zunächst erhielt sie kein Gehalt. Nach dem Schlossbrand 1774 zog sie mit der Herzogin ins Wittumspalais, wo sie zwei Mansardenzimmer bewohnte. Sie erweiterte ihren Handlungsspielraum, sie korrespondierte mit Goethes Urfreund Knebel und mit Goethes Mutter, die sie in Frankfurt/M. auch kennenlernte. Sie war eine sehr lustige, zu Scherz und Schalk aufgelegte Person. 1781 zog sie mit der Herzogin zu deren Sommersitz Schloss Tiefurt. Dort hatten nur wenige Menschen Zutritt, höchstens Gäste. Sie wirkte am „Journal von Tiefurt“ mit, das in vierzig Heften zu je elf Exemplaren publiziert wurde. Es versprühte vor allem den spielerischen Geist der beiden Frauen; einen künstlerischen „Dilettantismus“, wie ihn die Herzogin mochte. Auch Goethe hat daran lange Zeit mitgewirkt, zum Beispiel mit der „Ode auf Miedings Tod“ oder auch „Die Fischerin“. Nach Goethes Italienreise kam der Bruch mit dem „Dilettantismus“.  Um den rang Weimars zu erhöhen, galt es nun ernstes, professionelles künstlerisches Bestreben. Mit Herzog Carl August wurde besprochen: Unser Pfand ist die Kultur nicht mehr der Dilettantismus. Aber es gab den Wunsch der Herzogin, das Theater als Intendantin zu übernehmen. Goethe und Carl August wurden sich einig, dass dies auf keinen Fall erlaubt werden dürfe. Man setzte auf großes Theater, auf große Kunst mit professionellen Schauspielern. Schillers Dramen wurden gegeben, auch Komödien. Die Schauspieler wurden bezahlt. Goethe wurde Theaterdirektor. Die Herzogin zog sich ob dieser Zurücksetzung zurück.

Herzogin Luise besaß vier Hofdamen. Nach 1800 wurde deren Besoldung hochgestuft, von 75 Reichstalern auf 330 pro Jahr. Auch die weiteren Domestiken erhielten höhere Gehälter. Daneben besaßen die Hofdamen natürlich verschiedene Privilegien: frei Kost und Logis, Deputate, Brennholz, Wachs oder Talglicht, beim Tod der Fürstin eine Pension, wobei sie allerdings ausziehen mussten. Vieles änderte sich nach 1800, alles wurde nun in Geld ausgezahlt. Man lebte gewissermaßen nicht mehr in „einer Familie“.

Die russische Zarentochter Maria Pawlowna kam 1804 nach Weimar. In 55 Kutschen wurde ihr Hausrat mitgeführt. Sie bestand gegenüber ihrem Mann Carl Friedrich auf ihren Hofstaat. Der Kompromiss, auch aus Spargründen: Zwei Hofdamenstellen wurden abgeschafft, dafür drei Hoffräulein „eingekauft“. Die verdienten natürlich weniger. Höherer Rang erforderte mehr Personal. Sie bezogen Zimmer im Schloss, wurden zu ihren Aufgaben gerufen. Sie waren gebildet. So war Ottilie von Donnersmarck eine begabte Laienschauspielerin, Julie von Egloffstein eine tüchtige Zeichnerin, Henriette von Pogwisch begründete eine französische Lesegesellschaft, in ihren Zirkeln war auch Goethe tätig. Andere waren Schriftstellerinnen oder komponierten. Maria Pawlowna gründete viele soziale und kulturelle Einrichtungen.

Der Beruf der Hofdame überlebte das gesamte 19. Jahrhundert. Auguste von Watzdorf war Hofdame bei Großherzogin Sophie. Sie erhielt 1650 Mark jährlich. Sie galt als weibliche Repräsentantin neben dem Großherzog als „Staatsdame“. Mit ihrem Gehalt war sie keineswegs zufrieden, schließlich erhielt sie 4200 Mark jährlich und eine Dienstwohnung, Personal, Equipage und einen Haushalt, der ihrer Stellung entsprach. Sie stellte sich sozialer Verantwortung, bekleidete recht selbstbewusst ihr Arbeitsverhältnis. Weniger erfolgreich war ihrerzeit Luise von Göchhausen. Sie hatte 32 Jahre lang treu gedient. Doch nach dem Tod von Anna Amalia musste sie ihre Zimmer im Wittumspalais räumen. So erfuhren die Hofdamen nicht immer eine gnädige Behandlung.

 

Goethes Wörterbuch. Sein erotischer Wortschatz und die Sexualdebatten seiner Zeit

Vortrag von Dr. Michael Niedermeier, Berlin, am 5. Oktober 2021

Das Akademievorhaben Goethe-Wörterbuch ist eines der ambitioniertesten lexikographischen Unternehmungen in Deutschland. Auf Grund einer Denkschrift des Altphilologen Wolfgang Schadewaldt im Jahre 1946 an der Deutschen Akademie der Wissenschaften ins Leben gerufen. Das umfassend Konzept des Goethe-Instituts kam nicht zustande; die sogenannte Berliner Akademie-Ausgabe kam über eine Reihe von 31 Bänden reiner Textausgaben poetischer Werke und Schriften zur Literatur nicht hinaus und wurde schließlich abgebrochen. Die Goethe-Biografie erschien dann losgelöst vom Gesamtprojekt in Hamburg. Nur das Goethe-Wörterbuch überlebte – wie durch ein Wunder – sogar die deutsche Teilung. Sechs wuchtige Bände von barockem Umfang liegen bisher vor. Das Wörterbuch ist frei im Internet zugänglich. 2025 soll das Gesamtprojekt beendet sein.

Goethe verfügte über einen enormen Schatz von ca. 92 000 Wörtern, weil er auch viele naturwissenschaftliche Termini benutzte. Von Luther sind etwa 23 000 Wörter überliefert, von Schiller und Shakespeare etwa 30 000, von Puschkin ca. 21 000 und von Ibsen 27 000. Und doch fehlt noch ein Teil des Wortschatze, nämlich aus dem Bereich der Erotik und Sexualität.

Goethe erkundete ausgehend von antiken Überlieferungen und diskret verwahrten musealen Sammlungen die erotisch-kosmologische Symbolik von frühen atavistischen Religionen, wie die des Kultes des Abraxas als des höchsten Allwesens. Vulva und Phallus erkennte er dabei als antike Sinnbilder des umfassenden Naturkreislaufes. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung prägten ebenso den antiken religiösen Kultus. So bezog sich Goethe in seinen „Venezianischen Epigrammen“ auf einen Sarkophag in Neapel, wenn er schreibt: „Seine Sarkophagen und Urnen verzierte der Heide mit Leben. Faunen tanzen umher, mit der Bacchantinnen Chor (…)“. Und er endet mit dem Wunsch für sein eigenes Lebensende: „Und so ziere denn auch den Sarkophagen des Dichters. Diese Rolle, die er reichlich mit Leben geschmückt.“

Neben der antik-klassischen Herkunft solcher heidnischen Fruchtbarkeitskulte idealisierten die europäischen Zeitgenossen begeistert die von Seefahrern wie James Cook entdeckten Sexualbräuche fremder Völker als Formen eines gleichsam noch naiven Verhältnisses von Kultur und Natur. Die Beobachtungen des freizügigen exotischen Sexuallebens der jungen Insulanermädchen auf Tahiti beflügelten die Phantasie. Goethe hatte in Kassel den jungen Georg Forster darüber in der Hofgesellschaft erzählen hören. Begattungsrituale waren in Tahiti Teil von öffentlich durchgeführten Zeremonialritualen, bei denen auch erstaunte Europäer anwesend waren. So berichtete der französische Südseereisende Bougainville: „Unter dem schönsten Himmel geboren, von den Früchten einer ohne Anbau fruchtbaren Erde genährt (…) kennen sie keinen anderen Gott als Amor. Alle Tage sind ihm geweiht, die ganze Insel ist sein Tempel, alle Frauen sind sein Altar, alle Männer die Opfernden. Und was für Frauen (…) Grazien in voller Nacktheit (…) die leichteste Gaze schwankt nach Wind und Begierde; der [Liebes-] Akt, seinesgleichen zu schaffen ist eine religiöse Handlung; die Vorspiele werden von den Wünschen und den Gesängen des versammelten Volkes angefeuert und das Ende wird von allgemeinem Beifall gefeiert; jeder Fremde ist zugelassen, um an diesen glücklichen Mysterien teilzunehmen.“

Goethe spielt in seiner berühmten Bearbeitung der berühmten Komödie „Die Vögel“ des Aristophanes für das Liebhabertheater auf Kochberg genau darauf an. Die komischen Haupthelden geben sich in Goethes Bearbeitung entsprechende Vogelnamen: „Otahitischer Mistfinke“ und „Großer Hosenkackerling“, beispielsweise. Kurioserweise spielte Goethe in Großkochberg sogar höchstpersönlich den Großen Hosenkackerling, während zunächst Freund Herzog Carl August, dann aber Prinz Constantin den Otahitischen Mistfinken spielen sollten.

Die breite Literatur und Pädagogik der bürgerlichen Aufklärung folgte indes der aufgeklärt daher kommenden aggressiven Sinnenfeindlichkeit und Triebregulierung, einer Kasteiung der Leidenschaften und moralischen Verdächtigung bis ins 20. Jahrhundert hinein. Von dieser Zensur blieb auch Goethe nicht verschont. Den Lexikographen fehlen somit aus Goethes erotischem Wortschatz eine Anzahl von Wörtern und Sprachbildern völlig, andere konnten erst nach intensiven philologischen Recherchen teilweise wieder lesbar gemacht werden. Manche Wörter sind absichtlich aus den Manuskripten herausradiert worden. Goethes letzter Urenkel Wolfgang hatte 1885 den handschriftlichen Nachlass Goethes der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar testamentarisch überschrieben. Sie verfügte daraufhin, dass die große Weimarer Ausgabe, die sogenannte Sophien-Ausgabe, von Goethes Werken in Angriff genommen wurde. Sie sollte alle Schriften Goethes aufnehmen und dabei auch die Handschriften aus seinem Nachlass berücksichtigen. Anstößig empfundenen Verse der „Venezianischen Epigramme“ fielen dabei allerdings den scharfen Blicken, den Federmessern, Radierern und Scheren zum Opfer. Dies betrifft ebenso die nur als Handschrift vorhandenen Priapus-Verse aus den „Erotica Romana“, den „Römischen Elegien“ (ab 1788) sowie sein längeres Gedichtmanuskript „Das Tagebuch. 1810“. Teile davon verschwanden, schwer auffindbar in den Lesarten der Sophien-Ausgabe, andere wurden Jahrzehnte später, teils entschärft, im letzten Band der Werkabteilung, dem Band 53, veröffentlicht. Erst in späteren Werksausgaben, wie der Berliner, dann der Frankfurter und Münchener Ausgabe, wurden seit den 1970-er Jahren die inkriminierten Handschriften wieder mit den veröffentlichten Fassungen verbunden und lesbar gemacht.

Die „Venezianischen Epigramme“ hatte Goethe 1790 verfasst, als er im Auftrage Carl Augusts der Herzoginmutter Anna Amalia entgegen gefahren war. Anhand seiner Beobachtungen in der Stadt machte er sich lustig über die Bigotterie innerhalb der katholischen und das Schwärmertum in der reformierten Kirche lustig. Er hatte sich als Reiselektüre einen Band Martial mitgenommen und ließ sich von dessen frechen Epigrammen zu einem eigenen Vers-Büchlein anregen. Den gut versteckten Hintergrund der „Venezianischen Epigramme“, aber auch der „Römischen Elegien“ und des „Tagebuch-Poems“, vor der die gemachten erotischen Beobachtungen und Reiseeindrücke Kontur gewinnen, bildet das endlich Wirklichkeit gewordene erfüllte Liebeserleben mit der aus einfachen Verhältnissen stammenden Christiane Vulpius. Nur wenige Wochen nach seinen erotischen Italien-Erfahrungen mit jener unbekannt gebliebenen Faustina, einem Mädchen, das ebenfalls aus dem einfachen Volk stammte, gelang es Goethe im höfisch und kleinstädtisch geprägten Weimar sinnliche Erfüllung und freie Lieben zu finden. Dieses intime Liebeserleben mit Christiane verklammerte Goethe mit seiner Anschauung der gesamten lebendigen Natur, reflektierte hierbei auch über Religion und Gesellschaft. Zitat: „Es „ist mein Körper auf Reisen. Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.“ So heißt es gleich einführend in den „Venezianischen Epigrammen“. Der Dichter resümiert in einem ausradierten Epigramm in Bezug auf  die offenbaren Folgen des anstrengenden Liebeslebens in der Stadt: „O so wisst ihr warum blaß der Venetier schleicht“.

Die Radierarbeiten ließen von den etwa 530 Versen der älteren Handschrift nur etwa 470 Verse übrig. Später konnten mehrere Verse wieder lesbar gemacht werden. Andere wiederum wurden rekonstruiert aus Textfassungen, die aus Goethes reisetagebuch stammen. Ungeklärt wird aber wohl auf immer der Wortlaut von immerhin noch etwa 30 Versen bleiben.

Für den Phallus hat der Dichter neben dem eher sachlichen „Glied“ oder „männlich Glied“ in seinen Versen auch so bildhafte benutzt wie Griffel, Rute, Pfahl, Gebein oder elfter Finger. Mehrfach hat er auch so ironisch-verhüllende wie anspielungsreiche Ausdrücke gewählt wie Knecht, Iste oder Meister Iste. Iste stammt vom lateinischen Demonstrativpronomen „ist“ und bedeutet jener, der da, dieser. Im 1810 verfassten privat-intimen „Tagebuch“-Poem ist es eben der Iste, der dem Reisenden auf dem Nachtlager mit einer nackten jungen Magd eigensinnig seinen Dienst versagt.

Wie Epikur und Lukrez negiert Goethe einen göttlichen Antrieb des Kosmos von außen. Überall in der belebten Natur erblickt er das Wirken einer sich stets wandelnden inneren generativen.  Sie zeige sich als unendlicher morphologischer Prozess eines stetigen Wechsels von Anziehung und Abstoßung sowie von Freiheit und Begrenzung. In der Natur offenbare sich dieser Prozess in einem immerwährenden Liebesreigen von Zeugung, Befruchtung, Geburt, Wachstum, Vermehrung und Absterben. Hierbei vertraut er nicht auf das Symbol des Kreuzes, sondern auf die Auferstehung des „Iste“, der die innere Triebkraft nach Fortpflanzung der Geschlechter in der Natur versinnbildlicht.

Ausflug nach Neustadt/O. und Nimritz

Ausflug der Goethegesellschaft nach Neustadt und Nimritz

Am 25. September fuhren die Mitglieder der Goethegesellschaften von Erfurt und von Gera gemeinsam

nach Neustadt an der Orla und nach Nimritz bei Pößneck.

Auf der Fahrt vom Geraer Hauptbahnhof bis nach Dürrenebersdorf machte Bernd Kemter die Erfurter auf wichtige Gebäude und Einrichtungen der Stadt aufmerksam: Schloss Osterstein, das Theater, den Hofwiesenpark, die Villa Schulenburg, den Tierpark und den Dahliengarten.

In Neustadt angekommen, liefen wir zum Markt.

Das bedeutendste Bauwerk am Markt ist das spätgotische Rathaus mit seinen reichen Steinmetzarbeiten. Seit 1464 vereinigte man zwei Gebäudeteile, den östlichen, etwas höheren Bau (bis dahin schon als Rathaus genutzt) und den westlich davon gelegenen Teil (die sogenannte Rathauskapelle) zu dem prachtvollen Gebäude.

In einem Durchgang vom Markt zum Kirchplatz findet man die Fleischbänke, eine mittelalterliche Ladenstraße der Fleischer und Bäcker. Von den ehemals siebzehn Verkaufslauben, die beiderseits angeordnet waren, sind noch neun erhalten. Dieses Zeugnis der Volkskunde aus dem Jahr 1475 ist in Europa einmalig und wurde im Jahr 2002 saniert. Die Anlage wurde vor mehr als fünfhundert Jahren zu dem Zwecke geschaffen, dass die Fleischer nur dort und unter Aufsicht eines vom Rat beauftragten Fleischaufsehers Fleisch verkaufen durften. Es wurde streng darüber gewacht, dass die Preise nicht unter- oder überboten wurden, dass die hygienischen Bestimmungen eingehalten und dass die Qualität des Fleisches den Anforderungen entsprach.

Die Stadtkirche St.Johannis wurde in den Jahren zwischen 1471 und 1528 erbaut. Den Innenraum schmückt ein Altarbild aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren. Es handelt sich um den einzigen Cranach-Altar, der noch unverändert an seinem ursprünglichen Standort steht. Außerdem ist eine Orgel von Johann Georg Finke (1726) vorhanden. Zum Glockengeläut gehört die zweitgrößte Glocke Thüringens, „Susanna“, die 1479 auf dem Marktplatz gegossen wurde.

Nach der Besichtigung fuhren wir weiter nach dem kleinen Dorf Nimritz.

Zunächst gab es im Schlossgarten Rostbratwürste und Getränke. Nach dem wir uns gesättigt hatten, besichtigten wir das Schloss.

Das Schloss Nimritz wurde 2008 aufwändig nach Auflagen des Denkmalschutzes hochwertig und originalgetreu saniert. 1074 wurde das Schloss Nimritz erstmals als Wasserburg erwähnt.

Der geschichtsträchtige Adelssitz Schloss Nimritz ist ein Gesamtensemble, das aus einem Renaissance-Bau und dem mit ihm über eine geschlossene Brücke verbundenen barocken Neuen Schloss besteht.

1074 erstmals als Wasserburg erwähnt, erhielt des Alte Schloss seine heutige Gestalt in den Jahren 1565 bis 1569. Das barocke Neue Schloss wurde 1740 als Wohnsitz des Verwalters angebaut. Bis 1945 befand sich Schloss Nimritz ausschließlich im Besitz bedeutender Adelsgeschlechter Mitteldeutschlands, die auch Personen der Weltgeschichte hervorbrachten: von Beulwitz, von Etzdorff, von Bünau, von Beust. Die Linie derer von Münchhausen ist durch Eheschließung Schloss Nimritz verbunden.

Heute können Touristen Im Schloss Unterkunft finden. Die 164m² große Fünf-Raum-Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, zwei Bädern, Küche, Flur und Arbeitszimmer bietet genügend Platz auch für eine größere Familie.

Nach der Schlossbesichtigung versammelten wir uns im Saal des Schlosses.

Vier Musiker in historischen Trachten traten auf, mit historischen Flöten, Zupfinstrumenten und Trommeln spielten sie alte europäische Volkslieder. Es war einfach großartig. Wir waren begeistert und haben das den Künstlern durch unseren Applaus unsere Freud über ihren Auftritt bekundet.

Anschließend gab es Kaffee und Kuchen und danach gönnten wir uns auch noch ein Gläschen Wein.

Es war schön, in geselliger Runde zu schwatzen und auch ein paar Lieder zu singen.

Zwischendurch erzählte uns Angelika Kemter von den Döbritzer Höhlen. Angelika hatte sich zu DDR-Zeiten als Journalistin damit beschäftigt und damals auch einen Artikel in der damaligen „Volkswacht“ veröffentlicht.

Die Döbritzer Höhlen stammen aus der Altsteinzeit. In der Döbritzer Schweiz gibt es Zechsteinablagerungen und recht fruchtbaren Boden. Das waren die Bedingungen für das Leben der damaligen Jäger und Sammler, die in der Döbritzer Höhle wohnten. Vermutlich war es nur eine Sippe von 14 Personen, die Wölfe gezähmt hatten, Wildpferde jagten und Tauschhandel trieben.

Sie besaßen schon hochspezialisierte Steinwerkzeuge.

Gegen 17.00 Uhr fuhren wir wieder nach Hause. Diesmal erzählte die Schauspielerin Otti Planerer jüdischeWitze. Zwei dieser Witze gefielen mir besonders. Ein 71Jähriger heiratet eine 17Jährige und als sie schwanger wird, fragt er den Rabbi, was er davon halte, ob es möglich sei, dass er der Vater sein könne. Der Rabbi antwortet: „Wenn du der Vater wärst, wäre es ein Wunder. Wenn du nicht der Vater bist, wäre es denn ein Wunder?“ Oder:  Ein Jude kommt zum Metzger und zeigt geradewegs auf einen Schinken und sagt: “Ich hätte gern diesen Fisch dort.”
“Aber das ist doch ein Schinken!”
“Mich interessiert nicht, wie der Fisch heißt…”

Wir sangen dann auch noch einige Volkslieder und als wir in Gera ankamen, waren wir uns einig. Es war eine sehr interessante, gut organisierte Ausfahrt und wir freuen uns schon auf die Ausfahrten im nächsten Jahr.

 

 

Der junge Goethe im Konflikt mit Kirche und Aufklärung

Vortrag von Dr. Thomas Frantzke, Leipzig, am 7. September 2021

Goethes Verhältnis zur Amtskirche war distanziert. Er geht nicht in die Kirche, betet selten, heißt es in einem Brief. Er hat seine Probleme mit der Institution Kirche (darüber gibt es in unserer Gesellschaft bereits viel Literatur, so dass dies hier nicht näher ausgeführt werden muss).

Der Referent ging sodann auf ein kleines Werk Goethes ein: „Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***“. Hier nimmt Goethe die frömmelnde Heuchelei aufs Korn, wie denn auch die Reformation mit einem „Mönchsgezänk“ begann. Und er tritt für Toleranz ein. Die Form (der Religionsausübung) ist einerlei, wichtig allein ist der eigene Glaube.

All dies muss man im Zusammenhang mit der damaligen Zeit sehen. Junge Schriftsteller des Sturm und Drang, zu denen Goethe gehört, lehnen sich gegen die vernünftelnde Aufklärung auf, gegen ihre Belehrungen und ihre Gefühlskälte. Sie plädieren dafür, dem Gefühl, dem Herz Platz einzuräumen. Und sie plädieren für die Rechte des „Originalgenies“.

Diese Schwärmerei ruft natürlich Kritiker auf den Plan, so Bodmer und Lavater, von dem sich Goethe zusehends distanziert. So bezeichnet der Schwager Lavaters den Goethe als „Schwärmer“ und „Tollhäusler“.

Gegen die kirchliche Kritik wendet sich Goethe beispielsweise in seinem Werk „Der ewige Jude“, das zu seinem Glück erst 1834 veröffentlicht wurde, ansonsten hätte es seiner Karriere wohl sehr bald ein Ende gesetzt. Die Fabel des in Knittelverse gesetzten Epos: Christus kehrt nach 1774 Jahren auf die Erde zurück, um zu sehen, was aus seiner Lehre geworden ist. Er trifft Ahasver, der Jesus einst am Kreuze verspottet hatte. Bei den angetroffenen gesellschaftlichen Verhältnissen läuft Jesus Gefahr, ein zweites Mal gekreuzigt zu werden. Goethe führt verschiedene religiöse Strömungen auf: Katholiken, Lutheraner, Pietisten Methodisten, und meint, dass sie als Narren doch im Grunde genommen allesamt der gleichen Narretei verfallen sind. Andererseits äußert sich Goethe über Luther durchaus wohlwollend, wenn eine gute Stellung in der Kirche auch zu einem bequemen Sessel und zur Behäbigkeit verleitet.

Doch Kritik erwächst auch aus den Aufklärern, so durch Friedrich Nicolai, dem neuen deutschen „Literaturpapst“ (zuvor Gottsched), Herausgeber der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“. Nicolai hat den literarischen Wert von Goethes „Werther“ durchaus erkannt. Aber ihn erzürnt Werthers Selbstmord – eine Todsünde. Nicolais Mittel der Kritik war in der Regel die Polemik. was oft zuerst heftige Reaktionen der Betroffenen auslöste und dann in literarische Dispute ausartete, die häufig von beiderseitiger Rechthaberei gekennzeichnet waren. Dies betrifft auch die Kontroverse mit dem jungen Goethe. Nicolai setzte dessem tragischem Werk den Titel „Die Freuden des jungen Werther“ mit glücklichem Ausgang. Albert lädt Werthers Pistole mit Hühnerblut, tritt als Verlobter Lottes zurück. Lotte und Werther heiraten, bekommen Kinder, Haus, Garten, schicken sich in die Bedingungen einer bürgerlichen Existenz.

Goethe konterte mit dem bissigen Gedicht „Nicolai auf Werthers Grabe“:

Ein junger Mensch, ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie’s denn so Leute haben.
Der setzt’ notdürftig sich aufs Grab
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl er atmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
„Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“

Das Gedicht wird allerdings nicht veröffentlicht. Goethes „Werther“ ist auch ein Angriff gegen die kirchliche Institution. So heißt es zum Schluss: Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Ein christliches Begräbnis bleibt also dem Selbstmörder verwehrt. Doch gerade von der Geistlichkeit wird ja christliche Nächstenliebe erwartet.

Zu den prominenten geistlichen Kritikern von Goethes Briefroman gehört der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze, der Feind Lessings. Er spricht von einer Apologie Goethes auf den Selbstmord und antwortet mit der diffamierenden Schrift „Der unbegabte Goethe“. Ist es eine Heldentat, den Lebensfaden mit eigener Hand abzuschneiden? Goeze setzt Suizid mit Mord und Totschlag an sich gleich. Kein Unterschied. Und somit würden in „unserem Christentum Sodom und Gomorrha herrschen“.

Ein weiteres Beispiel für Goethes Kritik an den kirchlichen Institutionen ist sein Jugenddrama „Stella“, ein Schauspiel für Liebende. Fernando fühlt sich als Gefangener in seiner Ehe mit Cäcilie. Er trifft Stella, verliebt sich in sie. Cäcilie sucht ihren Mann, findet ihn im Beisein mit Stella. Doch sie akzeptiert diese Liebe, „eine Wohnung, ein Bett, ein Grab“.

Der Stoff – in der ersten Fassung von 1775 – geht auf die Legende des Grafen Ernst von Gleichen zurück, der auf einem Kreuzzug im Morgenland in Gefangenschaft gerät und von einer Sultanstochter gerettet wird. Als er zurückkehrt, nimmt er sie mit, verheiratet sich mit ihr – im Einverständnis seiner Ehefrau – in morganatischer Ehe zur linken Hand. Alle genießen die Ehe zu dritt.

Doch auch Bigamie ist wie Selbstmord eine Todsünde. Wieder erntet dieses Stück heftige Kritik, so von den Pietisten, und wieder ist Goeze dabei. Es sei eine verdammungswürdige Sache, auf diese Art die Jugend zu verderben. Goethe habe nicht nur gegen kirchliche Schranken und Verbote verstoßen, sondern auch gegen gesellschaftliche Normen insgesamt. Aus diesen ersichtlichen Gründen wurde „Stella“ seinerzeit nur selten aufgeführt.

Ausflug in den Hainich

Nach coronabedingter langer Pause konnten wir Ende Juni 2021 endlich unsere Vereinstätigkeit wieder aufnehmen. Ein Ausflug in den Hainich stand auf dem Programm. Von Dieter Schumann hervorragend organisiert, ging es zunächst zum Feensteig. Wie nicht qanders zu erwarten, wurden wir von einer richtigen Fee begleitet. Auf dem ca. drei Kilometer langen Rundwanderweg durch herrliche sonnige Natur erfuhren wir vieles über den entstehenden Urwald im Hainich, der ein zusammenhängendes, durch keine Straße zerschnittenes Gebilde darstellt. Die Fee stellte zudem einige Kräuter vor. All dies war ein stimmungsvoller Auftakt.

Der Bus brachte uns sodann zum Baumkronenpfad. Hier trennte sich die Gruppe, denn das Programm war nicht für alle zu schaffen. Auf den Pfad, mittelsw Lift, schafften es jedoch fast alle. Nur die Länge der Wegstrecke hoch über den Wipfeln der Bäume fiel individuell verschieden aus. Der Blick aus dieser Perspektive ist natürlich nicht alltäglich und eher den Vögeln vorbehalten.

Im Schloss Behringen stärkten wir uns bei Kaffee und Kuchen, ehe uns das Ensemble Red Piano, Musiker des Erfurter Theaters, mit Gesang und Klavier erfreute; ihr Repertoire reichte von Operette, bis Musical und  anderen Genres.

Ein Abendessen beschloss diesen schönen Tag.

Caroline Jagemann und der Theatermann Goethe

Vortrag von Dr. Bertold Heizmann, Essen, am 3. März 2020

Die Weimarer Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann, an ihrem 32. Geburtstag am 25. Januar 1809 vom Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach als dessen Nebenfrau in den Adelsstand (von Heygendorff) erhoben, genießt in der Goethephilologie keinen guten Ruf. Zu Beginn ihres Weimarer Engagements noch als „Zauberin“ und als „die angebetete Göttin von ganz Weimar“ gefeiert, gilt sie in der Literaturgeschichtsschreibung als rücksichtslose und egoistische Intrigantin, die in den langen Jahren ihrer Tätigkeit in Weimar dem Theaterdirektor Goethe dessen Amt derart verleidete, dass er es – nach mehreren angekündigten, dann aber doch immer wieder revidierten Demissionsabsichten – im Jahre 1817 endgültig aufgab, und zwar infolge eines Skandals, der durch das Auftreten eines dressierten Hundes verursacht worden war. Caroline Jagemann ist, wie das Goethe-Lexikon trocken vermerkt, „Goethes größtes Problem am Weimarer Theater“, und zeitweise bringt sie sogar die Freundschaft zwischen Goethe und Carl August in Gefahr, da sie ihre Vorstellungen, wie ein Theaterbetrieb zu gestalten sei, oftmals mit Hilfe des Herzogs, der mit ihr eine „Ehe zur linken Hand“ („Morganatische Ehe“) eingegangen war, gegen Goethe durchzusetzen weiß. Nach dem Tod des Herzogs, dem sie drei Kinder gebar, verlässt sie 1828 aufgrund zahlreicher Anfeindungen Weimar, kehrt jedoch für ein paar Jahre, von 1838 bis 1844, in ihre Heimatstadt zurück, um sich der Kinder ihres ältesten Sohnes Carl Wolfgang anzunehmen, deren Mutter früh verstorben war. Dort lebt sie im „Deutschritterhaus“ am Töpfenmarkt (dem heutigen „Herderplatz“), das Carl August 1807 erworben und ihr geschenkt hat. Ihr Ruhm ist verblasst, geblieben sind offen geäußerte Gehässigkeiten, die sich nach Goethes Tod in dem Maße verstärken, in dem die Verehrung, die dem berühmtesten Weimarer bereits zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, anwuchs. Insofern gleichen die Äußerungen über sie im 19. Jahrhundert Verurteilungen; und da es wenige Stimmen zu ihrer Entlastung gibt, bleiben eher die negativ bewerteten Ereignisse und Urteile in Erinnerung, weniger die wichtige Rolle, die sie für die Entwicklung des Weimarer Theaters spielte. Dessen Aufschwung von einer provinziellen zu einer weithin geachteten Bühne wurde fast ausschließlich Goethe als Verdienst angerechnet.

Dass dieses Bild – zumindest teilweise – revidiert werden muss, ist der erstmalig vollständigen Edition ihrer Memoiren zu verdanken, die vor einiger Zeit vorgelegt wurde. Diese naturgemäß subjektive, somit einseitige Selbstdarstellung gewinnt an Glaubwürdigkeit durch die zahlreich beigefügen Kritiken und Dokumente, die es erlauben, das Wirken der Caroline Jagemann neu zu bewerten.

Über das Entstehen der Memoiren liegt uns eine aufschlussreiche Anekdote vor. In seinen Erinnerungen „Aus meiner Pilgertasche“ berichtet der Offizier, Autor und Übersetzer Ferdinand von Biedenfeld von einem Besuch, den er, zusammen mit Charlotte von Ahlefeld, einer mit der Heygendorff schon seit Jugendtagen befreundeten erfolgreichen Romanschriftstellerin, im Spätsommer 1842 der ehemaligen Schauspielerin in deren Haus am Töpfenmarkt abgestattet hat. Beide Besucher gehören zu den wenigen, die sich nicht scheuen, mit der weitgehend isolierten alten Dame in Verbindung zu bleiben.

Als die beiden eintreten, legt die Hausherrin ein paar Manuskripte zur Seite. Dies weckt die Neugier. Ob man wieder beim „Schriftstellern“ störe, will die Ahlefeld wissen. Darauf, nach einigem Zögern, das Geständnis Carolines: Es handle sich um ihre Memoiren. Und sie schwingt sich zu einer kühnen Behauptung auf: „Wahrheit und Dichtung, wie Goethe…“. Biedenfeld gibt die zweifelnde Antwort der Ahlefeld wie folgt wieder:

[…] Ein Goethe mag immerhin Wahrheit und Dichtung aus seinem Leben durcheinanderwerfen; von einem Goethe bleibt auch das Geringfügigste interessant und ‚Dichtung‘ selbst wird wieder zu einer Wahrheit anderer Natur. Aber Memoiren von uns übrigen Erdenwürmern können nur einige Bedeutung gewinnen, wenn sie unverbrüchlich an die Wahrheit sich halten, die Wahrheit rein und voll geben.

Gegenüber der Offenbarung solcher ‚Wahrheiten‘ äußert die Besucherin jedoch erhebliche Bedenken. Beide, Frau von Heygendorff wie sie selbst, wüssten doch, welches Unbehagen diese Wahrheit beim Publikum auslösen würde: Allzu hoch stünden die Personen im Kurs, die mit Gewissheit in ein trübes Licht gestellt würden und deren Ansehen beschädigt werden dürfte.

Dessen ist sich auch die Heygendorff sicher: Ihre Memoiren sollen erst nach ihrem Tode erscheinen, obwohl es ihr ein Bedürfnis sei, manche für sie „schmachvolle Lüge zuschanden [zu] machen“. Sie wolle sich nicht schon zu Lebzeiten zusätzliche ärgerliche Stunden bereiten. Aber, wendet die Ahlefeld ein, ein Schatten könne bei einer Veröffentlichung, wann auch immer sie erfolge, auf Carl Augusts Andenken fallen. Das sieht Caroline gelassen: Der geliebte Herzog sei „so glanz- und lichtumstrahlt“, da könne er ein bisschen Schatten vertragen. Und Goethe – das nehme sie auf sich, einem, der sich allmächtig dünkte und unfehlbar, bewiesen zu haben, dass „auch er nur ein Sterblicher“ gewesen sei.

Über ein Vierteljahrhundert hat Goethe dem Weimar Theater vorgestanden. Das ehemalige Hoftheater – verbunden mit den Namen Abel Seyler und Conrad Ekhof – ist 1774, also noch bevor Goethe nach Weimar kam, beim Brand des Schlosses zerstört worden; die Schauspieltruppe zieht nach Gotha ab. Es ist nicht weit her gewesen mit ihrer Kunst: Die Truppe bestand größtenteils aus Handwerkern, Dienstboten, Barbieren, Schülern und gescheiterten („verlorenen“) Studenten. Aber immerhin: Die derben, volkstümlichen Stoffe haben dem Publikum gefallen. Goethe findet nach seiner Ankunft in Weimar somit keine funktionierende Bühne vor. Seine Lust am Spiel, seine eigene theatralische Begabung, lassen ihn, zusammen mit der herzoglichen Familie, ein Liebhaber- oder Dilettantentheater begründen, an dem die gesamte hochgebildete Weimarer Hofgesellschaft teilnimmt: der Herzog und dessen Mutter Anna Amalia, die Prinzen und deren Erzieher und Hoffräulein, in der Residenz weilende Dichter wie Wieland, Musäus und Kotzebue, kurz, alles, was in Weimar Rang und Namen hat. Es gibt keinen festen Spielort; Schauplätze waren Waldlichtungen oder das Ufer der Ilm sowie Innenhöfe wie jener des Schlosses Ettersburg.

Was diese „Dilettanten“ darbieten, unterscheidet sich trotz der teilweise recht drastischen Komik durchaus von den volkstümlichen Stücken der Seyler- und Ekhof-Zeit: Das Schauspiel entfernt sich vom derb-naturalistischen Realismus hin zu idealisierten, der Wirklichkeit enthobenen, von der Phantasie beflügelten leichten und humoristischen Gestaltungen, zu denen Goethe selbst seine eigenen Versuche beisteuert, die vom französischen Lustspiel und dem Schäferspiel beeinflusst sind. Auch das Stegreifspiel wird gepflegt, das die drastische Erotik spätmittelalterlicher Vorläufer aufnimmt (Goethes Jahrmarktsfest zu Plundersweilern; Uraufführung 1778). In Ettersburg kommt es auch zu der legendären Aufführung der Prosa-Iphigenie, bei der Goethe selbst als Orest und Corona Schröter, die einzige Berufsschauspielerin und -sängerin, in der Titelrolle auftreten. –

Mit Goethes Eintritt in die zahlreichen Staatsgeschäfte lässt sein Interesse am Liebhabertheater – nicht nur bei ihm selbst, auch bei den anderen – nach; Corona Schröter zieht sich mehr und mehr zurück. Um den Theaterbetrieb, auch ohne ein feststehendes Gebäude, nicht brachliegen zu lassen, wird der österreichisch-italienische Schauspieler Joseph Bellomo als „Prinzipal“ verpflichtet, unter dessen Leitung an unterschiedlichen Orten – in den Wintermonaten meist im sogenannten „Komödienhaus“; im Sommer dann in Lauchstädt, Altenburg, Erfurt und Eisenach – gespielt wird. Dessen Truppe ist bestrebt, mit volkstümlichen Stücken und Bearbeitungen zum einen geschäftlich erfolgreich zu sein, zum anderen die Zuschauer zu unterhalten – und dies im wörtlichen Sinne: Es geht nicht um große Kunst, sondern meist um Klamauk und turbulenten Spaß. Improvisationen sind durchaus erlaubt, Hauptsache ist, dass die Zuschauer etwas zu lachen haben.

Dies entspricht jedoch nicht oder nicht mehr den Vorstellungen des Herzogs Carl August und seiner Mutter. Anna Amalia ist gerade aus Italien zurückgekehrt; sie hat dort Maßstäbe kennengelernt, an denen sich die primitive deutsche Provinzbühne nicht messen kann. Die Klagen über „mittelmäßige und schlechte Vorstellungen, die das Gemüt mehr unruhig machen und es ermüden, als dass sie Genuss verschaffen sollten“, häufen sich. Mutter und Sohn beschließen, das Bellomosche Intermezzo zu beenden und nach Berliner Vorbild wieder ein Hoftheater zu installieren. Dieses wird 1791 im wieder aufgebauten Weimarer Schloss eröffnet. Es soll, so die erklärte Absicht, ein Ort wahrer Schauspielkunst sein und nicht mehr, wie bisher, „Geschäftsbude“ oder „Vergnügungslokal“. ,

Und jetzt dies: Ausgerechnet er soll die künstlerische Oberleitung des neuen Theaters übernehmen. Seiner Staatsämter ist er weitgehend entledigt, in Italien hat er zur dichterischen Schöpfungskraft zurückgefunden; die Aufgabe eines Theaterdirektors reizt ihn jedoch nur mäßig. Etwas widerwillig erklärt er sich, nach Zureden des herzoglichen Freundes, bereit, erst einmal für eine Übergangszeit zur Verfügung zu stehen.

Aufgrund der bisherigen Entwicklung der Theaterlandschaft in Deutschland könnte angenommen werden, dass er diese Aufgabe in der Hoffnung übernimmt, seine in der Sturm-und-Drang-Zeit, insbesondere bei der Abfassung des Götz von Berlichingen gewonnenen und im Liebhabertheater weiterentwickelten Vorstellungen von Bühnenauftritten zu realisieren. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es Ende des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet kaum einen geregelten niveauvollen Theaterbetrieb gab, der als Vorbild oder auch als Kontrast hätte dienen können. Goethe ist weitgehend auf sich selbst gestellt.

Eine häufig vorkommende Vokabel in Goethes Äußerungen über seine Tätigkeit ist der Schlendrian. Zu einem Bericht über seine ersten Jahre als Direktor ist ein Zettel mit den Stichworten erhalten: „Übernahme des Weimarischen Theaters. Völlige Unbekanntschaft mit dem bisherigen deutschen Theater. Erst Schlendrian. Das Gegenwärtige und Mögliche zuerst. Nach und nach das Wünschenswerte, bis zum beinahe Unmöglichen unternommen.“ Begabtere Kräfte von auswärts können nicht gewonnen werden, weil die Gagen sehr niedrig sind. Im Repertoire wagt Goethe zunächst keine bedeutsamen Neuerungen, insofern bleibt es bei „Familiengemälden“, „Ritterromanzen“, „Singspielen“ und „Possen“; die Hauptautoren sind August von Kotzebue, von dem Goethe sage und schreibe 87 Stücke (insgesamt 638 Aufführungen) spielen lässt, sowie Iffland mit 354 und Friedrich Ludwig Schröder mit 117 Aufführungen. All dies bestärkt Goethes Unlust, weiterhin dem Theater vorzustehen. Auch die 1792 erfolgte „Generalkündigung“, aufgrund derer etwa ein Dutzend Schauspieler gehen müssen, die sich als Störenfriede und Nichtskönner erwiesen haben, bringt kaum eine Besserung der Situation. Goethe erscheint jetzt zwar wieder häufiger bei den Proben und dirigiert Leseübungen, aber die Einsicht, die gesteckten Ziele aufgrund der Mängel des Repertoires, des Ensembles und letztlich auch des Publikums nicht erreichen zu können, veranlasst ihn 1795, den Herzog um Entlassung aus diesem Dienste anzugehen. Carl August lehnt ab.

Dass Goethe bleibt, ist jedoch nicht nur dieser Bitte des Herzogs zu verdanken. Die Tätigkeit bereitet ihm dann Freude, wenn er mit hoffnungsvollen, begabten Akteuren, insbesondere jungen Schauspielerinnen, arbeiten kann. Im Alter hat er oft der zahlreichen Schauspielerinnen gedacht, die ihm die zuweilen unleidige Arbeit als Theaterdirektor versüßten. Er hatte sich aber mit einem etwas delikaten Problem auseinanderzusetzen, wie er 1825 gegenüber Eckermann bekennt:

„Es fehlte unserem Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. – Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegen kam. Allein ich faßte mich und sagte: nicht weiter! – Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches persönliches Glück. Hätte ich mich in irgendeinen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magneten an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters…“

Er nennt zwei von mehreren Schauspielerinnen, die es offensichtlich darauf angelegt haben, durch ihr Entgegenkommen zu seiner Favoritin zu werden: Euphrosyne und die Wolff. Gemeint ist neben der jüngsten Tochter des Schauspielern Malcolmi, Amalie, die später ihren Kollegen Pius Alexander Wolff heiratete, die blutjunge Christiane Neumann, die aus der Bellomoschen Truppe übriggeblieben war und der er wegen ihrer letzten Rolle, die sie spielte, den Beinamen Euphrosyne gab und sie in einer Elegie feierte.

Als das neue Theater 1791 mit einem Stück August Wilhelm Ifflands – Die Jäger – eröffnet wird, spielt die junge Christiane Neumann eine der Hauptrollen. „Sie war mir in mehr als einem Sinne lieb“, schreibt Goethe später über sie. Und: „Es kann größere Talente geben, aber für mich kein anmutigeres.“ Diese Anmutige, von der Wieland begeistert ausruft: „Wenn sie nur noch einige Jahre so fortschreitet, wird Deutschland bald nur noch eine Schauspielerin haben!“ und von der Iffland während eines Gastspiels 1796 in Weimar sagt: „Sie kann alles, denn nie wird sie in den künstlichen Rausch von Empfindsamkeit, das verderbliche Übel unserer jungen Schauspielerinnen, versinken“, verausgabt sich jedoch sehr schnell: Nach zwei schwierigen Geburten – mit 14 Jahren hatte sie den Schauspielerkollegen Heinrich Becker geheiratet – verstirbt sie an einer Tuberkulose, noch nicht einmal zwanzigjährig. (Ein von Goethe initiiertes Denkmal, das heute hinter der Fürstengruft steht, erinnert an sie; mit seiner Elegie Euphrosyne hat Goethe ihr zudem ein literarisches Denkmal gesetzt.)

Ende 1797 von seiner Schweizer Reise nach Weimar zurückgekehrt, findet Goethe somit eine große Lücke vor: „Christiane Neumann fehlte, und doch war’s Platz noch, wo sie mir so viel Interesse eingeflößt hatte. Ich war durch sie an die Bretter gewöhnt, und so wendete ich mich dem Ganzen zu, was ich ihr fast ausschließlich gewidmet hatte.“Diese Worte machen deutlich, wie sehr Christiane in seiner Theaterwelt im Mittelpunkt gestanden hat. Caroline Jagemann ist hier, auch wenn sie auf Veranlassung Goethes engagiert wurde, zunächst eine Ersatzlösung. Das wird sie allerdings nicht lange bleiben.

Nach einer sechsjährigen Ausbildung am Mannheimer Theater unter Iffland kehrt sie als 19jährige in ihre Heimatstadt Weimar zurück und erhält am Hoftheater eine Anstellung, die sie zum Schauspiel sowie zum Gesang verpflichtet. Goethe selbst hat die Bedingungen, insbesondere die ungewöhnlich hohe Dotierung ihres Vertrages – was schon bald für Unmut bei den Mitspielern sorgen wird –, mit dem Herzog ausgehandelt. Bald wird sie zu einer Figur, die das Weimarer Theater – und damit auch Goethes Tätigkeit als Direktor – in den nächsten Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht prägen wird.

Henriette Caroline Friederike Jagemann wird am 25. Januar 1777 in Weimar als älteste Tochter des Bibliothekars der Herzogin Anna Amalia, Christian Joseph Jagemann, geboren. Ihr Talent liegt im Gesang und in der Schauspielerei; sie wird 1790, also mit dreizehn Jahren, in die Obhut des Mannheimer Nationaltheaters gegeben, wo sie unter der Leitung des Regisseurs Iffland eine gründliche Ausbildung sowohl im Gesang als auch im Schauspiel erhält. Mit ihrer ersten Rolle als Feenkönig Oberon in der Oper von Wranitzky nach dem Versepos von Christoph Martin Wieland entzückt und bezaubert sie das Publikum, das sich nicht nur an ihrem Gesang ergötzt, der „einem Nachtigallenton glich, voll Süße, Rundung und Kraft“, sondern auch an der zierlichen Gestalt mit dem rotblonden Lockenschopf. Tatsächlich scheinen schon die ersten Kritiker und Rezensenten von ihrer Ausstrahlung fasziniert gewesen zu sein; noch vor der Qualität ihres Gesangs oder ihrer Schauspielkunst verweisen sie auf Äußeres. In der ersten Kritik der Oberon-Aufführung vom 7.10.1792, also aus der frühen Mannheimer Zeit, heißt es in überschwänglichem Ton:

Dlle. Jagemann hat ein niedliches kleines Figürchen, hochblondes Haar, ein feuriges Auge und ein ausdrucksvolles Gesicht. Sie erschien wie ein Wesen höherer Art, umgeben von allem Feenreiz, den Romanzendichter im Schwung der trunkenen Einbildungskraft diesen Geschöpfen beilegen. Sie sang – und bezauberte: ihre Stimme ist ein Silberton, rein wie die Harmonie der Sphären; ihrer Töne rollen dahin, wie die süß murmelnden Wellen des Spiegelbaches, der durch Blumentäler sich schlängelt.“

Soweit der Rezensent über die gerade 15jährige Sängerin. Als ein solches „Wesen höherer Art“ scheint auch Iffland sie angesehen zu haben; er nennt sie, die knabenhafte Caroline, seinen „kleinen Gott des Tages“.

Die Rückkehr in ihre Heimatstadt ist für sie ein Triumph. Auch in Weimar ist der Oberon ihre erste Rolle, und über Nacht ist sie „Weimars angebetete Göttin.“ Caroline Jagemanns Spielkunst muss hinreißend gewesen sein. Sie spielt alle großen Opernrollen (hier begeistert sie insbesondere in den Mozartopern, der Entführung sowie der Zauberflöte) und die großen klassischen Rollen des Schauspiels in Dramen von Goethe, Schiller, Shakespeare; ohne Mühe findet sie sich auch in komische Rollen hinein, in denen sie ihre unerschöpfliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen kann. Insbesondere die Männerwelt ist von ihr hingerissen; wie schon in Mannheim beobachten die weiblichen Theaterbesucherinnen das Wirken des temperamentvollen Wirbelwinds mit einigem Misstrauen. Goethe bezeugt diese Wirkung in seinen Tages- und Jahresheften auf das Jahr 1801: „Meine schöne und talentvolle Freundin Demoiselle Jagemann hatte […] das Publikum auf einen hohen Grad entzückt; Ehemänner gedachten ihrer Vorzüge mit mehr Enthusiasmus als den Frauen lieb war, und gleicherweise sah man eine erregbare Jugend hingerissen […]“. Immer wieder werden in den Besprechungen neben ihren gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten auch ihre körperlichen Vorzüge hervorgehoben, ihre Anmut der Figur und des Ganges, der Liebreiz ihres Antlitzes usw.…

Die Zusammenarbeit zwischen dem Theaterdirektor und dieser neuen Zierde auf der Weimarer Bühne ist von Anfang an nicht unproblematisch. Haben die bisherigen Schauspieler und Schauspielerinnen, einschließlich der hochbegabten Christiane Neumann-Becker, sich, größtenteils mangels besserer Kenntnisse, Goethes Vorstellungen und Anweisungen klaglos und kritiklos unterworfen, so findet sich die in Mannheim glänzend ausgebildete Caroline Jagemann nicht mit den in ihren Augen kümmerlichen Verhältnissen ab. Dies beschreibt sie in ihren autobiographischen Aufzeichnungen recht schonungslos. Schon die Aufführung der Zauberflöte, in der sie selbst noch nicht mitspielt, sondern nach Goethes Anweisung lediglich „Anschauung nehmen“ soll, empfindet sie trotz des betriebenen Aufwands – Goethe selbst hat das Bühnenbild entworfen – als Katastrophe. Die Sänger improvisieren viel, werden ihren Rollen nicht gerecht, lassen das Ganze – durchaus zum Vergnügen des Publikums – zum Klamauk entarten. Enttäuscht ist Caroline über das Verhalten Goethes: Er lacht nicht, ist aber auch nicht ärgerlich oder gar zornig, sieht offensichtlich keine Veranlassung, die Akteure zu kritisieren, um künftige Vorstellungen anspruchsvoller zu gestalten.

Der niederschmetternde Eindruck bleibt kein Einzelfall. Alles wird noch schlimmer, als sie selbst ihre Premiere als Feenkönig Oberon erlebt. Mit Bedrückung wird Caroline des Unterschiedes zu der Qualität, für die Iffland in Mannheim gesorgt hatte, gewahr. „In Mannheim war alles einfach aber so anmuthig arrangirt“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. „Ich kam direct von einer Bühne, die nach Regeln geleitet wurde und auch darin, wie in so mancher Hinsicht allen andern zum Muster dienen konnte, daß der Ton, der unter [den] Künstlern herrschte von der höchsten Anständigkeit, ich möchte sagen Feinheit war. Hier regierte die Willkühr, der Despotismus.“ Ohne Umschweife schreibt sie die Mängel, die ihrer Meinung nach leicht beseitigt hätten werden können, dem „Lenker der Weimarischen Theatergeschicke“ zu. Was bei Iffland selbstverständlich war: dass jeder nicht nur seine eigene Rolle, sondern auch die anderen kannte, um überhaupt zu wissen, wie sein Part in den der anderen eingebunden war – das ist hier nicht so. So sei nicht nur ihr, sondern auch den anderen Künstlern die „Freude an der Arbeit“ verdorben worden.

Caroline sucht das Gespräch mit Goethe. Dieser ist zurückhaltend, ja kalt. Aber Caroline wagt es dennoch, die Missstände zu benennen – und zugleich Wege aufzuzeigen, wie diese verändert werden könnten. Sie möchte schon, dass die Leute lachen, wenn das Stück es erlaubt, also über die gelungene Darstellung, aber doch nicht über grimassierende oder gar betrunkene Schauspieler, die ihre Rolle mit „unglaublicher Rohheit und Gemeinheit“ spielen, so dass sich „der Ton im Allgemeinen ]nicht viel von] einer herumziehenden Truppe“ unterscheidet.

Goethes Reaktion ist nicht überliefert. Wohl muss er den Vorstoß der jungen Schauspielerin als Affront betrachtet haben; ein solches Auftreten war er nicht gewohnt. Aber immerhin – und dies mag man als Erfolg der Jagemann ansehen – erscheint einige Zeit später ein Theater-Gesetz für die Weimarsche Hof-Schauspieler Gesellschaft, in dem Geldstrafen angekündigt werden im Falle des Zuspätkommens, der eigenwilligen, dem Stück unangepassten Kostümierung, des Lärmens, Schreiens und Lachens während der Proben, des Schnäuzens und Auf-den-Boden-Spuckens sowie des Grimassenschneidens zu dem Zwecke, andere aus der Fassung zu bringen… Alle Mitglieder des Ensembles haben zu unterschreiben.

Goethe dürfte gespürt haben: Diesem kleinen Querkopf geht es um die Sache, nicht um die Befriedigung niedriger Eitelkeiten. Und er muss ihr recht geben. Schließlich hat er selbst jenen gefürchteten Schlendrian beklagt und gegen ihn anzukämpfen versucht. – In der Folgezeit ist vieles, gemäß des Weimarer Theatergesetzes, besser geworden – aber längst nicht alles. Das Personal, größtenteils grobschlächtige Leute mit plumpen Umgangsformen, widersetzt sich hartnäckig allen Bemühungen der Verbesserung sowohl der Sitten als auch des gewöhnlichen Tones. Die frisch erlassenen Theaterregeln werden oft missachtet; sobald Goethe außer Haus ist (und das ist oft der Fall), schert sich keiner drum. Von Caroline lässt sich ohnehin keiner etwas sagen. Sie ist auch recht bald isoliert; aufgrund ihres vergleichsweisen hohen Salärs gilt sie schnell als Favoritin des Direktors.

Dieser behandelt sie nach außen hin nicht anders als die anderen Schauspieler: herrisch, kalt, keinen Widerspruch duldend. Sie ist klug genug, sich bei den Proben seinen Anweisungen zu fügen, obwohl es sie des Öfteren drängt zu opponieren. Im Kleinen scheint sie schon widersetzlich gewesen zu sein; Zeitgenossen beschreiben sie nachsichtig-verständnisvoll als „mutwillig“. Aber sie möchte den Graben zwischen sich und den übrigen Mitgliedern des Ensembles nicht vergrößern. Sie ist nichtsdestoweniger die einzige, die es wagt, nach den Proben vor ihn zu treten und um Veränderungen zu bitten, die ihr unerlässlich erscheinen. Sie tut es nicht fordernd: Damit würde sie nichts erreichen. Tapfer vermeidet sie jeglichen Anschein eines persönlichen Interesses, sei es für sie oder an ihm, sie argumentiert ausschließlich für die Kunst. Da dieser Anspruch aber auch von Goethe eine Unterordnung im Interesse der Kunst verlangt, ist es kein Wunder, dass es hier zu erheblichen Spannungen kommen muss.

Fast ungewollt gerät Caroline jetzt in eine verzwickte Situation. Der Herzog Carl August hat unverhohlen eine heftige Neigung zu der kleinen Sängerin gefasst. Er wirbt öffentlich um sie. Verschiedene Berichte und Anekdoten bezeugen dieses Interesse. Er wagt es sogar, sich seiner Mutter zu widersetzen. Diese duldete die Liebschaften ihres Sohnes, solange diese ihr die im vertraulichen Liebesgeflüster verratenen Pläne und Gedanken Carl August hinterbrachten. Solche Spionagedienste sind jedoch bei der widerspenstigen Jagemann nicht zu erwarten; die Herzogin versucht deshalb ihrem Sohn diese Neigung auszureden – ohne Erfolg. Und während einer Landpartie auf Schloss Ettersburg, bei der alle Größen Weimars anwesend sind, wird Caroline Jagemann als die Herzensdame Weimars gekürt. Jetzt ist endgültig offiziell: Sie ist die Favoritin des Herzogs.

Carl August Gattin Luise fühlt sich keineswegs gedemütigt. Sie hat nicht nur nichts dagegen, dass sich die sexuelle „Kraft“ ihres Mannes anderswo austobt; sie befördert dieses Verhalten sogar durch eigenen Zuspruch. Sie ist der Jagemann durchaus wohl gesonnen.

Diese aber ist keineswegs bereit, sich sofort mit dem Herzog einzulassen. Sie bleibt reserviert; mehrfach weist sie ihn zurück. Das steigert seine Leidenschaft allerdings nur noch mehr, und es darf unterstellt werden, dass die anfängliche Begierde sich mehr und mehr in eine tiefe und echte Zuneigung wandelte. Er stellt allerlei Versuche an, die junge Künstlerin für sich zu gewinnen, er fördert sie, wo er nur kann, und er arrangiert sogar für sie einen längeren Gastspielaufenthalt in Berlin: Dort wird Caroline huldvoll von der Königin von Preußen empfangen, und – rein zufällig – taucht auch der Herzog Carl August auf. Ohne Zweifel sind solche Avancen für die Umworbene beeindruckend gewesen. Dass sie ihnen trotzdem lange widerstanden hat, liegt nicht nur daran, dass sie sich ihrer Zuneigung zu dem Verehrer nicht sicher war. Es gibt noch einen weiteren kulturhistorisch interessanten Grund.

Unter dem Einfluss der Französischen Revolution sowie dem wachsenden Selbstbewusstsein des Bürgerstandes hat sich mehr und mehr eine Wandlung in der Beurteilung der familiären Lebensführung durchgesetzt, und zwar eine Wandlung im Hinblick auf die Moralität. Nicht zufällig ist dies die Zeit, in der sich die ersten sogenannten „bürgerlichen Trauerspiele“ durchsetzen – hier sind Lessings Emilia Galotti und vor allem Schillers Kabale und Liebe zu nennen –, in denen die Moralität des Bürgertums über die amoralische Freizügigkeit des Adels, die Integrität über die Libertinage, gestellt wird. Es darf behauptet werden, dass Caroline sich einfach zu schade fühlt, eine Mätresse zu werden; und – obwohl sie den Herzog schon als Kind bewundert und verehrt hat und dessen Ernsthaftigkeit der Bemühungen jetzt durchaus anerkennt – behält sie ihre Ablehnung zunächst auch bei, als der Herzog eine Verbindung vorschlägt, die ihr die Rolle einer Pseudo-Ehefrau eingebracht hätte, nämlich die sogenannte „morganatische Ehe“ (auch „Ehe zur linken Hand“ genannt). Aber einen schriftlichen Antrag des Herzogs – er macht seine angegriffene Gesundheit geltend, die nur sie zu heilen imstande sei – lehnt Caroline ab: „Ich stellte dem Herzog vor, daß ich nicht würde ertragen können vor den Augen der Welt so tief herabgesuncken zu stehen, daß ich mich selbst verachten würde […]; daß ich [zwar] für ihn zu sterben wünschte, aber mich nie dazu verstehen würde meinen Ruf und meine Ehre preis zu geben.“ Während einer Gastspielreise in Rudolstadt (im August 1799) erkrankt sie schwer; der Herzog stellt ihr Schloss Ettersburg zur Verfügung, um sich zu pflegen und zu erholen. Sie nimmt dieses Angebot an, weist seinen Antrag aber erneut zurück, ebenso drei weitere. Nach zwei Jahren heftigen Werbens kommt es dann zum Bruch; Caroline kündigt das Engagement in Weimar. Ihr an Verehrung grenzendes Ansehen beim Theaterpublikum ist aber inzwischen derart gewachsen, dass sie sofort Angebote anderer Bühnen bekommt, sie feiert triumphale Erfolge, unter anderem in Wien und Berlin, dort bewundert man sie als „des höhern Deutschlandes beliebteste Schauspielerin“. Wenig später wird sie – zu erheblich verbesserten Konditionen – erneut in Weimar angestellt. Und jetzt, im Dezember 1801, willigt sie endlich in eine Verbindung mit Carl August ein.

Goethe gegenüber bleibt sie in der Durchsetzung ihrer Vorstellungen von Theater kompromisslos – und dies kann auf Dauer nicht gut gehen. Es hat sich zwar, wie schon angemerkt, einiges gebessert, und der ursprüngliche Schlendrian kann weitgehend als ausgerottet gelten, aber ein neues Grundproblem hat das alte abgelöst. Goethe besteht penibel darauf, was als „Weimarer Stil“ nicht nur Bewunderung, sondern auch Kritik und Spott hervorruft: auf der genauen Einhaltung eines durchgeformten Stils bis hinein – wie oben vermerkt –in die Fingerhaltung und die Silbenbetonung. Die Folge ist oft ein Abgleiten in die Pose und in falsche Feierlichkeit. Es fehlt meist, gerade wenn das jeweilige schauspielerische Talent nicht ausreicht, an Lebendigkeit und Feuer; stattdessen herrschen Monotonie und Deklamation vor. Hat es zuvor zu viel Improvisation gegeben, so fehlt diese jetzt völlig. Caroline dagegen verabscheut das Festhalten an einem – in ihren Augen – falschen Pathos, sie setzt sich für Natürlichkeit und Lebhaftigkeit ein, ohne zum Stegreiftheater zurückkehren zu wollen.

Offen ausgetragen werden diese Konflikte nicht. Aber sie führen zu einem ständigen Machtkampf. Als Caroline nach ihrer schweren Erkrankung 1799 nach Weimar zurückkehrt, hat durch Anweisung Goethes eine andere – und willfährige – Schauspielerin die Rollen Carolines übernommen: Friederike Vohs. Bei Doppelbesetzungen schlägt sich das Publikum jedoch auf die Seite Carolines, und auch Schiller ergreift für sie Partei.

In diesem ständigen Kleinkrieg mit den zahlreichen Versuchen der Zurückset#zung hat Caroline aber nicht nur zeitweise Schiller als Fürsprecher auf ihrer Seite, sondern insbesondere den Herzog, und da sie bald erkennt, dass sie ihre eigenen Vorstellungen gegen Goethe nicht anders durchsetzen kann, nimmt sie diese Unterstützung dankbar an. Die treue und aufrichtige Zuneigung, die er ihr zukommen lässt, dürfte der Hauptgrund gewesen sein, seinem Liebeswerben nachzugeben.

Es mehren sich Goethes Demissionsabsichten, die der Herzog ihm immer wieder auszureden weiß. Sicherlich haben der 1798 vollendete Neubau des Hoftheaters und die gelungenen Uraufführungen des Wallenstein seine Freude am Theater wiederbelebt, und hier spielt die „neue Zierde“ Jagemann eine wesentliche Rolle. Auch der persönliche Umgang bleibt zunächst freundschaftlich; in den Aufzeichnungen Goethes und der Zeitgenossen ist von vielen Zusammenkünften die Rede, erst recht nachdem Caroline an ihrem 32. Geburtstag, am 25. Januar 1809, als Frau von Heygendorff in den erblichen Adelsstand erhoben wird. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kümmert sich Goethe in Abwesenheit des Herzogs um Caroline; der am 25. Dezember 1806 geborene Sohn erhält den Namen Carl Wolfgang. Goethe wird auch Taufpate.

Dennoch führt die immer deutlicher zur Schau gestellte Selbstsicherheit Carolines und ihr wachsender Einfluss auf das Theatergeschehen für häufigen und nachhaltigen Ärger. Erneut trägt sich Goethe mit Rücktrittsgedanken; in den Augen vieler Zeitgenossen ist die Jagemann eine Intrigantin. Erneut äußert er Demissionsabsichten, die der Herzog jedes Mal zu zerstreuen weiß. Und auch Christiane, seit 1806 Frau von Goethe, hilft, im Verein mit der Herzogin Luise, schwelende Unstimmigkeiten zwischen dem Herzog und Goethe zu lösen, indem Oper und Schauspiel künftig getrennt werden, außerdem sollen Carolines Rollen fortan doppelt besetzt werden. Das funktioniert in der Folgezeit auch recht gut, und Goethe scheint sich damit abgefunden zu haben, dass die Schauspielerin mehr und mehr auch die Administration des Hauses übernimmt, zusammen mit dem Bassisten Strohmeyer (woraus die spottsüchtigen Weimarer das Konsortium „Jagemeyer und Strohmann“ machen). Nach wie vor stellt er sich gerne im Deutschritterhaus ein, um mit der Gastgeberin und deren Gästen zu plaudern.

Schließlich aber kommt es dann doch –1817– zur endgültigen Niederlegung des Amtes. Die leidige Geschichte, die den Anlass dazu gibt, ist die des „Hundes des Aubry“. Ein ursprünglich französisches Melodrama dieses Titels ist bereits in Berlin erfolgreich aufgeführt worden. Ein Verbrechen wird dort in einer Art Gottesurteil mit Hilfe eines dressierten Hundes aufgeklärt. Caroline beschließt, dieses Stück zu Ehren ihres Mannes, der ja ein großer Hundefreund ist, in Weimar zu geben; es soll ein dressierter Pudel auftreten.

Goethe, der bekannte Hundehasser, ist empört. Seine Theaterregeln hatte er noch 1812 durch die Erneuerten Anordnungen für das Weimarische Theater ergänzt, in deren Paragraph 14 es heißt: „Kein Hund darf mit auf das Theater gebracht werden.“ Obwohl ja auch in seinem Faust ein Pudel vorkommt (in dem jedoch, im wahrsten Sinne des Wortes, der Teufel steckt), hat er sich stets dagegen verwahrt, ein leibhaftiges Tier auf die Bühne zu bringen. Aber da Caroline, wie so oft, mit dem Herzog im Rücken ihren Kopf durchsetzt und den Hund tatsächlich auftreten lässt (der seine Aufgabe im Übrigen anstandslos erledigte), warf Goethe dem Herzog die Theaterleitung hin. Der Vorgang wird in Weimar mit einem umgewandelten Schiller-Vers ins Lächerliche gezogen: „Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen / und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen.“ Auch der Herzog vermag ihn jetzt nicht mehr umzustimmen.

Es spricht vieles dafür, dass Goethe nur einen Anlass gesucht hat, die ungeliebte Aufgabe, die er schon mehrfach hatte kündigen wollen, endlich loszuwerden. Johannes Falk hat in seinen nachgelassenen Erinnerungen Goethes Position als Theaterdirektor eindrucksvoll beschrieben. Diese Darstellung berechtigt auch dazu, Carolines Rolle differenzierter zu betrachten, als dies in der Goethephilologie größtenteils getan wird:

„Seine [Goethes] Hand lag schwer auf den Theaterleuten, das Publikum schalt er aus, verfolgte Altersgesinnte und verfemte die Journale wegen Lappalien; aber alle diese Leute machten ihm auch das Leben durch ihre Capricen, Ansprüche, Geschmacklosigkeiten und Torheiten sauer, und vor allem der Herzog, der […] den regelmäßigen Gang der Geschäfte störte und das Ansehen der Direktion untergrub. Deshalb nannte er das Theater ein miserables Geschäft und einen Bettel, den Direktor einen Sisyphus und Packesel […]. Nur ehrenhalber wich er nicht vom Posten; wurde aber die Plackerei zu arg, vergrub er sich in einen seiner anderen Berufe und ließ den Dingen eine Weile ihren Lauf.“

Falk hält Goethe zugute, idealistische Vorstellungen von einem funktionierenden klassischen Theater zu haben – und durch die Praxis immer wieder enttäuscht worden zu sein.

Dass Caroline von Heygendorff in der Folgezeit das Theater in ihrem Sinne souverän weiterführt, hat diesem jedenfalls nicht geschadet – und Goethe kann sich, weniger belastet, seinen vielfältigen anderen Aufgaben zuwenden. Es kann keine Rede davon sein, dass Caroline – wie es in der Literatur oft heißt – die „verhasste“ Gegenspielerin gewesen sei; das Verhältnis bleibt familiär. Es gibt in der Folgezeit genügend Anlässe, wieder miteinander Frieden zu schließen. Goethe zeigt sich jedenfalls großmütig und würdigt auch weiterhin ihre schauspielerischen Leistungen. „Eine edle Simplizität bezeichnete ihr Spiel und ihre Sprache, und beides wusste sie, wo es nötig war, auch zu tragischer Würde zu erheben.“ Als eine schöne Geste mag gelten, dass 1822, anlässlich einer Feier zu Goethes Genesung nach langer Krankheit, eine Aufführung seines Torquato Tasso gegeben wird: Caroline schmückt Goethes Büste mit einem Lorbeerkranz, den sie ihm anschließend im Kostüm der Prinzessin von Este zu Hause überreicht. Und wenn wir erfahren, dass Goethe seinen 75. Geburtstag bei Caroline feierte, dürfen wir annehmen, dass dies mehr als eine bloß gesellschaftliche Verpflichtung war.

„Ein ganz neues Leben“ habe unsere – die Weimarer – Bühne durch Caroline Jagemann erhalten, hatte Goethe am 29.1.1797 (also ein Vierteljahrhundert zuvor) an Schiller geschrieben, und wir können konstatieren, dass diese bemerkenswerte Schauspielerin nicht nur die Weimarer Bühne, sondern auch die Weimarer politischen und geistigen Größen ordentlich belebt hat.

Adele Schopenhauer als Künstlerin und Kunstkritikerin

Das Gefühl der Schönheit ist ein zartes Glück und in der Kunst bleibt es ungetrübt – Adele Schopenhauer

Vortrag von Francesca Müller-Fabbri, Weimar, am 4. Februar 2020

Adele Schopenhauer wird 1797 in Hamburg geboren und stirbt 1849 in Bonn, aber sie ist vor allem mit Weimar und im Besonderen mit Johann Wolfgang von Goethe verbunden. Im Herbst 1806 kommt sie mit ihrer verwitweten und vermögenden Mutter in die Stadt. Johanna Schopenhauer gelingt es hier, in den Kriegswirren der Schlacht von Jena und Auerstedt, ein neues geselliges Zentrum zu etablieren und fortan „die ersten Köpfe in Weimar und … Deutschland“ um ihren „Theetisch“ zu versammeln. Adeles ästhetisch-intellektuelle Bildung vollzieht sich gewissermaßen im Salon der Mutter, der zugleich von klassizistischen und romantischen Idealen geprägt ist. Sie lernt Italienisch, Französisch, Englisch, musiziert, deklamiert und malt. Im Salon verkehrten viele Intellektuelle, Bürgerliche, Adlige, Maler, Schriftsteller und andere Künstler. Goethe kam zweimal in der Woche. Vor allem Themen der klassischen Antike standen im Vordergrund. Adele war durchaus keine schöne, graziöse Erscheinung, was zu damaliger Zeit als ein großer Mangel empfunden wurde. Aus diesem Grunde wurde ihr Porträt gelegentlich in milderndem Sinne retuschiert, wie Vergleiche zeigen. In Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ wird sie ebenfalls karikiert. Dagegen zeigt der entsprechende DEFA-Film unter Regie von Egon Günther eine selbstbewusste Frau, die auch ihre erotische Freiheit lebt, was allerdings nicht Gegenstand des Romans ist.

Eine Freundin Adels war Ottilie von Pogwisch, die spätere Schwiegertochter Goethes, Adele bezeichnete sie als „ihre Schwester“. „Der Vater“ – Goethe – lobte ihre schönen Scherenschnitte. Künstlerisch bildete sich Adele autodidaktisch aus. Ein Scherenschnittthema ist „Die Einsiedelei des Kandu“, die aus ihren Studien in der Indischen Bibliothek des August Wilhelm Schlegel entstand. Es sind stets Traumbilder. Immer beschäftigt sie sich mit literarischen Themen, verändert aber Literatur in ihren Bildern. Dies trifft auch auf das „Hochzeitslied“ von Goethe, ein Gelegenheitsgedicht, zu. Goethe hat an der Produktion der Scherenschnitte auch unmittelbar teilgenommen. Er schrieb auch ein Gedicht für Adele. Er hat Adele sehr gemocht, sie war sein Liebling. So entstand auch das Gelegenheitsgedicht „Zarte Schattengebilde, fliegt zu eurer Künstlerin …“.

Aufgrund finanzieller, familiärer und gesellschaftlicher Probleme entschließt sich Adele Schopenhauer nach zwei Jahrzehnten, Weimar zu verlassen, um ab 1829 sommers in Unkel am Rein und winters in Bonn zu wohnen. Die enge Beziehung zum „gütigen Vater“ Goethe lebt in Briefen fort, die von emotionaler Nähe zeugen und vielerlei Themen berühren. Adele schreibt über ihre Ausbildung im Zeichnen, teilt Lektüreeindrücke, gibt Nachrichten vom Bonner Universitätsleben und aus naturwissenschaftlichen Kreisen. Überdies vermittelt sie Mineralien, Altertümer, Bücher und Radierungen, die Eingang in seine Sammlungen finden. Im Gegenzug darf sie um Autographen und Medaillen bitten. Goethe antwortet stets interessiert und ermunternd, wünscht weitere Briefe und hofft: „Möge es unter uns noch lange beim Alten bleiben“.

In Unkel lässt Adele ein Bild ihres Häuschens anfertigen, damit sich der „liebe beste Vater” in Weimar den neuen Wohnort vor Augen führen kann. Bis an sein Lebensende bleiben sie miteinander vertraut.

Erste literarische Versuche sind „Die Tagebücher“ und das Märchen „Farben und Töne“.

Ab 1815 brechen wieder schwere Zeiten an. Die Aristokratie herrscht erneut in Weimar, die Offenheit, wie sie zwischen 1806 und 1815 herrschte, ist vorbei. Die beiden Schopenhauer-Frauen dürfen nicht mehr am höfischen Leben teilnehmen.

1819 macht das Bankhaus bankrott, in dem Johanna Geld angelegt hatte. Beide Frauen sind plötzlich arm, Arthur allerdings nicht. Er hat sein Geld in verschiedenen Unternehmungen angelegt. Adele befällt eine starke Depression. Sie schreibt unter dem Pseudonym Leo, zum Beispiel „Tagebuch einer Einsamen“ und ebenso das Märchen „Farben und Töne“. 1826 zieht sie nach Unkel am Rhein. Dort ist es klimatisch günstiger als in Weimar. Statt in einem Palast wohnt sie jetzt auf einem Bauernhof, den ihr ihre Freundin Sibylle Merten-Schaaffhausen verschafft hatte. Sie schreibt nun als Autorin unter den Pseudonymen Viator, Alma, Adrian van der Venne. So entsteht zum Beispiel „Der Nachtfalter und das Sonntagskind“. Es ist ein Märchen und spielt in Beethovens Geburtshaus. Unter Pseudonaym zu schreiben, gewährte den Autorinnen nicht nur Schutz (ohnehin galt es als verpönt, wenn sich Frauen literarisch betätigten), sondern auch eine enorme Freiheit. Ihr Liebesgedicht „Inneres Bangen“ wurde in einer Zeitschrift publiziert. Sie verlobte sich mit Gottfried Osen, doch der war arm, daher gab es auch keine Hochzeit. Er wollte nicht Arzt sein, entschloss sich dagegen, Künstler zu werden.

Jetzt pflegte Adele das Genre der Arabeske. Dies bot eine schöne Gelegenheit, denn Frauen durften keine Akademien besuchen, das sie ja dort auch Männerakte hätten zeichnen müssen, was undenkbar war. Auch Porträts und Historienmalerei blieb ihnen versagt. Aber Abaresken, Grotesken, die Darstellung von Blumen und Insekten und anderem Getier blieb ihnen erlaubt.

Johanna verfolgte eine tolle Idee. Sie bat Großherzog Carl August um eine „Hofrente“; ihr Salon hätte Weimar ja berühmt bemacht, so ihre Begründung. Dem wird 1837 zugestimmt. Allerdings muss das Geld im Herzogtum ausgegeben werden

Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Adele ihre Freiheit aus. Sie unternimmt Reisen und pflegt eine intensive Korrespondenz mit Goethes beiden Enkeln. Für Opern von Wolfgang von Goethe arbeitet sie als Librettistin und für Wolfgang Maximilians Drama „Die Ilmnixe“ als Dramaturgin, dies wird jedoch nicht erwähnt. Es ist bereits eine emanzipatorische Geschichte, bereits im Sinne des Vormärz geschrieben. Auch betätigt sich Adele als Kunst- und Literturkritikerin für verschiedene deutsche und englische Zeitschriften. Erzählungen und Gecihte erscheinen im Jenaer „Frauen-Spiegel“; einer Zeitschrift, die ausschließlich Frauenthemen behandelte und auch von Frauen mit Texten versorgt wurde. Sie illustrierte Notenblätter mit Arabesken, aber auch Alben, die zu damaliger Zeit sehr in Mode kamen. Sie übte sich gleichfalls im Kupferstich. Ihre Grotesken, „les fleus animees“, sind bereits visionäre Elemente, sie waren um 1840 schon sehr modern.

Es bahnte sich eine Freundschaft mit der Dichterin Annette Droste von Hülshoff an. Die drei Frauen, Droste, Schopenhauer und Merten-Schaaffhausen verlebten eine Zeit am Rhein.

1842 wird ihre Freundin Sibylle Witwe. Nach dem obligatorischen Trauerjahr zieht es sie sofort nach Italien, und sie nimmt Adele mit. Hierzu braucht Adele Geld, sie verkauft Texte, die erstmals unter ihrem Namen bei Brockhaus verlegt werden. Dies sind die Haus-, Wald- und Feldmärchen. Es erscheint der emanzipatorische Roman „Anna“. In Italien verfasst sie auch einen Reiseführer „Florenz“, speziell für Frauen. Auch ein dänischer Reiseführer erscheint, da sie mit einer Gruppe Dänen in Rom bekannt geworden ist. Sie korrespondiert für verschiedene eruopäische Literaturzeitschriften und Kunstjournale, besucht die Bibliohek des Vatikan und beschäftigt sich mit Dante.

Sie erkrankt lebensgefährlich in Florenz, kehrt nach Deutschland zurück, möchte wieder nach Italien, doch sie stirbt.

Symbolisch gedeutet für die Beziehung zwischen Goethe und Adele Schopenhauer wurde auch der 28. August 1849, der 100. Geburtstag des „theuren Vaters“, an dem Adele Schopenhauer auf dem Alten Bonner Friedhof beigesetzt wurde. Ottilie von Goethe kann gegenüber der gemeinsamen Freundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen nur bemerken:

„Während man in Deutschland jubelt, schreibe ich dir mit einem Herzen zerissen von Weh.“

Sibylle nimmt das schicksalshafte Datum zum Anlass, um eine besondere Gedenkmedaille an Freundinnen und Freunde zu verschenken. Sie ließ die im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main angefertigte Münze „Zu Göthe‘s hundertjähriger Geburtsfeier am 28 August 1849“ mit der zusätzlichen Gravur „wurde in Bonn begraben Adele Schopenhauer“ versehen und verteilen.

Francesca Müller-Fabbri und Claudia Häffner kuratierten 2019 im Auftrag der Klassik-Stiftung Weimar die Ausstellung „Weil ich so individuell bin“ im Goethe- und Schiller-Archiv.

Sigmund Freud – Leiden an der Kultur

Vortrag von Richard Dollinger, Gera, am 8. Januar 2020

Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.“ Mit diesen Worten übergibt der vierte Rufer im Mai 1933 in Deutschland und im November 1938 in Österreich die Schriften des Juden Freud den Flammen.

Sigismund Schlomo Freud wird als Sohn chassidischer Juden am 6. Mai 1856 in der österreichisch-ungarischen Monarchie, in Mähren, geboren, er verstirbt am 23. September 1939 in London. Am 4. Juni 1938, im Alter von 82 Jahren, muss er seine Wohnung und Praxis in Wien, in der er seit 47 Jahren wohnte und arbeitete, verlassen. Von 16 Juden, die in der Berggasse 19 in Wien wohnten, überlebten nur drei die Konzentrationslager. Kurz vor seiner Ausreise wird Freud von der Gestapo genötigt eine Erklärung zu unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden sei. Freud unterzeichnete und fügte hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“

Während andere dicke Bücher über das Leben des jüdischen Wissenschaftlers im antisemitischen Wien schreiben, notiert er selbst,: „Mein Leben ist äußerlich ruhig und inhaltslos verlaufen und mit wenigen Daten zu erledigen.“ So schmal wie seine biographische Notiz, so schmal sind die Ehrungen die ihm zu Lebzeiten zuteil werden, es sind gerade eben einmal deren zwei. 1935 wird er Ehrenmitglied der Britischen Gesellschaft für Medizin. 1930 steht er, auf Betreiben und mit Einflußnahme von Thomas Mann und Alfred Döblin, auf der Nomininierungsliste für den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Mit 4:3, einem denkbar knappen Ergebnis und begleitet von heftigen antisemitischen Angriffen, wird ihm der Preis zu teil. Seit 1964 vergibt die Deutsche Akademie für Sprache einen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Es ist ein Hinweis, dass Freud gut lesbar ist und Alfred Döblin, Neurologe wie Freud, schreibt über seinen Kollegen und Freund: „Man beachte den einfachen, klaren Stil; er sagt ungekünstelt und phrasenlos, was er meint; so spricht einer, der etwas weiß.“

Eine Ehrenmitgliedschaft, ein Goethepreis der Stadt Frankfurt/Main, seit 1964 ein nach ihm benannter Preis und erst 1984 wird man in Wien einen hausnummernlosen Park nach ihm benennen. Freud war zu Lebzeiten eine persona non grata, er ist es für nicht wenige heute immer noch. Zugleich aber ist er in aller Munde. Noch jeder kennt die Freud’sche Fehlleistung, den Freud’schen Versprecher – es kommt alles zum Vorschwein und vermutlich hat sich jeder schon einmal in Küchenpsychologie versucht. In der Literatur, mehr noch im Film wird heute unendlich psychologisiert und dass nicht wenige Krankheiten eine psychologische Ursache haben ist heute, nachdem das lange tabuisiert und stigmatisiert war, so unzweifelhaft wie die Tatsache, dass die Erkrankungen der Psyche eine enorme Steigerungsrate haben und zwischenzeitlich den dritten Rang unter den Krankschreibungen einnehmen. Im Amtsdeutsch heißt das nicht Krankschreibung, sondern Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die amtliche Definition von krank ist arbeitsunfähig, wobei nicht zu übersehen ist, dass die rastlose Arbeit im Hamsterrad, gelegentlich mit den Folgen eines burnouts nicht eben gesund ist.

Freud ist kein Frühstarter, seine Theorie ist kein intuitiver Geniestreich, nicht das Heureka des Archimedes, es ist das Ergebnis langer praktischer ärztlich-medizinischer und wissenschaftlicher Arbeit. Erst nach einer langen Inkubations- und Latenzzeit, 14 Jahre nach Eröffnung seiner Praxis, erst im Jahre 1900, Freud ist 44, erscheint „Die Traumdeutung“, die Gründungskurkunde der Psychoanalyse. Freud nennt diese Schrift seine via regia zur Kenntnis über das Unbewusste des Seelenlebens. 1901 in der „Psychopathologie des Alltags“ und 1905 mit „Der Witz“ zeigt er die Freisetzung von unbewussten Triebkräften, wie Unbewusstes im Alltäglichen als wirkmächtige Kraft aufscheint. Als er schließlich 1905 in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie verkündet, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, und dem Unbewussten, den Trieben, und hier wiederum insbesondere der Sexualität eine hohe Bedeutung zukommen lässt und dann noch feststellt, dass Kinder Sexualität haben … Freuds wissenschaftlichen Tätigkeit ist gepflastert mit Skandalen.

Das Buch mit dem Titel „Das Unbehagen in der Kultur“, von dem heute die Rede sein soll, ist ein schmales Werk von eben mal 70 Seiten über das Thomas Mann, ein Kenner und emsiger Verwerter von Freud, Thomas Mann nannte das höheres Abschreiben, Thomas Mann urteilt in einem Brief an Freud mit höchst anerkennenden Worten: „Nur aufs Dürftigste kann ich Ihnen, im Trubel einer, Dank den Herdeninstinkten der Welt katastrophal angeschwollenen Korrespondenz (das ist 1930 geschrieben, da gab es keine email, kein face-book, kein whattsapp und kein twitter) für das außerordentliche Geschenk ihres Buches danken. Dieses Werk, dessen innerer Umfang seinen äußeren so mächtig übertrifft. (70 Seiten) Ich habe es in einem Zuge gelesen, ergriffen von einem Wahrheitsmut, in dem ich, je älter ich werde, mehr und mehr die Quelle aller Genialität erblicke.“ (Thomas Mann, Briefe, 1924-1932, S. 441)

1930 geschrieben, eine Spätschrift, auch eine Zusammenfassung dessen, was die Psychoanalyse bis dahin geleistet hat, ergänzt um die Einsicht, dass der Mensch neben dem Bedürfnis nach Lust auch eine starke Neigung zur Aggression hat. Das Buch ist zu lesen auf dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen Entwicklung, und da muss, und den kannten sie um 1900 alle, mit Nietzsche begonnen werden: Nietzsche: „Die Verdüsterung der pessimistischen Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung.“ Verdüsterung im Gefolge der Aufklärung, das dürfte für alle, die in der Aufklärung den Fortschritt und das helle Licht der menschlichen Zukunft sehen, ein starkes Stück sein. Freud ist Naturwissenschaftler und Positivist, Aufklärer, und ausgerechnet er bringt uns manches, mehr als manchem lieb ist, an Pessimismus über unsere Gattung bei.

Schon bei den Romantikern spürbar, wird jetzt, um 1900, nach den Hochrufen auf die Aufklärung, wieder erkannt, dass im Menschen nicht nur das Licht der Aufklärung, sondern auch seine Natur, das triebhaft Animalische steckt. Das animalische! Das ist aktuell, denn das Animalische hat bei uns seine Ordnung, während die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, wird, im aufgeklärten 21. Jahrhundert, der Mensch dem Menschen ein Wolf. Alle 20 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger, und wir lassen Hilfe- und Schutzsuchende zu Hunderten im Mittelmeer ersaufen. Weltweit werden Kriege geführt, und um all das zu ertragen, verlangt man vom Menschen nicht Kenntnis, Wissen und Vernunft, sondern fördert Dummheit: 20 Prozent der Schüler, so die jüngste Pisa-Untersuchung können nicht richtig lesen.

Aufklärung, das ist der vernunftbegabte Mensch. Apriori, von Haus aus, quasi genetisch ist er mit Vernunft und humaner Ethik ausgestattet und jetzt erklärt Freud, daß dieser vernunftbegabte Mensch nicht Herr im eigenen Hause ist. Freud im Unbehagen in der Kultur: „Normalerweise ist uns nichts gesicherter als unser Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbstständig, einheitlich. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenzen in ein unbewußt Seelisches fortsetzt, das, was wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns die psychoanalytische Forschung gelehrt.“ Das wusste auch schon Goethe, der in einem Brief an Eckermann schreibt: „Der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, woher er kommt, noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt, am wenigsten von sich selbst.“ Bei Büchner im Wozzeck liest man: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hineinschaut.“

Kant postuliert: „Die Welt ist vernünftig und schön“, und Leibniz sekundiert zuvor: „Wir leben in der besten aller Welten.“ Die Hoffnung der Aufklärung, Taschenlampe heraus, hingucken, dann wissen wir, wie alles richtig läuft, und wenn man das richtige Bewusstsein hat, dann obsiegt die Vernunft. Freud hält diese Hoffnung für eine Illusion. Sein pessimistischer Blick: Die Rückfallquote in die Dummheit ist ziemlich hoch, und die Einsicht in die Vernunft könne soviel nicht bewirken, nicht einmal Einsicht führt zur Besserung.

Freud, selbst Aufklärer und Positivist, bricht mit seinem Positivismus, weil ihn seine Erkenntnisse dazu nötigen. Er gerät in Widerspruch zu der These, zu der fast problem- und konfliktlosen Anthropologie der Aufklärung, daß der Mensch ein ausschließlich vernünftiges Wesen sei und er seine Vernunft nur einsetzen müsse.

Die zentralen Sätze aus der Schrift vom Unbehagen in der Kultur: „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. … Man möchte sagen, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. … Es ist ein stetiger Konflikt zwischen dem Lust- und dem Realitätsprinzip.“

130 Jahre früher schreibt Goethe in einer Logenrede: Wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden alle am Leben. An Christian Gottlob Voigt schreibt Goethe: Von der Vernunfthöhe herunter sieht das ganze Leben wie eine böse Krankheit aus und die Welt gleicht einem Tollhaus.“ Freud: „Das Leben ist Schmerz, Enttäuschung.“ Goethe: „Wir leiden alle am Leben.“ Mit Recht schreibt Freud in seiner Ansprache anlässlich der Preisverleihung, die, weil er selbst zu gebrechlich ist, von seiner Tochter Anna verlesen wird: „Ich denke, Goethe hätte nicht, wie so viele unserer Zeitgenossen, die Psychoanalyse unfreundlichen Sinnes abgelehnt.“

Freuds Credo: Das Leben ist leiddurchsäuert, es ist dulden und leiden. Die Leitfiguren von Freud sind Moses, er leidet unter seinem Volk und bekommt das gelobte Land nicht zu sehen. Ödipus, der Getäuschte, der unverschuldet Schuld auf sich lädt. Odysseus, Homer nennt ihn nicht zufällig den Dulder und schließlich Hiob, den uns Joseph Roth in seinem gleichnamigen Roman als den Erdulder schlechthin vorstellt.

Mit Freud ist es sinnvoll, sich nicht für einen klinisch-medizinisch engen, sondern für einen weiten Begriff von Leiden zu entscheiden und unter diesem größeren Dach, da individuell unterschiedlich empfunden, ganz absichtsvoll wahllos durcheinander, ohne Hierarchie einige Symptome des Leidens zu nennen: Ärger, Angst, Sorgen und Phobien aller Art. In Leidenschaft steckt das Leid bereits im Wort, und dass in unserem Lande täglich ein Mann versucht, eine Frau zu erschlagen und es jeden dritten Tag auch gelingt, zeigt, dass wir es hier mit besonderen Quälgeistern zu tun haben. Goethe in der Gedichte-Nachlese: „Die Eifersucht quält manches Haus“. Für Goethe ist die Sehnsucht, aus der man dann auch schöne Gedichte machen kann, eine weitere Quelle des Leids, im Wilhelm Meister heißt es: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“. Und selbst die Freiheit kann für Goethe Quelle des Leides sein, wenn er in den Zahmen Xenien schreibt: „Ich habe die Tage der Freiheit gekannt, ich habe sie Tage der Leiden genannt.“

Zum Leid gehört die Angst vor der Diagnose beim Arzt. Vorbeugekranke, solche, die vor Angst krank zu werden, krank werden. Das hat, hier wird es offensichtlich, immer auch mit Erwartungen zu tun. Wenn ich als Raucher zum Lungenarzt gehe, habe ich keinerlei Erwartung, die meisten aber, die zum Arzt gehen, wollen eine gute Diagnose und beste Heilungsaussichten. Für schlimmste Nöte, Angst und Qualen und häufig damit alleine gelassen sorgt das Warten auf den histologischen Befund. Am Rande angemerkt ein bemerkenswertes Paradoxon: Ist der Befund positiv, ist es für den Patienten negativ.

Ganz zweifellos: Angst und Schuldgefühle sind ein wichtiges kulturelles Steuerungssystem. Die drei Weltreligionen setzen die Schuld an den Beginn ihrer Erzählung, und auch die Aufklärung beginnt mit der Schuld, mit Kants Satz von der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Man darf nicht übersehen: Angst- und schuldfrei leben würde heißen: Man erzieht Verbrecher. Angstfrei leben heißt: Mach mal – du musst keine Angst vor der Strafe haben. Kultur, das Zusammenleben der Menschen braucht die Angst, die Angst vor der Strafe der Gesellschaft. Die Geschichte der Menschheit zeigt deutlich: Wo das Morden gesellschaftlich erlaubt ist, wird es trotz des biblischen Verbotes, trotz religiöser und weltlicher Ethik, trotz aller Aufklärung getan. Erst nach der Zerschlagung des Faschismus wurden die Massenmörder von Ausschwitz zu Verbrechern. Bis dahin waren es, ihrer gesellschaftlichen Pflicht bewusste, pflichtbewusste, anerkannte und geachtete Mitglieder der Gesellschaft.

Leid, als Form der conditio humana, manifestiert sich in zahllosen Formen von Symptomen und Leiden, und das ist wichtig, weil es in unserer eurozentristischen Sicht oft übersehen wird, es variiert nach Geschichtsepochen und Kulturen. Leid variiert auch temporal. Zeitweises Leiden, getragen von der Hoffnung es möge vergehen, chronische Leiden, dauerhaft und wiederkehrende Leiden und nicht wenige kennen den Zwang zur Wiederholung, sind Wiederholungstäter.

Leid wird sichtbar in der Trauer, aber auch im Zweifel. Bei Brecht ist vom Lob des Zweifels die Rede, bei Descartes läßt sich nachlesen, wer zuviel zweifelt, verzweifelt. Wir kennen die Qual der Wahl, bei Buridans Esel endet sie tödlich. Gewissensnot, Langeweile, der unerfüllte Wunsch, nicht nur bei schreienden Kindern am Quengelregal im Supermarkt zu beobachten, der Neid, Störungen und Qualen aller Art und nicht zu unterschätzen, der Ekel, wenn es gruselig wird. Existenzangst und Unsicherheiten generell, sonst gäbe es nicht soviel Versicherungswirtschaft, Versicherungen sind Leidvorsorge.

Hört man bei Freud genau hin, dann ist die menschliche Existenz in anthropologischer Perspektive von Grund auf gekennzeichnet durch den Mangel oder mit Goethe: Ach, es versucht uns nichts so mächtig als der Mangel;

Was ist Mangel – es reicht vom Mangel Obdach und Nahrung bis zum Mangel an Zuneigung. Es ist eine breite Skala von Mangel und defizitären Zuständen. Ausdruck des Mangels ist das Bedürfnis. Der Mensch ist bedürftig von der Wiege bis zur Bahre. Welt- und menschheitsgeschichtlich steigert sich das Bedürfnis nach Erlösung vom Leiden – Erlösungsreligionen treten ins Licht, am Kreuz nimmt Jesus das Leiden der Menschen auf sich. Das Leid ist eine Variable der fragilen, zerbrechlichen, gefährdeten menschlichen Existenz aber auch eine Variable der Erwartungen an das Leben. Hochgeschraubte Erwartungen haben eine eminente Fallhöhe. Goethe im Faust: „Beschwichtige meine Gedanken, erleuchte mein bedürftig Herz.“

Die Psychoanalyse hat sich zunächst als Mittel zur Minderung und Aufhebung von Leid, als medizinisch-klinische Heilungsmethode für das Individuum entwickelt, und ihr erster wertvoller Beitrag war die Erkenntnis, dass neben dem Bewussten ein Unbewusstes, neben dem Ich ein Es existiert. Ein Es, von dem wir nichts wissen und zu dem wir, was wir nicht wissen wollen, was wir verdrängen, hinab befördern. Ein Es, das aber, wiederum ohne dass wir es merken, eminenten Einfluss auf unser Bewusstsein und Tun hat und sich bis in Kleinigkeiten, ins Verlegen, Vergessen und Versprechen, im Lachen und Erröten, im Zucken der Augenbrauen und vielen anderen körperlichen Zeichen bis hin zur ernsthaften Krankheit bemerkbar macht. Das Es hat einen biochemischen Anteil, der sich mit dem, was wir verdrängen verschränkt.

Für den biochemischen Anteil hat Freud einen lateinischen Ausdruck, er nennt ihn Libido. Die Libido als unser aller Energie und Antriebskraft mit dem Zentrum des Sexualtriebes, somatisch, körperlich-medizinisch. Von daher bei Freud auch immer die Neigung, seine Erkenntnisse naturwissenschaftlich-biosomatisch zu erklären. Es ist der Expansionsdrang eines Spezialisten, wir kennen das heute von den Hirnspezialisten, die ebenfalls versuchen, alles und jedes unter ihre eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu subsumieren.

Das Es, Freud nennt es auch das Lustprinzip, wird beherrscht vom Ich. Erlebbar wird das Es, wenn sich der Druck des Unbewussten in kleinen psychischen Symptomen, aber auch in Krankheit äußert oder auch in Situationen, in denen wir uns fragen, was nur in uns gefahren ist. Es ist aber nichts in uns hineingefahren, es kam aus uns heraus, was wir an Unbewusstem, Biochemischen und an Verdrängtem, Sozialem in uns aufgesammelt hatten. Freud: „Es gibt Prozesse in uns, die stärker sind als das, was Ich sagt.“ Hinzugefügt werden darf, was offensichtlich ist, dass durch unterschiedliche Sozialisation die Ich-Stärke und Ich-Schwäche individuell sehr unterschiedlich ausgebaut sind. Hinzugefügt auch: In der Sprache des Alltags heißt es: Da stand ich neben mir, ich kenne mich selbst nicht mehr, oder etwas veraltet, aber sehr schön: Sie hat sich vergessen. In der Descartschen Maschinensprache heißt es, da habe ich nicht richtig getickt, da bin ich ausgerastet, ich hatte mich nicht im Griff. Aber dann doch auffallend, häufig geht die Sprache hier direkt ins Tierreich: Ich wurde vom Affen gebissen, da ging der Gaul mit mir durch, ich wurde von der Tarantel gestochen, ich habe die Sau rausgelassen. Für das Bewusste haben wir seit Descartes die Maschinensprache, für das Unbwusste greifen wir häufig zu Metaphern aus dem Tierreich.

Freuds Modell der Psyche bestand am Beginn nur aus Es und Ich. Erst im Laufe des Entwicklungsprozesses der Psychoanalyse wird es erweitert durch das Über-Ich, durch die Repräsentanz der Gesellschaft, das ist bei Freud, seiner Zeit geschuldet, noch häufig auf die Familie gemünzt, insbesondere die familiäre Autorität in uns, auf eine Figur, die es zu Freuds Lebzeiten noch gab, auf den starken Vater. Wir tun Freud nicht Unrecht, wenn wir diese Verengung erweitern, und mit Freud im Rücken lassen sich ganz unerschrocken google, twitter und face-book, aber auch die Autoritäten des Konsumzwangs und der Unterhaltungsindustrie hinzurechnen.

Die Instanz des Über-Ich, die Gesellschaft, Zivilisation und Kultur sorgen dafür, dass wir lernen, uns unsere Triebe und Wünsche zu versagen, wenigstens aber auf eine sofortige Triebabfuhr zu verzichten. Dass die Arbeit vor dem Vergnügen kommt, muss erst gelernt werden. Es entwickelt sich Schuldbewusstsein, die Vorstellung von Schuld und Scham. Es entwickelt sich der innere Skrupel, abgeleitet von scrubus, dem spitzen Stein und damit gemeint. Hemmung, Besorgnis, Gewissensbiss.

Das Über-Ich wird verinnerlicht, es wird zum Richter, dessen: Was darf ich und dessen: Was soll ich machen? Es funktioniert als Gewissen, und es funktioniert als Selbstbeobachtung und bildet aus, was wir Ideal nennen. In der heute um sich greifenden Extremform wird es pathologisch, wird zum Wahn, verbunden mit allerlei technischen Messinstrumenten zum Selbstbeobachtungs- und Selbstoptimierungswahn.

Mit der Einführung des Über-Ich, mit der Erweiterung des Modells, mit der gesellschaftlichen Repräsentanz ist der Weg für die Psychoanalyse offen, sich über den medizinisch-klinischen Bereich des Heilens hinaus und zur Kulturtheorie, zu einer Anthropologie zu entwickeln. Thomas Mann: „Die PA ist dem bloß medizinischen Bezirk längst entwachsen und zu einer Weltbewegung geworden, von der alle möglichen Bereiche sich ergriffen zeigen.“

Das Ich, auf das viele stolz und selbstverliebt blicken, wird uns von Freud vorgestellt in einer Sandwich-Funktion, in einem Abwehrkampf, als Vermittler zwischen Es und Über-Ich, als der Diener dreier gestrenger Zwingherren. 1. Unsere Ausßenwelt, die Natur. 2. das Realitätsprinzip, das Über-Ich, die Gesellschaft und 3. das Es mit dem Verdrängten und dem Bios. Freud spricht vom armen Ich, vom Ich als Kaspar und Clown im Abwehrkampf gegen das, was der Mensch an Schuld und Gewissen von der Gesellschaft mitbekommen hat, und das ist nicht nur die ethisch-aktuelle Regulierung, das ist auch Alp und tiefer Ziehbrunnen der Geschichte. Das arme Ich hat sich auseinanderzusetzen erstens mit der Realität, zweitens mit dem Ererbten, drittens mit der Ethik, die als Handlungsrichtschnur zwar vorteilhaft ist, aber das „Du sollst“ und das „Du sollst nicht“ lastet schwer.

Das Ich im Abwehrkampf mit den eigenen Trieben, dem Es, mit dem, was man an Leiblichkeit mit sich herumschleppt. Bei allen Leidenschaften, wenn alles hoch kommt, erst da sieht man, was im Es für Schutt verwaltet wird. Manchmal kommt das schon hoch, wenn es nur ein klein wenig unbequem wird. Das Ich ist damit beschäftigt, alle Ansprüche und Wünsche, die von den Trieben ausgehen, immer dann, wenn diese nicht dem Realitätsprinzip entsprechen, zu berichtigen oder wenigstens zu dämpfen. Nicht jetzt, später, oder auch: Gar nicht, mach was anderes, sublimiere, grabe den Garten um, gehe deinem Hobby nach, schreibe ein Gedicht oder eine Klage in Moll. Das Ich ist ununterbrochen damit beschäftigt, Unlust von uns fern zu halten und das Leben halbwegs erträglich im Realitätsprinzip einzurichten, den Konflikt zwischen Lust- und Realitätsprinzip auszubalancieren.

Gegenüber der äußeren Realität hat das Ich die Funktion der Realitätsprüfung, und was es aus dem Geprüften macht, ist sehr verschieden. Fällt die Prüfung der Realität so aus, dass sie Unlust bereitet, dann kann man entweder etwas verändern, oder man versucht es zu vermeiden. Unlustvermeidung, Unlustabwehr, Linderungsmittel: Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“.

Freud notiert über das Programm der PA: „Ihre Absicht ist es, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern, seine Organisation auszubauen, so daß das Ich sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo es war, soll ich werden, es ist Trockenlegung der Zuydersee.“

Was heißt Trockenlegung? Die Feuchtgebiete entfeuchten, die Triebe dämpfen, die Libido umlenken. Es beginnt mit der Beschneidung, Einhegung und Zentrierung der Partialtriebe. Unser kindliches anales Lustempfinden wird uns ausgetrieben, wir müssen lernen, unseren Schließmuskel zu beherrschen. Wir werden getrennt von der lust- und nahrungsspendenden Brust, unsere Zeige- und Schaulust wird gezähmt, alle Partialtriebe werden beschnitten und auf den Genitaltrieb konzentriert, bestenfalls als Mittel der Vorlust gestattet, schlimmstenfalls als Perversion gebrandmarkt. Wir haben eine domestizierte Vielheit, eine Verstümmelung der Partialtriebe. Erich Kästner: „Die Entwicklung geht vom Früchtchen zum Spalierobst.“ Wer die Hecke kultivieren will, muss sie beschneiden, die wilden Triebe müssen gebändigt werden. Brecht läßt seinen Herrn Keuner einen Lorbeerbaum zu einer Kugel beschneiden, und am Ende fragt der Gärtner enttäuscht: „Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?“ Adorno zeigt das sehr schön an einer Musikform, an der Aufstellung des Jazz. Da dürfen im regressiven, kurzzeitig stets die Partialtriebe, die falschen Noten, die dirty notes, für sich selber springen, werden dann aber wieder in den Ordo gebracht. Es sind domestizierte Partialtriebe, im Jazz nennt man das Improvisation jeder tut seines, danach klatschen die Leute, und dann wird alles wieder schön in die Reihenfolge gebracht, bis es am Ende wieder im gemeinsamen Thema gebändigt ist.

Neben Es, Ich und Über-Ich wird, wenngleich spät, das Modell mit dem Aggressionstrieb weiterentwickelt. Allerdings ist Freuds Aggressionstheorie schwankend und unklar bleibt: Ist die Aggression eingelagert in unsere Ausstattung der Selbsterhaltung, also biologische Veranlagung und/oder ist es die Folge von Zivilisation? Trotz dieser Ambivalenz gehört zu Freuds großen Leistungen seine Einsicht und Erkenntnis in die Verstümmelung unserer Triebe. Kultur und Zivilisation heißt Verzicht und Versagung, heißt Unterdrückung von Triebelementen und damit Herausbildung von Aggression. Und ungeachtet seiner Versuche, die Aggression auf das Biologische zurückzuführen, war er dann doch auch der Auffassung, dass die Zivilisierung, weil Triebverzicht fordernd, einen nicht unwesentlichen Einfluss hat.

Freud entwickelt für Es und Ich zunächst eine Topic, eine Ortsbeschreibung, um dann mit der Einführung des Über-Ich die Topic in ein dynamisches Modell zu überführen. Seine Leistung ist, das hat der eingangs zitierte Rufer bei der Bücherverbrennung durchaus richtig erkannt, die Zerstörung und Auflösung der organischen Einheit der Seele. Die Konflikte, die sich für das Individuum ergeben, äußern sich in Krankheitssymptomen, im Konflikt; bei Freud allerdings immer mit der Neigung zum naturwissenschaftlich-positivistischen, dem Versuch, es ins Biologische zu verlegen. Gleichwohl stößt er paradoxerweise bei dem, was er als angewandte Psychoanalyse verstanden wissen will, auf die inneren psychologischen Zellen der Gesellschaft. Er wollte nur PA machen, hat aber zeigen können, fast möchte man sagen, wider eigenem Willen, dass in den innersten Zellen, im Unbewussten, in den kleinsten Regungen sehr viel Form von Gesellschaft steckt

Freud ist Konflikttheoretiker, und der entscheidende Konflikt, die entscheidende Ursache für das Entstehen von Leid, ist für Freud der Antagonismus, der unauflösliche Konflikt, zwischen Triebanforderungen und Kulturanforderungen, zwischen Trieb und Zivilisation, zwischen Lust und Realitätsprinzip.

Freud: „Das Wesen der Kultur, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird, wir werden keine Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, es genügt uns, daß das Wort Kultur die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: Dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelungen der Beziehungen der Menschen untereinander.“

Mit den zwei Zwecken nennt Freud drei Quellen des Leides:

1. Leid an der unbezwungenen Natur, an vielerlei Arten von Naturkatastrophen. Die Unterwerfung der Natur, eine jahrhundertalte Sehnsucht, mit Alfred Döblin, aus seinem Roman 1919: „Wir können in der Natur nichts liegen lassen, ohne es aufzuheben, zu wiegen zu messen, zu berechnen“. Der Mensch wirkt auf die Natur ein, verändert sie, schafft sich seine Existenzbedingungen. Die Veränderungen der Natur gehen ohne menschliches Zutun unmerklich langsam vor sich, sind unberechenbar klein, aber das Werk des Menschen hat Erdoberfläche, Klima, Vegetation, Fauna, ja auch den Menschen selbst in großer Rasanz verändert. Zugleich aber erfahren wir: Die Natur rächt sich für jeden Sieg, den wir über sie erlangen mit Folgen, die oft erst in zweiter oder dritter Linie erkennbar werden (Engels). Goethe zu Eckermann: Die Natur versteht keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Hat man früher gesagt: Der Mensch denkt, Gott lenkt, heißt heute der moderne Fachbegriff not expected consequenzes, unerwartete Folgen. Mit jedem Schritt werden wir daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand der außer der Natur steht – sondern daß wir selbst Teil der Natur sind. (Engels)

Unbestreitbar, die Beherrschung der Natur ist in großen Teilen gelungen, unbestreitbar aber auch, trotz allem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verursacht, was wir mit unserem Planeten anstellen vielerorts Angst und Leid. „Unbestreitbar,“ und jetzt zitiere ich Freud, „der Mensch hat es in Wissenschaft und Technik weit gebracht, er hat es weit gebracht bei der Beherrschung der Natur und bei der Beherrschung seiner körperlichen Leiden, er hat sich Wissen und Kenntnisse angeeignet, er hat es soweit gebracht, daß er in der Lage ist sich und seine Planeten zu vernichten“. Schon bei Voltaire, in Candide und der Optimismus findet sich: „Die Menschen müssen sich schon von der Natur entfernt haben, denn sie werden zu reißenden Wölfen, obwohl sie nicht als solche auf die Welt kommen. Gott hat ihnen weder Vierundzwanzigpfünder noch Bajonette gegeben, sondern sie haben alles beides selbst erfunden, um sich gegenseitig zu vernichten.“

Es zeigt sich: Aller Fortschritt der Naturbeherrschung konnte das menschliche Glück nicht auf Dauerbetrieb stellen, das Glück bleibt im Sparmodus, es bleibt Episode.

2. Zur unbezwungenen Natur gehört die Hinfälligkeit des Körpers, Schmerz, Krankheit und Tod. Zweifellos: Der Mensch ist besser denn je gegen die Gebrechen seines Körpers, gegen Krankheit gewappnet, die Lebenserwartung steigt. Aber, das längere Leben, so scheint es, wird nur allzu oft erkauft, und erkauft weist darauf hin, dass das ein Geschäft ist, erkauft für ein Leben mit dem Schmerz und mit der Krankheit. Ein Grund, warum der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod, nach Selbsttötung zunimmt. Auch Freud stellt die Frage: „Was soll uns ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden und so leidvoll ist, daß wir den Tod als Erlöser bewillkommen können“. Der Tod als Erlöser, ein Wunsch, dem man allerdings in unserem Lande, auch wenn es für den Einzelnen zur Leidprüfung wird, aus guten historischen Gründen nicht nachgeben sollte.

3. Leid am anderen Menschen.

Goethe im Gespräch mit Eckermann: „Ja, mein Guter, man hat an seinen Freunden zu leiden gehabt.“ Freund sehr viel pointierter: „Viele Menschen seien eher hassenswert.“ Mit dem christlichen Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, konnte sich Freud nicht anfreunden. Wir haben es heute, wo sich jeder selbst der Nächste ist, leichter, und zu fragen bleibt, wie entfernt der Nächste, der geliebt werden soll, ist. Noch wird um das verstorbene Haustier mehr getrauert, als um das Kind, das in Afrika an Hunger stirbt.

Freud: „Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben des Menschen Schranken zu setzen. … Daher das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“ Das ist Thomas Hobbes: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf geworden, und zur heutigen Lage in der Welt lässt sich sagen, dass diese Grundfiguration sich gebessert hat, seit Hobbes das im 17. Jhdt., Voltaire dies im 18. Jhdt. und Freud im Jahre 1930 geschrieben hat?

Auch bei den sozialen Beziehungen muss man die triebischen Befriedigungsmöglichkeiten einschränken, und Freud knüpft hier an Thomas Hobbes und seine pessimistische Anthropologie an. Der Satz bei Freud lautet: „Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert.“ Die Anarchie der Triebe, das wäre individuelle Freiheit, frei zu sein, seine Triebe auszuleben.

Folgendes leuchtet vielleicht ein: Das nächstbeste, schlimmer noch des Nächsten Weib nicht nur begehren, sondern auch nehmen dürfen, das muss ich jetzt nicht weiter ausführen. Ich zitiere lieber Freud: „Wir haben von der Kulturfeindlichkeit gesprochen, erzeugt durch den Druck, den die Kultur ausübt, die Triebverzichte, die sie verlangt. Denkt man sich die Verbote aufgehoben, man darf also jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, ohne Bedenken erschlagen, kann dem anderen auch irgendeines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie schön, welch eine Kette von Befriedigungen wäre das Leben. Der Freiheitsdrang (gemeint ist der impulsive, der triebische, man darf auch die Buchstaben verwechseln und der tierische sagen) der Freiheitsdrang richtet sich gegen bestimmte Formen und Ansprüche der Kultur oder gegen die Kultur überhaupt.“ Alle sozialen Beziehungen, der Umgang mit- und untereinander verlangt Zähmung, mit Freud: „Kultur, erfordert permanenten Triebverzicht.“

Um den Kulturanforderungen gerecht zu werden muss man gegen die eigene Natur angehen – im Extrem, bis es kippt und pathologisch wird. Zugleich: Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass Kultur historisch, politisch, sozial ist, dass es eine immerwährende Kultur nicht gibt, und schon gar nicht, dass sie dem Menschen innewohnt. Nicht wenige leiden an sich selbst, an Perfektionismus, Ordnungszwang, Pedanterie. Das alles ist angelernte Kultur, Natürlichkeit hingegen, Reste davon, finden wir, je weiter wir nach Süden kommen, das wäre Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit, Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit. Angemerkt: Es schon auffällig, dass der Hang zu Ordnung, vor allem aber zu Sauberkeit bei den Frauen entschieden stärker ausgeprägt ist. Offensichtlich ist das nicht genetisch, nicht geschlechtsspezifisch, es ist Sozialisation.

Waschzwang und Ordnungszwang, dafür gibt es bei den Krankenkassen einen Therapieschlüssel. Einen Therapieschlüssel gibt es auch für eine weitere Anforderung unserer Kultur, die da lautet: Du musst glücklich sein. R 45.2, dieser Therapieschlüssel steht für: Unglücklich sein. Für die Mediziner, aber keineswegs nur für sie, gilt nur als gesund, wer glücklich ist, Unglückliche sind krank. In unserer zivilisierten Gesellschaft herrscht ein Kultus des Glückes, und wer aus dem Urlaub zurückkommt und sagt, er habe schlechtes Wetter gehabt, ist schon ein Unglücksvogel. Glücklich sein und glücklich werden wird zum Leistungsdruck zur gesellschaftlichen Norm. Don’t worry, be happy!

Glücklich zu sein, ist Pflicht geworden, und der Hilfsmittel sind viele. Morgens Vitasprint um fit für den Tag zu sein und abends hilft Melaton gegen Stress und Erschöpfung beim guten Einschlafen. Freud: „Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen unserer Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird“,denn so Freud: „Daß der Mensch glücklich sei ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“

Glück hat vier Dimensionen:

1. Glück als Ereignis. Auf gut Glück etwas tun und mit Göttin Fortuna im Bunde stehen.

2. Glück als Magie, sichtbar in der Dekoration des Interieurs. Feng shui, die Buddhastatue, Glücksbringer aller Art oder die muslimische Variante Amulette, die antijüdische wäre das Glücksschwein und die aktuelle Mode ist das Tätowieren, wofür bei Moses, weil es als Magie galt, die Todesstrafe gestanden hat.

3. Glück als Eigenschaft. Bei Maupassant, Bel Ami, da ist das Glück bei Frauen eine Eigenschaft. Ödipus, der wird von Sophokles vorgestellt als Kind des Glückes. Ein Glückspilz also, wer sich selbst täuscht.

4. Schließlich: Glück als Zustand, als innerweltliche zeitenthobene Seligkeit. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Aber mit Hemingway wissen wir, wem die Stunde schlägt, alle Glückszustände sind befristet, sind Episode. Glück als Zustand ist wesentlich befristet. Die französische Sprache kann das besser: Dort heißt die glückliche Stunde bonheur, und beendet wird sie zumeist vom Malheur, von der Fehlhandlung.

Nicht übersehen werden kann: Glück ist subjektiv. Waren die Menschen früher glücklicher? Wir wissen es nicht, denn wir schauen mit unserem psychischen Haushalt zurück. Und Glück ist immer subjektiv, und einfühlen in ein Subjekt der Vergangenheit ist unmöglich. Der heute unentwegt erklingende Ruf nach Empathie wäre ein Hinweis darauf, dass wir schon große Schwierigkeiten mit dem Einfühlen in unsere Zeitgenossen haben.

Glück, Streben nach Glück, das ist ím weitesten Sinne sowohl positiv wie negativ: Negativ als Leidminderung: Glück als Abwesenheit von Schmerz und Leid. Das kenne ich von Müttern, die auf die Frage, wie es ihnen geht, zumeist damit antworten, dass das Kind Krankheit, schulische oder andere Probleme überwunden hat. Positiv, aber das findet sich, vermutlich wegen der immer noch vorherrschenden Tabuisierung seltener: Die Bedeutung starker Lustgefühle.

Die Psychoanalyse will heilen, zweifellos, Freud ist Mediziner, aber es findet sich bei Freud keine Stelle, die auf die Abschaffung des Leids insistiert. Er hat auch große Zweifel, dass dies gelingen könnte, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse ändert. Für Freud ist das eine Illusion, eine Wunschvorstellung. Der Grundtenor bei Freud ist nicht Erlösung vom Leid, sondern vielmehr Leidminderung. Die Psychoanalyse ist jedenfalls kein Abschied vom Leid und auch keine Schule des Glücksversprechens, kein Rezept für Glück als Dauerzustand. Mehr noch: Die Psychoanalyse, wie sie sich nach Freud entwickelt, die Mehrheit der Psychotherapeuten unserer Zeit haben zum Ziel, dass der Mensch in der ihn krank machenden Gesellschaft wieder funktionieren kann. Am häufigsten, durchaus erfolgreich angewendet, Verhaltenstherapien, das bessere Wort wäre Anpassungstherapien, Anpassung an das, was uns krank macht, und wenn das nicht hilft, dann gibt es ein paar rosa Pillen.

Was Freud zur Leidminderung empfiehlt, und damit komme ich zum Schluss, das Leiden unter dem Vortrag hat für Sie ein absehbares Ende, was Freud empfiehlt, sind Lockerungen, Ermäßigungen, Erleichterungen, und er beginnt dieses Kapitel mit Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ und er nennt uns dann drei Möglichkeiten:

Erstens: „Mächtige Ablenkungen, die unser Elend gering schätzen lassen“ und für Freud gilt: Je mächtiger die Ablenkung, um so größer das Leid und der Riss zwischen Lust- und Realitätsprinzip. Ohne Zweifel: Das große Geschäft unserer Zeit: Spaß- und Unterhaltung. Überbordende Event- und Illusionsindustrie. Schon Hegel wusste: Was heute als Kunst präsentiert wird, dient der Unterhaltung, ist flüchtiges Spiel. Sehr schön demonstriert, wenn das Kunstwerk durch den Schredder läuft. Als Literatur zu empfehlen. Neill Postman: Wir amüsieren uns zu Tode.

Die zweite Möglichkeit, die uns Freud nahe legt: Ersatzbefriedigungen jeglicher Art. Freud nennt ausdrücklich, zu seiner Zeit hat das sofort einen Skandal erregt: Masturbieren! Wer davor Angst hat, weil das, wie man mir noch beigebracht hat, Rückenschmerzen verursacht, dem empfiehlt Freud Heimwerken oder was Voltaire bereits seinem Candide empfiehlt: Gartenarbeit. Unübersehbar: Bau- und Gartenmärkte sind wie die Unterhaltungsindustrie ein großes Geschäft. Hilfreich auch: Hobbies und Steckenpferde aller Art, vor allem aber so Freud: Kunst als Illusion gegen die Realität, psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben spielt. Das könnte er von Liszt haben der bereits wusste: „Es ist die Mission der Kunst, die Triebe zu besänftigen und zu veredeln.“

Drittens empfiehlt Freud ganz unerschrocken Rauschstoffe, toxische Stoffe aller Art, die uns für unser Elend unempfindlicher machen sollen. Einen Liter reinen Alkohol trinkt der Deutsche, wobei der riskante Alkoholkonsum bei den Frustiertesten, bei den 45- bis 65-Jährigen am höchsten ist. 550.000 werden jährlich wegen Alkoholmißbrauch ins Krankenhaus eingeliefert, die jährliche Zahl der Verkehrstoten liegt bei 3.200, die wegen Alkoholmißbrauchs bei 74.000.

Wie groß das Leid sein muss, zeigt sich daran, dass die Industrie, die uns die Linderungsmittel bereitstellt, ein hochprofitabel florierender Geschäftszweig ist. Der Mensch ist ein unermüdlicher Lust- und Glückssucher. Die Leute rennen nach dem Glück, das Glück läuft hinterher, dichtet Brecht.

Freud schreibt diese Arbeit nach Nietzsche, und der hat die Frage gestellt, was ist der Sinn des Lebens, wenn Gott tot ist? Die Antwort der Warenwirtschaft: Konsum, besser Konsumzwang und Unterhaltung, aber auch: Abwesenheit und Linderung von Schmerz oder die Erlebnissteigerung, der Kick. Dann stehen sie Schlange beim Bungie-Springen, und am Mont Everest erfrieren die Leute, weil der Aufstieg durch einen Stau verzögert wird. Die Mehrheit aber, so Freud, und das wäre, was an Glück möglich ist, richtet sich im lauen Behagen ein.

Im Grunde genommen sagt Freud: Gebt den Glauben an das Glücksversprechen und die eigenen Erwartungen an das Glück auf. Was man machen kann ist, dass man sich ein klein wenig entschädigt, und es gibt die Leidvermeidung durch Flucht in die Krankheit, in die Neurose. Eine Versöhnung mit dem Leid als Krankheitssymptom. Es ist nicht falsch, auch nicht paradox, dass die Kranken die Gesunden sind, weil sie verspüren noch, was ihnen angetan wird. Der Rest ist Milderung im Rausch des Alkohols, des Konsums, der Unterhaltung, und das Wort Rausch deutet daraufhin: Es ist pathologisch.

Virginia Woolf, Zeitgenossin von Freud, machte auf den verheerenden Zustand unserer Kultur aufmerksam, sie schreibt: „Heute kann kein einzelner Mensch mehr dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse widerstehen. Sie fegen über ihn hinweg und vernichten ihn. Sie lassen ihn gesichtslos, namenlos, lediglich als ihr Instrument zurück.“

Es ist eine pessimistische Anthropologie die uns Freud vorlegt. Freud hat keinerlei Illusionen, was an Versöhnung zwischen menschlicher Natur und menschlicher Kultur möglich ist, es gibt für ihn keinen Ausweg aus der Notwendigkeit des Triebverzichtes: Freud: „Das Lustprinzip ist ein Programm – und es liegt im Hader mit der ganzen Welt, nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihmDie Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. Glück ist seiner Natur nach nur ein episodisches Problem“

Das mag einem nicht gefallen, richtig ist gleichwohl, dass in der bisherigen Weltgeschichte die Abschaffung des Leidens nicht gelungen ist, und in jedem Falle ist ausdrücklich zu warnen vor Büchern und Rezepten von Gurus jeglicher Art, die Ratschläge geben, wie das Glück und die guten Gefühle entstehen. Aber vielleicht hält man es dann doch mit dem, was Goethe im Wilhelm Meister“ uns nahelegt und was bei Freud als Leidminderung gegolten hätte: „Man sollte“, sagte Goethe, alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“

Goethe als Freimaurer

Vortrag von Dr. Gerhard Müller, Jena, am 3. Dezember

Goethe war Mitglied der Weimarer Loge „Amalia“. In seinen Werken sind viele Bezüge zur Freimaurerei zu erkennen. Nach einem Gesuch beim Meister vom Stuhl, dem Geheimen Rat Jacob Friedrich Freiherr von Fritsch, wurde Goethe am 23. Juni 1780 als Lehrling in die Loge aufgenommen. Genau ein Jahr später wurde er zum Gesellen befördert, und den Meistergrad erhielt er am 2. März 1782, unmittelbar nach der Meistererhebung von Herzog Carl August.

Da die Weimarer Loge bereits 1783 ihre Tätigkeit einstellte, war die Freimaurerei in Weimar für einige Jahrzehnte nicht mehr aktiv präsent. Erst mit der Neugründung der Loge 1808, bei der eine Umstellung vom früheren System der strikten Observanz auf die moderne Lehrart Friedrich Ludwig Schröders erfolgte, findet man Goethe wieder in aktiver Logenarbeit. Allerdings erschien er nur selten in den Verrsammlungen, an seiner Stelle erschien oft Sohn August.

Jedoch haben ihm die geheimen Wissenschaften nicht mehr noch weniger gegeben, als er hoffte, wird in einem seiner Briefe deutlich. Bereits 1781 warnte er seinen Schweizer Freund Johann Caspar Lavater: „Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minieret, wie eine große Stadt zu sein pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denkt und sinnt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aus einer Schlucht aufsteigt und hier wunderbare Stimmen gehört werden. Glaube mir, das Unterirdische geht so natürlich zu als das Überirdische, und wer bei Tage und unter freiem Himmel nicht Geister bannt, ruft sie um Mitternacht in keinem Gewölbe.“

Es scheint hier, dass Goethe kein wirliches Interesse an der Freimaurerei gehabt habe. Allerdings wird man kaum behaupten können, er habe das freimaurerische Ideal der aufklärerischen Menschenveredlung nicht ernst genommen, ist doch sein eigenes literarisches Werk wie die gesamte Weimarer Klassik eigentlich nichts anderes, als ganz im Sinne des Ideals der Freimaurerei eine beständige Arbeit an der Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen zu sein.

Die erste Loge auf dem Boden des Herzogtums namens „Zu den drei Rosen“ entstand 1744 als Tochtergründung der Berliner Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ in Jena. Nach dem Siebenjährigen Krieg konnte die Berliner Hegemonie in Mitteldeutschland nicht mehr aufrecht erhalten werden, und ein anderer, von Kursachsen ausgehender Freimaurerbund suchte die Logen unter seinen Einfluss zu bringen. In Jena geschah dies mit Hilfe eines geheimnisvollen Fremden namens Johann Friedrich Johnssen, der als Emissär der geheimen Oberen des Templerordens auftrat. In einem raffinierten Coup gelang es ihm 1763, die Jenaer Freimaurer dazu zu bewegen, sich von der Berliner Mutterloge zu lösen.Fritsch, ein junger kursächsischer Adliger, wurde schließlich dort Meister vom Stuhl. Man war auf Erkenntnis templerischer Geheimnisse erpicht. Im Mai 1764 wurde in einem Seitental der Saale, in Altenberga, der neue Freimaurerbund gegründet. Dort kam es zum Eklat. Als Johnssen die Geheimnisse der Templer offenbaren sollte, verschwand er plötzlich, angeblich auf Geheiß der geheimen Oberen, mitsamt der Ordenskasse. Das Ziel war dennoch erreicht: der Zusammenschluss der in Altenberga vertretenen Orden zum „Orden vom heiligen Tempel zu Jerusalem“, meist kurz „Orden der strikten Observanz“ genannt. Der neue Bund unterwarf die angeschlossenen Logen einer straffen bürokratischen Struktur und militärischen Disziplin, deren Kernstück neben dem Bekenntnis zum christlichen Glauben die eidliche Verpflichtung zum „unbedingten Gehorsam“ gegenüber den bekannten und unbekannten Ordensoberen bildete. Die „Rosenloge“ in Jena wurde geschlossen und dafür die Loge „Amalia zu den drei Rosen“ in Weimar, ebenfalls unter Fritschs Leitung, neu gegründet. Johnssen wurde Monate später als Betrüger und Hochstapler aufgegriffen und inhaftiert.

Die „Strikte Observanz“ geriet in Folge einer nicht abreißenden Kette von Hochstaplerskandalen in Bedrängnis, in den Logen wurde zudem eine zunehmende Kritik an der Tempelherrenlegende und dem Treiben des Inneren Ordens laut. Manche Kräfte strebten eine radikal-aufklärerische Reform der Freimaurerei an. In Weimar war Johann Joachim Christoph Bode die treibende Kraft. Ein im Sommer 1782 nach Wilhelmsbad bei Hanau einberufener Konvent der Strikten Observanz, der über die Zukunft des Ordens entscheiden sollte, wurde auch von Goethe, wie seine Briefe zeigen, mit Spannung verfolgt. Das Ergebnis von Wilhelmsbad war nach fünfzig Sitzungstagen ein Kompromiss: Die Legende, dass die strikte Observanz die Fortsetzung der mittelalterlichen Tempelherren sei und der Bezug auf „unbekannte Obere“ mit unbedingter Gehorsamspflicht wurden für obsolet erklärt. In diesem Sinne führte Bode am 10. Dezember 1782 auch Goethe und Carl August in den Inneren Orden ein und erhob sie zu „schottischen Meistern“. Die Strikte Observanz firmierte jetzt als „Orden der wohltätigen Ritter der heiligen Stadt“.

Goethe und Carl August erlangten auf diese Weise Zugang zu den „unterirdischen Gängen“. Aber die erhoffte Möglichkeit, darin zu agieren, blieb ihnen dennoch verwehrt, da die in Wilhelmsbad beschlossene Verlegungdes Ordensdirektoriums nach Weimar nicht vollzogen wurde.

Aber die Alternative war schon vorbereitet. Schon in Wilhelmsbad hatte der umtriebige Bode Verbindungen mit dem 1776 von Adam Weishaupt gegründeten Orden der Illuminaten geknüpft, der eine radikal aufklärerische Programmatik vertrat und sich nun als Ersatz für den Inneren Orden der Strikten Observanz anbot. Im März 1783 traten auch Goethe (Abaris), Carl August (Äschylos) und Herder (Damasus) dem Illuminatenorden bei. Der Orden wurde allerdings seit 1785 reichsweit verfolgt.

Goethe nutzte die Netzwerke der Freimaurerei und des Illuminatenordens sogar während seiner Italienreise. Die von dem dänischen Freimaurer und Illuminaten Friedrich Münter gegründete Illuminatenloge in Rom kontaktierte er wohlweislich nicht, denn in Rom, wo die päpstliche Inquisition lauerte, konnte es lebensgefährlich werden, wenn man als Freimaurer denunziert wurde. Und Goethe wurde ja geheimdienstlich überwacht. Im aufklärungsfreundlichen Neapel war die Aufnahme freimaurerischer Kontakte leichter möglich. Der in der „Italienischen Reise“ beschriebene geheimnisvolle Empfang bei der „Principessa ***“, wo Goethe den bedeutenden Staats- und Rechtsphilosophen Gaetano Filangieri kennenlernte, besaß einen illuminatischen Hintergrund, gehörte Filangieri doch der ebenfalls von Münter gegründeten Illuminatenloge in Neapel an. Ohne jenes Netzwerk wäre es Goethe jedenfalls nicht möglich gewesen, die Identität des geheimnisvollen Wundermannes Graf Cagliostro, dessen Gründung einer „ägyptischen“ Freimaurerloge in Paris ebenso wie seine Verwicklung in die spektakuläre Halsbandaffäre der französischen Königin Marie Antoinette damals die europäische Öffentlichkeit beschäftigte, bei seinem Aufenthalt in Palermo aufzuklären.

In Plaermo, wo sich Goethe wie üblich incognito als Philipp Möller aufhielt, war seine Identität jedenfalls schon bei seiner Ankunft bekannt. So wurde er zur Ostertafel des Vizekönigs von Sizilien, des Fürsten Francesco d’Aquino, gebeten. Dort traf er, wie er in der „Italienischen Reise“ schilderte, einen alten Bekannten, den Malteserritter Graf Antonio Statella wieder, den er einst bei einem Aufenthalt am Hof des Kurmainzer Statthalters, des Freiherrn Carl Theodor von Dalberg in Erfurt kennengelernt hatte und der sich jetzt „mit bedenklichem Anteil“ nach ihm und den Weimarer Bekannten erkundigte. Auch in Palermo wirkte sich Goethes Freimaurertum förderlich aus, war doch d’Aquino das Oberhaupt der Strikten Observanz im Königreich Neapel. Königin Maria Carolina ließ Goethe ausführliche Dossiers über Cagliostro alias Giuseppe Balsamo zuspielen und ermöglichte ihm sogar einen Besuch bei dessen Familie in Palermo. So konnte man die Authentizität einer gerade in Paris erschienenen Schrift, in der die Belege für Cagliostros wahre Identität abgedruckt worden waren, durch einen unabhängigen Gewährsmann von internationaler Reputation bestätigen lassen.

Goethes Cagliostro-Recherchen sind nicht die einzigen Indizien für seine Einbindung in illuminatische Projekte. So votierte er in einem Brief aus Italien für die Berufung des Philosophen Carl Leopold Reinhold als Professor nach Jena, und ebenfalls 1787 erfolgte die noch vor seiner Abreise 1786 eingeleitete Berufung des Illuminaten Cornelius Johann Rudolf Riedel als Erzieher für den Erbprinzen Carl Friedrich. Weitere Berufungen von Illuminaten erfolgten.

Wir finden die literarische Verarbeitung von Goethes Wanderungen durch die Gefilde der Freimaurer und Illuminaten vor allem in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, wo wir uns bei der Erzählung über Lotharios Schloss und die Gesellschaft im Turm wohl zu Recht an das Gothaer Schloss Friedenstein mit seinem geheimnisvollen Park erinnert fühlen dürfen. In diesem weitläufigen Schloss mit seinem Bibliotheksturm, wo Herzog Ernst II. residierte, studierte und Sterne beobachtete, befand sich auch das Ordensarchiv der Illuminaten, die später so genannte „Schwedenkiste“, zu der auch der berühmte, heute als Kriegsbeute in Moskau lagernde und lange Zeit unzugängliche 10. Band mit den Personalakten der Illuminaten gehört.

Die dritte und letzte Phase in Goethes Freimaurerkarriere, die sich mit der 1808 neugegründeten Weimarer „Amalia“ verband, war kein Wunschkind des Dichters, war doch dieses lokale Kapitel für ihn seit 1789 eigentlich abgeschlossen. Noch in seiner Silvesterdenkschrift von 1807 hatte er sich vehement gegen ein in Jena geplantes Logenprojekt ausgesprochen. Wenn schon, dann sollte die neue Loge wenigstens nicht in dem anarchischen Jena, sondern wie einst die alte „Amalia“ in der Residenzstadt Weimar entstehen. Schließlich ließ sich auch der Herzog überzeugen.

Der heikelste Teil dieser Operation war der Übergang von der Strikten Observanz zum einfachen Drei-Grad-System des Hamburger Theaterdirektors und Freimaurer-Reformers Friedrich Ludwig Schröder. Goethe sah hierzu zwei Wege: der erste, ihm persönlich sympathische, bestand, da die alte 1783 stillgelegte „Amlia“ formal immer noch existierte, darin, dass sie durch ihren alte Meister vom Stuhl, Jakob Friedrich Freiherr von Fritsch, wiedereröffnet würde, um sodann das neue System beschließen zu lassen. Falls Fritsch sich dem verweigere, sollte man sich die Logeninsignien aushändigen lassen und an den Meister vom Stuhl der Rudolstädter Loge „Günther zum stehenden Löwen“ übergeben. Dies war der bereits nach Schröders System arbeitende Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, an den die Bitte herangetreten wurde, die neue Loge zu eröffnen. Aber Fritschs Verhältnis zum Herzog war bereits irreparabel beschädigt. Goethe schlug daher eine Wallfahrt nach Rudolstadt vor, da eine Neugründung der Loge nicht zu umgehen war. Als Stiftungstag wurde der 24. Oktober 1808 gewählt, der Geburtstag der im Jahr zuvor verstorbenen Herzogin Anna Amalia, wo die Loge im Versammlungslokal der alten „Amalia“, dem Wittumspalais zu Weimar, von Friedrich Ludwig Schröder ins Leben gerufen wurde. Meister vom Stuhl wurde der Weimarer Verleger und frühere Geheimsekretär des Herzogs, Friedrich Justin Bertuch.

Mit der Loge ging es aufwärts. Von 34 Mitgliedern 1808 stieg deren Zahl auf 123 im Jahre 1815 und 147 im Jahre 1826. Goethe hatte seine eigenen Gedanken zur Loge. Er entwarf ein kultur- und erinnerungspolitisches Konzept, in dem das Weimarer Fürstenhaus zum Mittelpunkt und Impulsgeber einer Nation stilisiert wurde, die zwar nach dem Ende des Alten Reichs 1806 keinen staatlichen Zusammenhang mehr besaß, dafür aber durch Geist und Künste geeint werde. Die Umsetzung dieses Konzepts wurde nun zum Hauptinhalt seines freimaurerischen Engagements. Die „Amalia“ vermochte die ihr von Goethe und auch Wieland zugewiesene Rolle als Gralshüterin einer sich über das „klassische Weimar“ definierenden „nationalen“ und zugleich weltbürgerlich orientierten Kunst- und Bildungsreligion der Deutschen zumindest für einige Jahrzehnte zu übernehmen. Doch schon bei der Errichtung des Weimarer Herder-Denkmals 1843 konnte sich der ursprüngliche, mit freimaurerischen Symbolen ausgezierte Entwurf nicht durchsetzen. Dennoch kommt der Loge das historische Verdienst zu, an der Stilisierung des „klassischen Weimar“ zum Symbolort des Geistes der Aufklärung und Humanität im kulturellen Gedächtnis nicht nur der Deutschen, sondern der gesamten Menschheit wesentlich mitgewirkt zu haben.

Des freien Waldes freies Kind. Emerenz Meier, bayrische Dichterin

Vortrag von Angelika Kemter, Gera, in Erfurt

Der Meier-Varianten gibt es viele und der Name ist verbreitet wie Sand am Meer. So war es denn auch nicht der Familienname, sondern der Vorname dieser Frau, der mich lockte, mich mit ihr zu beschäftigen. Emerenz – nie gehört zuvor, ehe ich im Fernsehen eher zufällig den Film “Wildfeuer” gesehen hatte. Das Lexikon gibt Auskunft: Emerenz kommt vom Lateinischen und (Afghanischen). “emereor” heißt “verdienen, würdig sein”, der Vorname also “die Würdige, die Verdienstvolle”. Emerenz Meier ist – zumindest laut Wikipedia – die einzige bekannte Persönlichkeit, die diesen Vornamen trägt. Sie gilt als die bedeutendste bayrische Volksdichterin. Aber das war nicht immer so. Sie musste sich diesen Status zäh erarbeiten, wenngleich sie auch als Naturtalent bezeichnet wird.

Geboren wurde die SENZ (das ist wohl die bayrische Koseform von Emerenz) am 3. Oktober 1874 in Schiefweg bei Waldkirchen in Niederbayern – also im tiefsten Bayrischen Wald, wo damals tiefe Armut herrschte. Sie war das fünfte oder sechste Kind (die Angaben gehen auseinander) des Land- und Gastwirts Josef Meier und seiner Frau, die ebenfalls Emerenz hieß. Gestorben ist die Dichterin am 28. Februar 1928 in Chikago. Ob ihre Eltern schon bei ihrer Geburt geahnt haben, dass sie einst eine Verdienstvolle, Würdige sein wird?

Zumindest hatten sie sich die Verdienste ihrer Tochter sicher nicht auf dem Gebiet der Dichtkunst vorgestellt, sondern eher als Landwirtin oder Gastwirtin. Trinkfest soll sie ja gewesen sein. Das zeigt auch eine Begegnung der “dichtenden Wirts-Dirn” mit der bayrischen Regentenfamilie. Als sie am königlichen Hof in München empfangen worden war, soll Prinzessin Therese sie gefragt haben, wie es sich am besten dichtet. Emerenz’ Antwort: “Wenn ich eine Maß Bier getrunken hab‘.” (So gibt es “Die Zeit online – Kultur” wieder). Bei RegioWiki wird die Szene etwas anders wiedergegeben: Prinz Ferdinand habe die Emerenz nach dem Grund ihres vor Gesundheit strotzenden Aussehens gefragt. Sie habe geantwortet: “Weil i alle Tage meine drei Maß Bier trink”. Besonders ihr Vater soll – zumindest anfangs – nicht begeistert gewesen sein, als seine Tochter begann, sich mit Literatur zu beschäftigen. Die sollte sich lieber um die Gänse und die Gäste kümmern, das Feld mit bestellen und Brotzeiten servieren. Die schwere Arbeit in der Landwirtschaft und im Gasthof ließ auch nicht viel Zeit zum Dichten, aber Emerenz nutzte offenbar jede freie Minute. Obwohl sie auch zu manchem Jubiläum auf Bestellung Gedichtchen verfasste, wurde sie von den Dorfbewohnern als “Narrische Versel-Macherin” verhöhnt.

Sie verteidigt sich – natürlich mit Gedichten wie diesem:

Unverbesserlich

Der Vater verbot mir das Dichten,

Das Mütterchen stimmte mit ein.

Ich soll nach dem Stande mich richten,

die Bücher dem Backofen weih’n.

Wohl hab‘ ich es heilig versprochen,

Zu tun, was ihr Wille gebeut,

Das Wort hundertmal doch gebrochen,

das Schwören noch öfters bereut.

Doch gestern zu Tränen gerühret,

Erneut‘ ich es nochmals bei Gott,

Durch Bitten und Drohen verführet

Und weiter durch heimlichen Spott.

Ich ging in die dunkelste Kammer,

Hielt über die Verse Gericht,

Verfasste dann in meinem Jammer

Verstohlen dies Klagegedicht.

1893 – da ist sie 19 Jahre alt – erscheint ihre erste Erzählung “Der Juhschroa” (der Juhu-Schrei) in der Donau-Zeitung. Als sie nun auch noch das erste Honorar auf den Tisch blättern konnte, da soll der Vater sie ermuntert haben zum Weitermachen mit den Worten “Schreib, Senzl. Schreib!” (Zitat Zeit Online).

In dem 1991 gedrehten Film „Wildfeuer“ (Buch und Regie Jo Beier) ist es allerdings noch so dargestellt, dass der Vater das Dichten für Zeitverschwendung hält. Emerenz verlässt nach einem Streit mit ihm das Haus, schlägt sich als Tagelöhnerin durch und als Bedienung in einem Gasthaus. Sie gerät an den reichen Passauer Brauereibesitzer Alfons Helmberger (in der Realität heißt er Hellmannsberger), der sie zu seiner Geliebten macht und für die Veröffentlichung ihres Fotos und eines Gedichts in der Passauer Zeitung sorgt. Vor einem Theaterwettbewerb kauft er alle Eintrittskarten und verschenkt sie an ausgesuchte Leute, die Emerenz mit ihrem Beifall zum Sieg verhelfen…

Später kehrt Emerenz ins Elternhaus zurück. Die Familie ist inzwischen verarmt und verlässt – wie so viele andere in dieser Zeit – ihre Heimat, wandert nach Amerika aus, um dort ihr Glück zu suchen. Diesen Film “Wildfeuer” habe ich spätabends im Fernsehen gesehen. Danach wollte ich einfach mehr zu dieser Frau wissen. Ob es sie wirklich gab. Ob es stimmt, was da gezeigt wird? Offenbar vieles, weiß ich inzwischen. Den Brauereibesitzer hat’s gegeben, ebenso die Veröffentlichungen, das Theaterstück und auch die Auswanderung. Ein weiterer Film mit dem Titel „Schiefweg“ (vom gleichen Regisseur 1988 gedreht), zeigt Szenen aus der Kindheit der Emerenz Meier. “Schiefweg” zeigt das harte Leben auf dem Land im Bayerischen Wald, von dem Emerenz Meier geprägt wurde. Das spiegelt sich in ihren Werken wider. Zum einen beschreibt sie Naturerlebnisse und ländliche Idylle, zum anderen schildert sie sehr eindringlich und ohne Schnörkel die Nöte der Menschen, die schwere Arbeit, das Alltagsleben. Hier einige Beispiele in ihren Gedichten:

Herbst

Im Herbstwind rauscht der Wald, die Zweige beben
Vor seinem Hauch, der frisch von Norden zieht.
Die Vöglein all die Stimmen sanft erheben
Zum letztenmal, zum trüben Abschiedslied.

Vom Baume fällt das bunte Laub und flüstert
Vom Sterben und von unbarmherz’ger Zeit.
Auf Busch und Moos der Abendschatten düstert
Und überm Hang macht sich der Nebel breit.

Zu Tal in raschem Laufe eilt die Quelle.
Ja eile nur, bald hemmt der kalte Frost
Dich Felsenkind; zu Eis erstarrt die Welle
Und stille wird’s, wo sonst du froh getost.

Geh heim, du müder Pilger dort am Raine,
Eh’s Winter wird. Zieht dich die Sehnsucht nicht
An warme Herzen? – Oder weißt du keine
Die auf dich warten in des Herbstes Licht?

Väterliche Ermahnung

Mein Sohn, und wenn ich sterbe,
Dann erbst du Geld und Haus
Und suchest dir zum Weibe
Das schönste Mädchen aus.

Mein Sohn, und wenn ich liege
Vermodert längst im Grab,
Dann jagst durch deine Gurgel
Du Geld und Haus hinab.

Mein Sohn, und das ist bitter.
Für was hätt‘ ich gespart
Und meinen alten Magen
Mit Wasser nur genarrt?

Mein Sohn, und lass dir sagen,
Ein Glück, dass ich noch bin
Und selbst mein Teil kann tragen
Zur Hirschenwirtin hin

Besonders das Los der Frauen wie sie es selbst erlebte, greift sie immer wieder in ihren Arbeiten auf und macht sich so zu ihrer Anwältin. In ihren Gedichten und Geschichten merkt man deutlich, dass sie genau kennt, wovon sie schreibt. Dass sie es selbst erfahren oder in ihrer Umgebung beobachtet hat.

Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Und nicht nach der alten Schablone lebt,
Dann soll’s von der Menge gesteinigt werden,
Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.

Doch gab man ihm eine Gnadenfrist,
Solang es jung und sauber ist,
Erst wenn sich’s zur alten Jungfrau entwickelt,
Wird es gekreuzigt, darauf zerstückelt.

Und hat sich ein Mann ein Weib erwählt,
Das mehr versteht als er von der Welt,
Mag es sein Haus sonst auch wohl verseh’n,
Der Scheidung soll nichts entgegensteh’n.

Denn der Mann sei weise, das Weib sei dumm,
Solch alte Gebote stößt man nicht um,
Heißt doch in jedem Fall er der Ernährer,
Auch wiegt sein Gehirn um einiges schwerer.

Und wenn von dem Alten Testament,
Man sonst schon das meiste erlogen nennt,
Die eine Wahrheit bleib unberochen:
Gott schuf die Eva aus Adams Knochen.

Zuviel ist dem Weibe bereits erlaubt,
Die Türkin trägt heut noch im Sack ihr Haupt.
Hier will sie Arzt sein und Pillendreher,
Lehrer, Jurist und Schaltersteher.

Gefährdet durch Weibes Intelligenz
Ist heut der Männer Existenz,
Ihr Ansehen flieht wie der alte Glaube
An ihre Kraft und ans Glück der Haube.

Doch tausend noch halten am alten Recht
Und schreien: Nieder mit dem Geschlecht,
Dem dritten, Wolzogens‘ Kampfgenossen,
Es sei verachtet, verfemt, verstoßen.

Ja, fort mit jeder, die emanzipiert,
Auf selber gebahnten Pfaden irrt,
Man schichte Scheiter, man werfe Steine,
Denn die Welt schuf Gott, für den Mann alleine.

Und was hat das alles nun mit Goethe zu tun? Warum beschäftigen wir uns mit dieser Frau aus dem vorigen Jahrhundert? Zumindest hat sie Goethe gelesen und auch Homer, Dante, Heine, Schiller … Nämlich als sie fünf Jahre lang die Volksschule der Englischen Fräulein in Waldkirchen besucht hat. Schon im Alter einer Grundschülerin soll sie sich Werke der Klassiker besorgt und gelesen haben. Sie ist eine sehr gute Schülerin, wird berichtet. Zwar spielt Literatur in ihrer Umgebung so gut wie keine Rolle, für sie ist das Lesen jedoch eine Möglichkeit, so oft es nur geht, wenigstens für ein paar Minuten der strengen Hof- und Hausarbeit zu entfliehen. Ihre ältere Schwester Petronilla soll ihr ebenfalls Bücher geliehen haben. Das Lesen regte Emerenz an, selbst kleinere Gedichte zu verfassen.  Sogar an die “großen Dichter” geht Emerenz nicht ohne kritische Sicht heran, zerfließt nicht in Ehrfurcht – wie wir es ja heute auch nicht tun.Sie hat sich sogar getraut, den „großen Meister der Literatur“ Goethe in einem ihrer Gedichte zu „verarbeiten“.

Stoßseufzer
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis,

Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis,

Das Unbeschreibliche, hier ist es getan,

Das ewig Weibliche zieht uns hinan.

Hätte Goethe Suppen schmalzen,
Klöße salzen,
Schiller Pfannen waschen müssen,
Heine nähn, was er verrissen,
Stuben scheuern, Wanzen morden,
Ach die Herren,
Alle wären
Keine großen Dichter worden.

1891 übernimmt die Schwester den Gasthof, der Rest der Familie verlässt Schiefweg und zieht in den Nachbarort Oberndorf. Dort erhält Emerenz ein eigenes Zimmer. Das war in jener Zeit vermutlich eine Seltenheit. Dorthin kann sie sich zurückziehen zum Studieren und Dichten. Bald werden ihre Gedichte auch über Bayern hinaus bekannt. Das ist wohl auch Auguste (Gusti) Unertl zu danken, die in Waldkirchen einen literarischen Salon führte. Sie und Emerenz verband eine lebenslange Freundschaft, wenngleich mit einigen Unterbrechungen. Viele Briefe der Emerenz an sie sind erhalten. Der Heimatforscher Paul Praxl schreibt in seinem Buch “Die unbekannte Emerenz Meier” jedoch, dass Meier schon vor der Bekanntschaft mit Unertl publiziert und sich der Salonniere überlegen gefühlt habe. Schon mit etwa 18 Jahren sei Emerenz “als Persönlichkeit ausgereift gewesen.“ Bereits in diesem jungen Alter habe sie kritisch Position bezogen zu den Autoritäten ihrer damaligen Zeit. Dabei rühre eines besonders an: Emerenz Meiers überaus früh entwickelte Sozialkritik, ihr Betroffensein, ihr bedingungsloses Eintreten – selbst zu eigenem Schaden – für Benachteiligte, Notleidende, Außenseiter einer defekten Gesellschaft.” Auch der sich entwickelnde Tourismus kam Emerenz Meier wohl zugute bzw. sie ihm. Es entstanden Postkarten mit ihrem Bildnis, das sie in bäuerlicher Festtagstracht zeigt. So soll damals aber keiner der Bauern herumgelaufen sein, las ich. Doch schien es gut fürs Geschäft, und bis heute wird ja Touristen weltweit so manches vorgegaukelt. Emerenz wird sozusagen zur touristischen Attraktion, zum “Wundertier”. Einer der Sommerfrischler war Karl Weiß-Schrattenthal, Professor für Literaturgeschichte. Er brachte innerhalb einer Serie vier Erzählingen von Emerenz 1896 als Buch heraus. Titel “Aus dem Bayrischen Wald”. Es wird zwar von Literaturkritikern hoch gelobt, verkauft sich aber nur schlecht. Als ihren Förderer und Mentor macht Heimatforscher Praxel nach dem Durchforsten zahlreicher lange unbekannter Briefe den gleichaltrigen Medizinstudenten Ludwig Liebl aus. Der ist der Sohn des Waldkirchner Landgerichts-Assessors. Er vermittelte Emerenz Latein- und Steno-Unterricht. Auch als Berater angeboten habe er sich dem Bauernmädchen, das auf alle nur erdenkliche Weise seinen Bildungshunger zu stillen versuchte. Ein anderer Medizinstudent, der spätere Arzt und Autor Hans Carossa, ist einer ihrer Verehrer. Er war die rund 20 Kilometer von Seestetten bei Passau bis nach Oberndorf gewandert, um die bewunderte Dichterin zu besuchen. Ausführlich berichtet er über die Begegnung in seinem autobiografischen Roman “Das Jahr der schönen Täuschungen”. Darin beschreibt er Emerenz als “sanft rebellenhaft und hingerissen von allem Aufrührerischen”. Die Beiden schreiben sich auch nach dem Auswandern von Emerenz. Carossa ist vermutlich einer der wenigen, die hinter die Fassade der Volksdichterin bis in ihr Innerstes schauen durften.

Nochmals zu dem eingangs erwähnten Empfang am königlichen Hof zu München. Auf Empfehlung der zehn Jahre älteren Freundin Gusti Unertl wendet sich Emerenz dahin in der Hoffnung auf ein Literaturstipendium. Aber das bleibt ein Traum. Überliefert ist: Allenfalls könne man ihr eine Stelle im Haushalt anbieten, und beim Bodenschrubben könne sie ja über neue Geschichten aus dem Bayernwald nachdenken. – Zwar bekam sie 200 Gulden aus der sogenannten Privatschatulle des Prinzen, weil dem wohl die kesse Art der jungen Dichterin gefallen hatte. Aber das reichte nicht zum Studieren und erst recht nicht dazu, freie Schriftstellerin werden. Dank einer Seminarlehrer-Familie konnte Emerenz bei einem kurzen Bildungsaufenthalt um 1900 in Würzburg Buchhaltung lernen und etwas Englisch und Französisch. Aber die Gastgeber-Familie hatte wohl zu hohe Erwartungen, und so bleibt Würzburg auf einige Monate beschränkt. Denn Dichten auf Befehl kann Emerenz nicht. Zwischen 1900 und 1902 werden am Stadtheater Passau Bühnenfassungen ihrer Erzählungen “Aus dem Elend“ und “Der G’schlößlbauer” aufgeführt. Die Kritiken sind schlecht, ebenso der Verkauf ihres Buches. Um Geld zu verdienen, übernimmt Emerenz 1902 mit Hilfe des Brauereibesitzers Hellmansberger das Wirtshaus “Zum Koppenwirt” in der Passauer Altstadt. In dieser Zeit könnte das folgende Gedicht entstanden sein:

Hans
Hans, was sagte die Mutter zu dir,
Als sie dich so besoffen sah?
Hans, was sagte die Mutter da?
Hans, wie kamst du ihr für? –
Sagte die Mutter: »du volles Schwein,
Warst wohl wieder bei Emerenz,
Die dein Verderben, o Gott, ich kenn’s,
Und dein Ende wird es sein!«

Emerenz will das frühere Schifferwirtshaus in eine Künstlerkneipe umwandeln. Jedoch auch das Dasein als Wirtin geht nicht lange gut. Durch drastische Reden gegen das Militär vergrault sie ihre beste Kundschaft. Im Oktober 1903 verlässt sie Passau – fluchtartig heißt es, und sie hinterlässt Schulden. Sie geht wieder nach München, wo sie mit Artikeln für die Münchner Neuesten Nachrichten, Erzählungen wie „Der Bua“ oder Texten für die katholische Wochenzeitschrift „Deutscher Hausschatz“ ihren Lebensunterhalt verdient. Dort als Redakteurin zu arbeiten, schlägt sie aus. Lieber geht sie zurück in den Wald und übernimmt den Hof ihres Vaters in Simpoln bei Fürsteneck. Dennoch schreibt sie gelegentlich weiter für Zeitschriften wie den Simplicissimus. Die Familie war inzwischen verarmt und entschloss sich, auszuwandern. Vater und Schwestern reisten voraus, Emerenz folgte 1906 mit der Mutter nach Chicago. Aber die Sehnsucht nach ihrer Heimat ist immer gegenwärtig:

Mein Wald, mein Leben

Ich sah den Wald im Sonnenglanz

Vom Abendrot beleuchtet,

Belebt von düstrer Nebel Tanz,

Vom Morgentau befeuchtet.

Stets blieb er ernst, stets blieb er schön,

und stets musst‘ ich ihn lieben.

Die Freud‘ an ihm bleibt mir besteh’n,

Die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus.

Vom Winter tief umnachtet,

Die Tannen sein in wirrem Graus,

Vom Nord dahingeschlachtet.

Und lieben müsst‘ ich ihn noch mehr,

Ihn meiden könnt‘ ich nimmer.

Schön ist er, düsterschön und hehr,

Und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,

und auch mit tränenvollen.

Bald hob er meinen frohen Sinn,

Bald sänftigt er mien Grollen.

In Sommersglut, in Wintersfrost,

Konnt‘ er mir mehr nicht geben,

So gab er meinem Herzen Trost,

Und drum: Mein Wald, mein Leben!

Gleich nach ihrer Ankunft in Chicago heiratet sie (Zitat)„den Erstbesten, von dem ich annahm, dass er mir ein gutes Heim bieten könne“. Es ist der Auswander Joseph Schmöller, der wie sie aus dem Bayrischen Wald stammt. In einem Brief schreibt Emerenz zu ihrer Ehe: „Dieses Verbrechen bezahlte ich mit dreijährigem Elend“. Als Schmöller 1910 an Schwindsucht stirbt, lässt er die Witwe Emerenz mit dem gemeinsamen Sohn Joseph-Frank zurück. Später heiratet Emerenz Meier den schwedischen Fabrikexpedienten John Lindgren. Mit ihm wird sie einigermaßen glücklich. Aber das Auswandern nach Amerika insgesamt bringt nicht die ersehnte Erlösung aus Not und Elend. Im Gegenteil. “Der Neuanfang wird schnell zur Qual: Aus der Schriftstellerin und freigesinnten Waldlerin wird eine Lohnarbeiterin, die ‚jungen, gummikauenden Frauen den Fußboden‘ schrubbt und in Fabriken sexuelle Diskriminierungen über sich ergehen lassen muss.“Winkler schreibt: “Während des Ersten Weltkrieges wächst Emerenz Meiers Kritik an Amerika, aber auch an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Europa. Meier wandelt sich zu einer überzeugten Kommunistin, die die Weltrevolution herbeisehnt, und wendet sich von der Kirche, wenngleich nicht vom Glauben, ab.”

Weh über die Führer der Nationen
Weh über die Führer der Nationen,
Die Henker im Frack, die Mörder auf Thronen!
Sie machen Geschichte, sie spinnen Netze,
Mit Hilfe der Presse, der feilen Metze.

Wenn faul Republiken und Monarchien,
Nach Freiheit und Aufklärung wird geschrien,
Dann heißt einen schneidigen Krieg erzeugen,
Der Revolution noch schnell vorzubeugen.

Dann treiben die Hirten die Herden zur Weide,
Zum Kampffeld hinaus, drum tollt euch im Streite!
Kühlt euer Mütchen, ein Volk am andern,
Uns aber lasst den Herrenpfad wandern!

Das tötet und würgt uns und wird getötet,
Die ganze Welt ist von Blut schon gerötet,
Sie kämpfen verzweifelt, Mann gegen Mann,
Hat keiner was dem andern getan.

Was hat euch, ihr Völker, mit Blindheit geschlagen,
Wann wird es in euren Gehirnen tagen,
Wann dringt in eure Seelen das Licht
Der echten Freiheit, die liebt, nicht ficht?

In über 50 Briefen und Karten schildert sie eindrucksvoll ihre politische Einstellung und ethisch-moralischen Gedanken. An der Sprache – oft vermischt sie deutsche und englisch-amerikanische Worte – wird deutlich, dass sie völlig zur Amerikanerin geworden ist. Sie berichtet über das Elend der Einwanderer, darüber, dass sie zu Hause Bier braut (für sich und gute Kunden) und dass sie ständig Altkleider und Geld sammelt für die kriegs- und inflationsgeschädigten Deutschen. Der Kontakt zu Carossa reißt nach zwei Briefen wieder ab. Zitat Winkler: “Sie haben sich endgültig zerstritten, weil er ihren Kommunismus nicht begreift, nicht verstehen will, dass der Kommunismus für eine Proletarierin die einzige Erlösung ist für Amerika und die Welt. Der Herr Doktor aus Passau sieht sich bei den Klassikern schon zu Lebzeiten, ihn schreckt ihr Realismus, das ist nicht die Emerenz, die ihm sein Vater einst empfohlen, das ist eine Bolschewistin, die nicht einmal studiert hat. Der Onkel Doktor übersieht bei seiner Ferndiagnose allerdings, daß die Emerenz, seine Emerenz sehr genau weiß, warum sie so denkt, wie sie denkt: Sie lebt in einem Elend, das er nie kennenlernen musste. In Chicago war das Elend, das sie schon zu Hause gefühlt hatte, benennbar geworden, es hatte Ursachen: die Armut, die ausbeuterischen Unternehmer, die Vermieter, die ständigen Krankheiten.” Diese geistige Entwicklung von Emerenz lässt nicht verwundern, dass ich im Internet als erstes auf der Seite www.kommunisten.de etwas über ihren 140. Geburtstag fand unter der Rubrik “Der Mensch geht vor Profit”. Das Jubiläum, ebenso der 145., wurde auch in ihrer Heimat mit Veröffentlichungen begangen. Und wie ging es Emerenz in der Ferne? Ihr Talent glaubt sie versiegt. Sie liest zwar weiter deutsche Literatur und deutschsprachige Zeitungen und schreibt auch kleinere Sachen für sie. Aber der geliebte Wald ist weit weg, schweigt. In Emerenz’ Nachlass finden sich ein paar Erzählungen aus Chicago, ohne viel Stimmung, ohne Lokalkolorit, harter Realismus.

Mein Schicksal
Ich war ein blühender, junger Baum,
Die Vögel sangen in meinen Zweigen.
Im Waldwind wuchs ich, ich sah im Traum,
Mich schon zu den weißen Wolken steigen.

Die weißen Wolken, sie wurden grau,
Wie unheilschnaubende Himmelspferde.
Es lenkte die schwarze Schicksalsfrau
Die wilde, vom Sturm gepeitschte Herde.

Es schlug der Blitz in mein junges Haupt,
Und furchtbar prasselten Schlossen nieder,
Gebeugt, gebrochen, zerspellt, entlaubt,
So sah mich der nächste Frühling wieder.

Ein toter Stumpf und nichts andres mehr,
So träum‘ ich düstere Todesträume
Am grünen Hange, von Blumen schwer,
Da blühen und rauschen junge Bäume.

Ihr zweiter Mann Lindgren stibt am 18. Januar 1925. Emerenz überlebt ihn um drei Jahre voller Verzweiflung und Krankheiten wie Wassersucht und Bronchitis. 1928 stirbt Emerenz Meier in Chicago im Alter von nur 53 Jahren. Auf ihren Wunsch verstreute ihr Sohn ihre Asche auf dem Grab der Eltern.  Heute ist ihr Geburtshaus in Waldkirchen-Schiefweg zu einem Emerenz-Meier- und Auswanderr-Museum umgebaut worden. Ein Verein hat es Anfang der 1990er Jahre gekauft und vor dem Verfall gerettet. Im Untergeschoss befindet sich eine Gastwirtschaft “Zur Emerenz”, die Grundschule in Waldkirchen trägt ihren Namen. Es gibt mehrere Bücher über sie und eine CD mit vertonten Gedichten und Auszügen aus ihren Briefen. In Passau am Donaukai steht eine Emerenz-Meier-Büste, die 2008, also zu ihrem 80. Todestag, eingeweiht wurde. Das Denkmal steht nicht weit entfernt vom “Koppenwirt”. Also der Kneipe, die Emerenz einst bewirtschaftete. Den Platz am Wasser habe sie auch deshalb bekommen, weil sie von Rotterdam aus ihre Heimat mit dem Schiff nach Amerika verlassen hat. Als wir von Passau aus zu einer Donau-Tour aufbrachen, habe ich die wenigen Minuten bis zur Schiffsabfahrt genutzt, um das Denkmal zu suchen und zu fotografieren. Dabei habe ich festgestellt, dass eine Angabe im Internet nicht stimmt. Emerenz schaut nicht zum Wasser. Wohl aber kehrt sie der Donau und dem Bayrischen Wald den Rücken. Der Sockel der Bronze-Büste ist aus Bayernwald-Granit gefertigt. Denn Emerenz hat zeitlebend ihrem Wald nachgetrauert, sich nach ihm gesehnt. Wie stark sie sich dem Wald verbunden fühlte, zeigt nicht zuletzt ihr Bekenntnis “Ich bin des freien Waldes freies Kind”, das der Literaturwissenschaftler Hans Götter als Titel für sein 2008 erschienenes Emerenz-Meier-Lesebuch wählte und das auch meinem Vortrag die Überschrift gab.

Des freien Waldes freies Kind

Im freien Wald bin ich groß geworden.

Auf Bergeshalden, wo der Böhmerwind,

der übermütige, sich mit Tannen balgt.

Das Wild war mir befreundet im Revier.

Das Eichhorn floh nicht, wenn ich es beschlich.

Der Geier sah froh kreischend auf mich nieder.

Da warf ich oft mich an die Brust der Erde und schrie und schwur:

Nie würde ich andere Fesseln dulden von irgendeinem, der aus Fleisch und Blut.

Nur keinen Herrn – und mag er sein wie immer.

Ich bin des freien Waldes freies Kind.