Goethe Gesellschaft Erfurt e.V.

Rückblick

Goethes Eroticon für das Jahr 2026

Goethes Beschäftigung mit Meteoriten


Vortrag von Rolf Haage, Weimar, am 3. Februar 2026

Gott sendet Steine vom Himmel – als mahnende Botschaft an gekrönte Häupter. Ein solcher Einschlag erfolgte bei Ensisheim im Elsass. Der Meteorit (auch Donnerstein von Ensisheim) ging im Jahr 1492 nieder. Das Ereignis fand zu seiner Zeit überregionale Beachtung. Es ist der älteste bezeugte Meteoritenfall Europas, von dem heute noch Material vorhanden ist.
Das spektakulärste Objekt ist wohl der schwarze Stein (Kaaba) in Mekka. Er soll ursprünglich weiß gewesen sein, färbte sich jedoch unter dem Eindruck der Sünden der Menschen schwarz.
Die Renaissance knüpft an die Antike, insbesondere Aristoteles, an. Der vertrat die Ansicht, aufsteigende metallische Dämpfe würden später als Steine wieder zur Erde fallen. Auch Thales, und Anaxagoras befassten sich mit dem Thema. Mittelalter: Nikolaus von Kues: Die Erde ist so wenig Zentrum des Alls wie die Fixsterne Grenzen des ‚Universums sind. Kopernikus ist Begründer des heliozentrischen Weltbildes. Allmählich verschwindet die Vorstellung von Kristallschalen des Himmels. Neuzeit: Giordano Bruno: Gott ist die immanente Kraft, die das gesamte Universum durchdringt. Baruch Spinoza: Gott ist in allen Dingen anwesend. Er ist die absolute Vollkommenheit. Wilhelm Herschel (entwickelte eigenes Teleskop, Entdecker des Uranus und weiterer Gestirne): Nebelflecken am Firmament sind Sternenhaufen. Antoine L. de Lavoisier: untersuchte einen Meteoriten, sie wurden zumeist zu Staub, wenn sie durch elektrisch geladene Luftschichten fielen. Peter Simon Pallas, bedeutender Naturforscher, unternahm zahlreiche Reisen, so auch nach Sibirien. Von Einheimischen erfuhr er, dass im Jahre 1749 bei ihrem Dorf Ubeisk südlich Krasnojarsk ein Stein vom Himmel gefallen sei. Der anfangs auch als „Pallas-Eisen“ bezeichnete, später dann als Meteorit anerkannte Sensationsfund spielte eine bedeutende Rolle in dem 1794 erschienenen Buch des Naturwissenschaftlers Ernst F. F. Chladni, der sich damals intensiv mit der Entstehung derartiger „Eisenmassen“ befasste. Heute offiziell „Krasnojarsk“ genannt, stellt dieser historische Meteorit den „Prototyp“ der Pallasite dar, einer nach P. S. Pallas benannten Untergruppe der Stein-Eisen-Meteorite. Georg Christoph Lichtenberg regte 1793 den Naturforscher und Astronomen Ernst Chladni zu dessen bahnbrechender Theorie der Sternschnuppen , Feuerkugeln und Meteoriten an. Er erkannte, dass Meteoriten zumeist aus Eisen und Olivin bestehen. Seitdem galt nicht mehr der Mond, sondern der Bereich der Kleinplaneten zwischen Mars und Jupiter als Ursprungsort von Meteoriten.
Auch Goethe beschäftigte sich mit dem Thema. Jeder Planet trägt in sich einen höheren (göttlichen) Auftrag, dies ist ein durchgängiges Gesetz. Die Gottheit ist wirksam in allem Lebendigen. Für Goethe sind Meteore jedoch totes Material, das eine gewisse Entwicklung durchlaufen hat, die nicht an die Erde gebunden war.
Er erhielt einen Meteoriten aus Benares, in seiner Sammlung befanden sich auch Stücke des 1819 bei Pohlitz gefallenen Meteoriten. Goethes Interesse an Naturphänomenen war lebenslang und umfassend – es reichte weit über Dichtung und Philosophie hinaus. Auch Meteoriten, also „Himmelssteine“, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. In einer Zeit, in der das Phänomen noch stark umstritten war, zeigte Goethe sowohl Skepsis als auch Neugier gegenüber den Berichten über Steine, die angeblich vom Himmel gefallen seien.
Im späten 18. Jahrhundert zweifelten viele Gelehrte an der Echtheit von Meteoritenfällen. Für Goethe, der die Natur als gesetzmäßig und zusammenhängend verstand, passte die Idee, dass Steine aus dem Weltall auf die Erde fallen könnten, zunächst nicht in sein Weltbild. Er hielt es für wahrscheinlicher, dass solche Gesteine terrestrischen Ursprungs seien – etwa durch vulkanische Aktivität oder Blitzeinschläge entstanden.
Gleichzeitig ließ Goethe das Thema aber nicht los. Als Naturforscher beobachtete er aufmerksam neue Funde und las Veröffentlichungen über Meteoritenfälle. Er beschäftigte sich in seiner naturwissenschaftlichen Korrespondenz auch mit der berühmten Meteoritenfall von Ensisheim (1492) sowie später mit dem Fall von Siena (1794). Allmählich begann er, die Möglichkeit außerirdischer Herkunft ernsthafter zu erwägen, ohne jedoch seine Zweifel völlig aufzugeben.
In seinen „Tagebüchern“ und „Zettelkästen“ finden sich verstreute Notizen zu Meteoriten, die zeigen, dass er die Diskussion naturwissenschaftlich verfolgte, auch wenn sie nie einen zentralen Platz in seinem Werk einnahm. Für Goethe war die Beschäftigung mit Meteoriten Teil seines umfassenden Bemühens, Natur als lebendigen Organismus zu verstehen – stets im Spannungsfeld zwischen Beobachtung, Experiment und philosophischer Deutung.

Goethes Eroticon


Vortrag von Jens Dwars, Jena, am 5. Mai 2026

Der Referent zitierte zunächst Goethes „Heidenröslein“. Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Vergewaltigung. Kritiker sprachen von Vergewaltigung im Trällerton eines Volksliedes. Ein weiteres Beispiel stellt das Gedicht „Das Schreien“ 1767 dar: „Einst ging ich meinem Mädchen nach/ Tief in den Wald hinein…“ Sie droht zu schreien, doch dann lispelt sie: „… Geliebter, still,/ dass dich ja niemand hört“. Auch weitere Gedichte jener Zeit widmen sich der Erotik, so in den Sesenheimer Liedern, zum Beispiel: „Es schlug mein Herz …“ Im Dickicht des Waldes irrt der Dichter wie im Dickicht seiner Triebe. Er brennt in Leidenschaft. Dabei tragen „Willkommen und Abschied“ ursprünglich einen völlig anderen Bezug: Ein „Willkommen“ erlebte der ankommende Häftling im Zuchthaus mittels Peitschenhieben und ebenso beim „Abschied“. Dies geschah vor allem bei sexuellen Delikten.
Was wäre, wenn aus einem solchen Delikt heraus ein Kind entstanden wäre? Da gab es den Fall der Margarethe Brandt, Mörderin ihres unehelich geborenen Kindes. Sie war vom Knecht eines Durchreisenden geschwängert worden. Goethe hat dies selbst als Rechtspraktikant erlebt und in der Gretchentragödie verarbeitet. Schon im „Urfaust“ findet sich der berühmte Gretchenmonolog. Goethe bringt das Erwachen weiblicher Liebe an den Tag. Dies ist durchaus etwas Neues/Revolutionäres. “Meine Ruh ist hin,/ Mein Herz ist schwer … Und küssen ihn,/ So wie ich wollt,/An seinen Küssen/Vergehen sollt.“
Diesen Monolog übernimmt Goethe in den Faust I.
Goethe galt zwar als Fürst der Dichter, nichts durfte bei ihm Anstoß erregen. Großherzogin Sophie ließ zu ihren Lebzeiten gewisse Texte nicht zu, auch Goethe strich manches. Auch strich man noch in den 1980-er Jahren in der berühmten Hamburger Ausgabe die Walpurgisnacht, versah einige Stellen mit Strichen, die Mephisto stottern ließen: „Einst hatt’ ich einen wüsten Traum/ Da sah ich einen gespaltnen Baum / Der hatt’ ein — / So – es war, gefiel mir’s doch.“ Worauf eine muntere Hexe ebenso kryptisch erwiderte: „Ich biete meinen besten Gruß / Dem Ritter mit dem Pferdefuß! / Halt Er einen — bereit, / Wenn Er — nicht scheut.“ In einem kleingedruckten Kommentar heißt es hierzu: „ … Die Handschrift hat ungeheures Loch; groß; rechten Pfropf; das große Loch.“ Dies ist bis ins Obszöne gesteigerte Liebeslust. Hexen und Teufel wirken gleichberechtigt. Teils obszöne Texte hinterließ Goethe in einer Mappe „Erotica“, die Kanzler Müller aufbewahrte. Einem Besucher gewährte er Einblicke. Selbiger merkte sich die Texte, und so wurden sie auch veröffentlicht.
Das Possenstück „Hanswursts Hochzeit“ oder „Der Lauf der Welt“ wurde ebenso wenig in die Hamburger Ausgabe aufgenommen wie das berühmt-berüchtigte Gedicht „Das Tagebuch“, ein Liebesabenteuer. Auf einer Reise geht der Wagen zu Bruch. Man muss ein Zimmer nehmen. Gast und Zimmermädchen finden Gefallen aneinander. Sie entscheidet, ihn zu lieben. Goethe mutete hierbei dem Publikum recht viel zu, verlor jedoch allmählich die Lust weiterzumachen. Immerhin erwies er sich als Genie nicht nur des Erhabenen (Werther), sondern auch des Gassenjargons, selbiges allerdings auf literarischem Niveau.
Eigentlich war der Hanswurst dank Gottsched und Neuberin von der deutschen Bühne vertrieben worden. Goethe holt die Figur wieder zurück. Er verbindet die Tragödie mit der Komödie. So war es auch in der griechischen Antike: Auf Tragödien folgten Satyrspiele, die dem antiken Menschen natürlich auch dessen tierische Natur verdeutlichten.
In Weimar gab es drei Kindsmordsfälle. Goethe schloss sich der Ansicht an, man solle die Todesstrafe verhängen, wie in seinen Amtlichen Schriften ersichtlich. Sein Gretchen lässt er nicht retten. Ihr Verhalten ist geradlinig, sie nimmt die Schuld am Tod des Kindes wie auch der Mutter auf sich. Damit spielt sie den Männerbund Faust/Mephisto an die Wand. Sie steht zu ihrer Tat, bleibt hellsichtig und lässt sich nicht in die Freiheit verführen; nicht noch einmal verführen. In Faust II erscheint sie nochmals als Gretchen. Zurück zur Walpurgisnacht im Faust I. Die Böcke und Ziegen haben sich verlustiert. Es ist eine Massenorgie, und die christliche Messe verkehrt sich in dieser Welt zur Messe des Satans.

Großherzogin Sophie hatte einige der Erotica unterdrückt. Erst nach ihrem Tod erschienen 1910 „Das Tagebuch“ und die Venezianischen Epigramme; gedruckt wurden sie nun endlich aus „wissenschaftlichem Interesse“. Es erschienen ebenfalls die „Römischen Elegien“. Sehr erotisch kommt zum Beispiel die fünfte Elegie daher. Dort heißt es am Schluss: „… Überfällt sie der Schlaf, lieg‘ ich und denke mir viel,/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet/ Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,/ Ihr auf dem Rücken gezählt, sie atmete in lieblichem Schlummer …“
Ist dies Pornographie? Nein. Pornographie ist derb, obszön, auf kurzen Genuss aus. Erotik ist das glatte Gegenteil. Sie ist ein wechselseitiges Spiel, ein gegenseitiges sinnliches Bereichern. Schiller streicht, hat die Elegien in seiner Zeitschrift „Die Horen“ veröffentlicht, was Herder zu der Bemerkung veranlasste statt mit O müsste man die Horen jetzt mit U schreiben.
Auch mit den Venezianischen Epigrammen geht es ebenso, sie vermengen sinnenfrohes Heidentum mit der Kritik an der christlichen Lehre, aber auch an den Weltverbesserern. Alle Freiheitsapostel waren Goethe zuwider.
Auch im „West-Östlichen Diwan“ wird das Recht der Frau, Suleika, auf freie Liebesentscheidung offenbar.