Rückblick

Der Maler der Romantik – Philipp Otto Runge und Goethe

Vortrag von Prof. Ludolf von Mackensen, Kassel, am 7. Mai 2019

Goethe hatte einst ein Malerei-Preisausschreiben initiiert. Philipp Otto Runge beteiligte sich daran, er wählte als Thema „Achill und Skamandros“. Die Szene schildert den Kampf Achills mit dem Flussgott. Goethe zeigte sich jedoch durchaus nicht zufrieden, und Runge erhielt keinen Preis. Dennoch blieb ihm Goethe gewogen. Obohl er diese Zeichnung ablehnte, förderte Goethe den jungen Maler, und es entwickelte sich sogar eine Freundschaft.

Runge sah in den Farben besondere Naturkräfte, und in seinen Farbauffassungen traf er sich durchaus mit Goethe, obwohl die romantische Sicht der klassizistischen ja zuwider lief. Runge gilt als Mitbegründer der Romantik, er suchte Spiritualität in der Natur. Dagegen besß Goethe ein ambivalentes Verhältnis zur romantischen Richtung; einerseits sah er in ihr nichts Natürliches, er sah in ihr nur Bizarres, Fratzenhaftes und Karikaturhaftes. Andererseits unterstützte er Romantiker, zeigte sich durchaus tolerant. Runge entwarf auch große Sprachbilder, zeigte sich als ernst zu nehmender Dichter. Und er erwies sich als Christussucher. „Von Anfang ist sie gekommen“, heißt es in seinem „Gesang an die Sonne“, und weiter heißt es: „Oh dass ich fliegen könne mit dir und preisgeben meine Seele“.

Runge fragt: Wie kann man jetzt noch etwas Klassisches machen, alte Kunst zurückrufen wollen? Er fühlt sich als Avantgardist. Dies schließt auch Kritik gegen den Klerus ein, ihm stellt er seine eigene religiöse Imagination entgegen. „Wir wollen sehen in jeder Blume den lebendigen Geist, erst so erlangt alles Bedeutung und Sprache.“

Runge stellt zehn Anforderungen an ein Kunstwerk, davon sind drei die wichtigsten: Ahnung von Gott, Kolorit, Farbton. Bei den Farben kommen Goethe und Runge einander nahe. Goethes Farbenlehre und Runges Farbkugel erscheinen im gleichen Jahr: 1810. Es kommt zum freundschaftlichen Gedankenaustausch. Goethes Farbenlehre erweist sch im Übrigen als umfangreicher als „Faust“ und „Wilhelm Meister“. Runge begründet gefällige und logische Farbmetriken. Er wollte seine Farbmodelle in drei Koordinaten räumlich geordnet und im Gesamtzusammenhang arrangiert sehen. Runge orientiert sich – wie Goethe – nicht an Newton und dessen Spektralanalyse. Immer wieder vertrat er auch das Geistige in der Kunst.

Ein Beispiel dafür ist die Zeichnung „Der Morgen“ aus seinem Tages-Zyklus. Lichtgenien tanzen auf Blüten, im untere Teil musizieren Engelchen auf noch nicht geöffneten Blütenzweigen. Die Sonne erscheint. Arabesken umranken das Ganze.

Bemerkenswert ist auch die Federzeichnung „Die Heimkehr der Söhne“, auch in dieem Beispel wird Seelisches in Szene gesetzt.

Zwei Dinge haben nach Runge keine Farbe: das Licht und die Finsternis. Farben sind phänomenologischer Natur, und das menschliche Auge gehört dazu. Im Zusammenwirken entstehen erst die Farben. Licht ohne Luft (Finsternis) ist unsichtbar. Wenn die Luft das Licht streut, entsteht Blau. Wenn das Licht die Luft durchdringt, entsteht Rot. Die durchleuchtete Wolke erzeugt allerdings kein Rot.

Das Diffuse der Atmosphäre bricht gelbes Licht so, dass sie für die Erdbewohner blau erscheint. Das Licht vor dem schwarzen Weltraum wird so weit abgedunkelt, dass die Atmosphäre eben blau erscheint. Dies ist ein Urphänomen, das demzufolge nicht weiter zurücgeführt werden kann.

Die Entstehung des Purpurrot entsteht im sogenannte Goethespektrum durch Überlagerung von Rot und Blau. Dieser Farbton wird auch Magenta genannt und ist gut geeignet in den Druckverfahren. Er geht auf eine Entdeckung Goethes zurück, ist auch in seinen Farbkreis eingeordnet. Zwischen Gelb und Blau entsteht Grün. Goethe versuchte zu zeigen, dass das weiße Licht nicht zusammengesetzt ist und sich Farben aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis ergeben. In diesem Sinne deutete er die Kantenspektren die er beim Betrachten dunkler Streifen auf hellem Hintergrund und heller Streifen auf dunklem Hintergrund durch ein Prisma sah. Diese Erfahrung gab ihm den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung seiner eigenen Farbenlehre.

Runge ordnet die Farben auf seiner Farbkugel an. Im Schnitt von Nord- zu Südpol zeigt sich dabei eine Grauachse. Wichtig sind ihm die Komplementärfarben; solche, die bei Mischung Weiß oder Schwarz ergeben. Blau-Orange, Rot-Grün und Gelb-Violett sind nach Goethe Komplementärfarben. Runge ordnet sie auf seiner Farbkugel an. Von dort bekommen sie auch ihre Grauwerte, und damit werden auch Brauntöne und „schmutzige Farben“ möglich. Auch sie abbilden zu können, ist Runges Leistung. Er schafft Probedrucke. Schon 1807 kommt ein Hinweis von ihm an Goethe.

Den Grundfarben in der Farbanordnung werden menschliche Eigenschaften zugeordnet: oben Rot als Idee der Liebe, unten Grün als Reales, aber auch schön und unschön. Auch wird in männliche und weibliche Leidenschaft unterteilt. Somit symbolisiert der Farbenkreis ebenso das menschliche Geistes- und Seelenleben. Goethe und Runge kommen hierbei auf ähnliche Erkenntnisse.

Auf Dichters Spuren in der Lausitz

Frühlingsausflug der Goethegesellschaft

Von Erika Seidenbecher

Der Frühlingsausflug der Goethegesellschaften Gera und Erfurt vom 24-28. April war eine Bildungsreise, die nach Kamenz, Bautzen, Cottbus, Frankfurt/Oder, Landsberg an der Warthe (Gorzow Wielkopolski), Neutornow und nach Bad Freienwalde führte. Unser Ziel war es, Wohn- und Wirkungsstätten bekannter Persönlichkeiten kennen zu lernen.
Wir fuhren durch das vielgestaltige Hügelland der Oberlausitz, sahen Teiche, Wälder und sattgrüne Wiesen, blühende Bäume und die unverfälschte Natur der Ober- und der Niederlausitz.
Unser erstes Ziel war die Lessingstadt Kamenz, die sorbische Stadt am Hutberg, in der der bedeutende deutsche Dichter, Gotthold Ephraim Lessing am 22. 01.1729 geboren wurde. Im Museum wurden wir nicht nur mit der Biographie Lessings bekannt gemacht, sondern auch mit dem Verhältnis Lessings zum Theater. Seine Theatermodelle, Entwürfe von Bühnernbildern und Kostümen und Auszüge aus seiner „Hamburgische Dramaturgie“ sind interessante Anschauungsobjekte. Interessant war auch, dass Goethe als Jugendlicher über den um 20 Jahre älteren Dichter lächelte und später tief bereute, dass er keinen Kontakt zu Lessing gesucht hatte. Über Lessings Gedanken der Toleranz, den er im „Nathan der Weise“ zum zentralen Thema erkor, sollten wir gerade heute gründlich nachdenken.
Wir fuhren weiter nach Bautzen. Die „Stadt der Türme“ an der Spree ist die zweitgrößte Stadt der Oberlausitz und politisches und kulturelles Zentrum der Sorben. Die Vorfahren der Sorben, die slawischen Lusitzen, kamen zur Zeit der Völkerwanderung in dieses Gebiet, das nach ihnen benannt ist. Die Lausitz ist eine Region, in der Sorbisch und Deutsch als gleichberechtigte Sprachen nebeneinander existieren.
Die Altstadt von Bautzen erhebt sich auf einem Granitfelsen, umflossen von der Spree. Auf einem Stadtrundgang sahen wir den Kornmarkt, den St. Petri-Dom, das barocke Rathaus, schöne barocke Bürgerhäuser, das Domstift, das Schloss, die Ortenburg, das Sorbische Museum und das Deutsch-Sorbische Volkstheater. Im St.-Petri-Dom sahen wir das Licht-Kreuz als ein zentrales Symbol des christlichen Glaubens. Es steht für den Leidensweg Jesu und schließt gleichzeitig jegliches Leid der Menschheitsgeschichte ein. Andererseits steht das Kreuz für die Hoffnung, dass das Leben stärker ist als der Tod, das Licht ausdauernder als die Dunkelheit.
Überall in Bautzen wurden wir an das vergangene Osterfest erinnert. Wir sahen den österlich geschmückten Brunnen auf dem Markt, wunderschöne bemalte Ostereier (Ätz-, Ritz-, Wachstechnik), hörten etwas über das Osterreiten, das Schöpfen des Osterwassers und das Ostersingen. Der Stadtrundgang war gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit der Stadt, als die Stadt an der großen Handelsstraße Via Regia lag.
Unsere Fahrt ging weiter zur Universitätsstadt Cottbus (sorbisch: Chosebuz), der kreisfreien Stadt in Brandenburg. Cottbus gilt als politisches und kulturelles Zentrum der Sorben in der Niederlausitz. Die Stadt liegt an der mittleren Spree. Im Gebiet von Cottbus siedelten ab dem 7. Jahrhundert die Lusitzen. 1156 wurde die Stadt erstmals urkundlich erwähnt. Die Besitzverhältnisse wechselten recht oft. 1701 gründeten die Hugenotten in Cottbus eine französische Kolonie. Mit dem Pflanzen der ersten Maulbeerbäume im Jahr 1718 hielt die Seidenraupenzucht Einzug. So wurde Cottbus schon während der Gründerzeit zu einer Stadt der Textilindustrie und des Textilmaschinenbaus. Zur Zeit der DDR wurde das Gebiet um Cottbus zu einem wichtigen Kohle- und Energielieferanten. Mit dem Bus fuhren wir durch die große 15 qkm große Stadt. Die Altstadt erkundeten wir zu Fuß.
Auf dem Markt findet zweimal im Jahr der Wochenmarkt statt. An 1304 Marktständen bieten Händler heimische Produkte an. Eine Glocke verkündet Beginn und Ende des Markttages.
Wir besichtigen den Spremberger Turm und die jüdische Synagoge.
Am Nachmittag fuhren wir zum Branitzer Park. Fürst Pückler erbte das Schloss Branitz und gestaltete einen der schönsten Parks Deutschlands. Fürst von Pückler-Muskau war Generalleutnant, Landschaftsarchitekt, Schriftsteller und Weltreisender und seinerzeit ein bekanntes Mitglied der gehobenen Gesellschaft.
Der Innenpark stellt, im Gegensatz zum reich geschmückten Pleasureground (ein an das Haus stoßendes, geschmücktes, eingezäuntes Terrain, Verbindungsglied zwischen dem Park und Gärten) eine „zusammengezogene idealisierte Natur“ dar. Pückler ließ dazu Seen und Kanäle ausheben und Hügel modellieren, sodass aus der ursprünglich flachen Ebene ein natürlich wirkendes Relief entstand. Im Zentrum des Parks liegt das Barockschloss Es zeigt in historisch ausgestalteten restaurierten Räumen die Wohnwelt des Fürsten Pückler.
Wir fuhren an diesem Tag noch nach Frankfurt. Am Abend besuchten wir das Kabarett „Oderhähne“. Die Aufführung von „Mat(ts)chos mögens heiß“, war ein Genuss. Eines haben die Kabarettisten auf jeden Fall mit dem Frankfurter Wappen-Hahn gemeinsam: Den spitzen Schnabel und die scharfen Krallen.
Am Morgen des 26. April unternahmen wir eine Stadtführung durch die Universitätsstadt Frankfurt , die in früheren Jahren der Hanse angehörte. Der Rundgang begann im Gertraudenpark an der Lindenstraße. Dort sind die Grabmale für Ewald von Kleist und Heinrich von Kleist zu sehen.
Ewald Christian von Kleist war ein deutscher Dichter und preußischer Offizier. Er studierte in Fankfurt/Oder und in Königsberg und diente im Regiment des Prinzen Heinrich von Preußen. Als Friedrich II. im Siebenjährigen Krieges gegen die russisch-österreichischen Armee kämpfte und eine Niederlage erlitt, zerschmetterte eine Kartätschenkugel das rechte Bein von Ewald von Kleist. Er starb an seinen Verwundungen und wurde in Frankfurt begraben.
Das wichtigste Denkmal Frankfurts ist jedoch dem bekanntesten Sohn der Stadt, Heinrich von Kleist, gewidmet. Es wurde 1910 vom Berliner Künstler Gottlieb Elster geschaffen.
Mit Frankfurt sind auch die Namen anderer Persönlichkeiten verbunden:
Der Komponist Michael Praetorius war einige Jahre in Frankfurt zu Hause. Er studierte Theologie und Philosophie an der Universität in Frankfurt/Oder, nebenbei war er als Organist an der Universitätskirche tätig. 1590 verließ er, ohne abgeschlossenes Studium, Frankfurt.
Zu nennen sind auch die Brüder Alexander und Wilhelm Humboldt, die einen Teil ihres Studiums in Frankfurt absolvierten.
Auch Carl Emanuel Philipp Bach immatrikulierte sich 1734 an der Brandenburgischen Universität Frankfurt und war Mitglied des dortigen Collegiums musicum. Als Kammercembalist Friedrichs II. unterrichtete er in Berlin den jungen Herzog Carl Eugen von Württemberg Ihm widmete er die sechs Württembergischen Sonaten für Cembalo (Nürnberg 1744), nachdem er zuvor seine sechs Preußischen Sonaten Friedrich II. zugeeignet hatte.
Während der Stadtführung sahen wir in Frankfurt die Oberkirche St. Marien. Das Kirchengebäude, die ehemalige Hauptpfarrkirche der Stadt, gehört zu den größten Gebäuden der norddeutschen Backsteingotik. Eine Besonderheit sind die drei großen Bleiglasfenster. Interessant ist auch das Rathausgebäude mit dem Uhrenturm und der Oderturm. Der Fisch aus dem Jahre 1454, der zum Wahrzeichen der Stadt wurde, hängt über dem südlichen Schmuckgiebel des Rathauses. Er symbolisiert das Recht der „Höhung“ in den Heringsfässern.
Unser Interesse galt aber dem Kleistmuseum. Der am 18. Oktober 1777 in Frankfurt geborene Dichter ist bekannt durch seine Schauspiele: „Das „Käthchen von Heilbronn“, „Der zerbrochene Krug“, „Amphitryon“ und der Novelle „Michael Kohlhaas“. Der „Zerbrochene Krug“ wurde durch Goethes Vermittlung in Weimar uraufgeführt. Der Schauspieler, der Adam spielte, wurde seiner Rolle nicht gerecht. Außerdem war das Drama damals zu lang. Kleist war tief enttäuscht, denn die Aufführung wurde ein Misserfolg und der Dichter meinte, Goethe sei daran schuld. Kleist studierte an der Brandenburgische Universität in Frankfurt, brach aber das Studium ab und trat in die Preußische Armee ein. Der Militärdienst war ihm aber unerträglich geworden. Deshalb quittierte er den Dienst und nahm seine Studien wieder auf. Danach arbeitete er als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium in Berlin. Er reiste viel, suchte einen Halt im Leben, aber seine Ideale stimmten mit der Wirklichkeit nicht überein. Er war ein Mensch, der ständig innerlich unzufrieden war. Seine Zerrissenheit äußert sich auch in seinen Werken. 1811 fuhr er mit Henriette Vogel zum Kleinen Wannsee und erschoss Henriette und sich selbst. Die Abschiedsbriefe der Beiden zeugen davon, dass es ein Freitod war.
Nach der Besichtigung des Museums spielte Dieter Schumann, Geschäftsführer der Erfurter Goethe-Gesellschaft, auf einem Flügel Werke von Beethoven. Am Nachmittag fuhren wir noch zu dem Basar im polnischen Slubice.
Am nächsten Tag, am 27. April, fuhren wir nach der polnischen Stadt Gorzow Wielkopolski an der Warthe, die 70 km von Frankfurt entfernt ist und zu deutsch Landsberg hieß. Während der Busfahrten erfuhren wir auch, dass Ulrich von Hutten einen Teil seines Studiums in Frankfurt absolvierte und hier 1506 sein Bakkalaureat ablegte. Er schrieb das Gedicht „Lob der Mark“, ein Loblied auf die Mark Brandenburg.
Wir erfuhren, dass Christa Wolf 1929 in Landsberg an der Warthe als Tochter der Kaufleute Otto und Herta Ihlenfeld geboren wurde. Sie besuchte dort bis kurz vor Kriegsende die Schule. Nach der Flucht vor den anrückenden Truppen der Roten Arme fand die Familie 1945 vorerst in Mecklenburg eine neue Heimat. Christa Wolf arbeitete als Schreibhilfe beim Bürgermeister des Dorfes Gammelin bei Schwerin. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig. Ihre Diplomarbeit schrieb sie zum Thema: Probleme des Realismus im Werk Hans Falladas. Während der Busfahrt hatte uns Karin Volkmer schon mit dem Leben und Wirken der Dichterin vertraut gemacht. Sie las uns aus dem Roman „Kindheitsmuster“ der Dichterin vor, das autobiographische Züge trägt.
Auch das Leben des Dichters Gottfried Benn ist mit Brandenburg verbunden. Er besuchte das Gymnasium in Frankfurt/Oder und war während des II. Weltkrieges in der Kaserne in Landsberg stationiert. Hier schrieb er u.a. seinen Roman „Roman des Phänotyp“(1943).
Zu nennen ist auch der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher (1768-1834), der von 1794-1796 Hilfsprediger in Landsberg/Warthe war. Als Hegelianer war er Vertreter der Dialektik. Aber auch der Religion maß er große Bedeutung zu. Sie gehört nach seiner Ansicht genauso zum Menschen wie das Denken und das moralische Handeln.
Sohn der Stadt Landsberg ist auch der Romanist und Politiker Victor Klemperer, der 1881 hier geboren wurde. Als Überlebender des Holocaust war er ein wichtiger Chronist und Zeitzeuge der Jahre vor und während der Nazizeit. In der DDR war er Vertreter des Kulturbundes und Abgeordneter der Volkskammer. Er starb 1960 in Dresden.
In Landsberg hatten wir eine Führung durch die Stadt, in der zur Zeit die Straßenbahnlinien erneuert werden. Dadurch ist die Stadt gegenwärtig ein einziger Bauplatz. Die Führung begann im Stadtpark. Dort befindet sich auch eine Skulptur, die die Autorin Christa Wolf in sitzender Position zeigt. Der Stadtführer erzählte uns, dass Christa Wolf nach der Wende Landsberg besuchte und der Stadt ihren polnisch geschriebenen Roman„Dziecinstwo“ (Kindheitserinnerung) überreichte.
Die Stadt gehört seit dem Wiener Kongress zu Brandenburg. Die Gemeinde ließ Mitte des 19. Jahrhunderts, nach Plänen des Berliner Architekten Carl Tietz, eine Synagoge im byzantinischen Stil errichten, die in der Kristallnacht von den Nazis niedergebrannt wurde. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an die Synagoge. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören: Der Dom St. Marien aus dem späten 13. Jahrhundert, die Konkordienkirche von 1776, die wegen ihrer Außenfarbe auch Weiße Kirche genannt wird. Nach dem II.Weltkrieg wurde sie umgestaltet und als Teil eines Klosters erweitert. Sehenswert ist auch das Historische Speichergebäude auf der gegenüberliegenden Warthe (heute Museum) und die Uferpromenade an der Warthe. Genannt werden sollte auch der Paucksbrunnen auf dem Marktplatz von 1897.
Am Sonntag, dem 28.04.2019 fuhren wir noch nach Neutornow und Bad Freienwalde. Neutornow gehört zu Bad Freienwalde. Auf dem Kirchhof, südlich der Kirche, die hoch über dem Ort liegt, befindet sich die Grabstätte des Vaters von Theodor Fontane. Nach dem Besuch des Grabes fuhren wir noch nach dem Moorbad Bad Freienwalde und besichtigten die spätgotische Kirche. Danach fuhren wir zurück in die Heimat. Unser Ausflug war verbunden mit Lesungen, musikalischen Darbietungen, Gesang und Frohsinn.
Dank allen, die die Reise so umsichtig und präzise vorbereitet haben. Dank auch unserer Busfahrerin, die nicht nur für eine sichere Fahrt sorgte, sondern auch für unser leibliches Wohl. Es war eine sehr gut organisierte und interessante Bildungsreise, die allen Teilnehmern gut gefallen hat.

Wielands Teutscher Merkur – ein neuer Zeitschriftentyp in Deutschland

Vortrag von Dr. Egon Freitag, Weimar am 2. April 2019

Die Zeitschrift wurde in Weimar herausgegeben. Ihr Vorbild war die französische „Mercure de France“, die literarisch-politische und andere Themen beinhaltete. Wieland lernte auch deren Redakteur, einen Abbe Renald, kennen, eine Begegnung in Weimar.

Im April 1773 erschien das erste Heft. Es war finanziell ein gewagtes Unternehmen. Die Zeitschrift sollte im Sinne der Aufklärung wirken. Sie war folglich kosmopolitisch angelegt. Die Themen waren überaus vielfältig. Sie umfassten auch Naturthemen, so gab es einen Aufsatz über die Entdeckung der Nilquellen Wieland veröffentlichte auch Reiseberichte Georg Forsters. Er interessierte sich ebenso lebhaft für technische Neuerungen: Dampfmaschinen und die Ballonfahrt der Brüder Montgolfier.

Wieland war stark der politökonomischen Richtung des Merkantilismus verhaftet; alles sollte dem Nutzen der Menschen dienen. Daher schwärmte er weniger für die schönen Barockgärten, umso mehr für „ein wohlbestelltes Feld“. Es sei viel nützlicher für die Menschen. Er war ja zwischen 1797 und 1803 selbst Gutsbesitzer. In Oßmannstedt besaß er 100 Hektar, dazu auch Vieh. Er setzte sich dafür ein, dass die in der Dreifelderwirtschaft übliche Brache nicht leer dalag, sondern mit Futterpflanzen, so Luzerne, Lupine und vor allem Klee bestellt wurde. Er nannte sich selbst einen „poetischen Landjunker“. Er sah es als Pflicht für den Menschen an, den Tieren ein „Wohlleben“ zu gewähren; somit erwies er sich als Vorkämpfer für Tierschutz und Tierwohl.

Mit seiner neuartigen Zeitschrift wollte Wieland die verschiedensten Lesergruppen erreichen. So warb er um Herders Mitarbeit. Der war damals noch Hofprediger in Bückeburg. Herder schrieb einen Aufsatz über den großen Renaissance-Humanisten Ulrich von Hutten. Er lobte ihn in den höchsten Tönen, sah in ihm sogar einen Vorkämpfer der Reformation. Dagegen betrachtete er Erasmus von Rotterdam als Schwächling und Verräter an der protestantischen Sache.

Eine solche Sicht musste natürlich die katholischen Leser verärgern. Die Zeitschrift hatte beispielsweise viele Leser im katholischen Bayern und in Österreich. Wieland griff zu einer List. Er ließ zwar Herders Aufastz unverändert abdrucken, versah ihn jedoch mit eine beschwichtigenden Fußnote, mit der er sich von Herder distanzierte. Der „Teutsche Merkur“ sollte überparteilich sein. Diese Fußnote verärgerte Herder über alle Maßen.

Nun entwickelte sich der „Merkur“ immer mehr zu einem Spiegelbild der unterschiedlichsten Themen, so fanden Aufsätze über Literatur, Landeskunde, Reisen, Naturkunde, Kunst, Musik, Ökonomie, Recht und Politik Eingang. Sogar über die Monsunwinde in Indien wurde spekuliert. Thema war auch die Erfindung der ersten Rechenmaschine von Leibniz, ergänzt durch Nachrichten von einer verbesserten Rechenmaschine durch einen Pfarrer aus Kornwestheim.

Goethe, Schiller, der Verleger Bertuch und der Dichter Heinse waren Autoren des „Teutschen Merkur“, ebenso die Jacobis, der Erfurter Statthalter Dalberg, die Dichter Lenz, Klinger, Gleim, Bürger, Jung-Stilling, Geheimrat Voigt und der Hofprediger Graef aus Gera. Goethes Gedicht über Hans Sachs poetische Sendung wurde im „Merkur“ veröffentlicht und auch sein Monodrama „Proserpina“.

Es zeigten sich erhebliche Niveauunterschiede, die Goethe einmal veranlassten vom „Sau-Merkur“ zu sprechen.

Als Novum wurde im „Merkur“ der Fortsetzungsroman eingeführt, auf diese Weise erschienen Wielands „Abderiten“. Dies stieß auf Goethes Ablehnung, sinngemäß meinte er: So etwas schnipselweise liest doch kein Mensch.

Wieland hat auch junge Talente gefördert. So schrieb ein gerade erst 16-jähriger Dichter ein 25 Seiten langes Gedicht, das Eingang in den „Merkur“ fand.

Mit Schiller hatte Wieland eine längere Unterredung. Er bot ihm Mitarbeit an. Schiller zeigte sich begeistert, er erhoffte sich dadurch eine Verbesserung seiner finanziellen Lage. In einem Brief an seinen Jugendfreund Huber war von 1000 Talern möglichen Profits die Rede.

Der „Teutsche Merkur“ verfügte zu jener Zeit, um 1787, über 1400 Subskribenten. Nach Abzug aller Kosten blieben Wieland je Ausgabe etwa 200 Reichstaler übrig.

Schiller veröffentlichte zum Beispiel seine „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“, die mit einer Vorrede Wielands versehen wurde. Auch die Einleitung zum „Abfall der vereinigten Niederlande …“ erschien in Wielands Publikation, ebenso das Gedicht „Die Götter Griechenlands“.

Schiller erwies sich indes als oft sehr nachlässig. Wieland drängte, denn der Abgabetermin drängte. „Ich sitze im Todesschweiß, da machte ich mir aus Angst ein Gedicht.“ Das erschien nun anstelle Schillers ausgebliebener oder verspäteter Lieferung. Wieland mahnte: „Sie scheinen den Teutschen Merkur vergessen zu haben.“

Wieland hat Schiller sehr gefördert, er führte ihn sogar bei Hofe ein. Dennoch erwies sich Schiller als höchst undankbar. Er schrieb später sehr negativ über Wieland, trug er sich doch mit eigenen Zeitschriftenplänen, inbesondere den „Horen“. Hier wurden beispielweise Goethes „Venezianische Epigramme“ zuerst veröffentlicht. „Die Horen müssen jetzt mit u geshrieben wrden“, meinte hingegen Wieland. Schiller, retour, chrieb an den Verleger Cotta: „Wenn die Horen herauskommen, wird der Teutsche Merkur gewiss eingehen.“ Für den „Merkur“ sei jetzt jeder schlechte Aufsatz gerade gut genug. Doch mit seiner Prognose lag Schiller falsch. Seine „Horen“ gingen nach drei Jahrgängen ein, Wielands „Merkur“ hingegen erlebte 37 Jahrgänge, nämlich von 1773 bis 1810. Ab 1790 hieß die Zeitschrift „Der Neue Teutsche Merkur“.

Etwa 1500 Autoren waren beteiligt, ebenso Übersetzer und etwa 100 Künstler, die z. B. Kupferstiche lieferten. Musikalien wurden ebenfalls veröffentlicht. Der Darmstädter Naturforscher und Herausgeber Johann Heinrich Merck, Goethes Freund, steuerte Rezensionen bei. Er schrieb auch einen großen Aufsatz über prähistorische Tierknochen.

In den 90-er Jahren kam Wielands Schwiegersohn, Prof. Reinhold aus Jena, zu Wort, er verbreitete in vielen Aufsätzen im „Merkur“ die Lehre Kants.

Die Leser setzten sich vor allem aus dem gebildeten Bürgertum und dem Reformadel zusammen. Wieland schrieb 18 Aufsätze über die Französische Revolution, nahm pronociert zur Pressefreiheit Stellung; Pressefreiheit, „wodurch sich unser Europa rächen kann“. Man nehme uns diese Freiheit, und Unwissenheit, und Europa wird bald wieder in Dummheit und Despotie ausarten.

Nie habe eine Nationalversammlung der Menschheit soviel Ehre gemacht wie diese, schrieb Wieland über die Franzosen. Hier geschehe der Übergang von der Knechtschaft in Freiheit. So akzeptierte er die Hinrichtung Ludwig XVI. als notwendig, kehrte sich aber von der Schreckensherrschaft der Jakobiner ab. Der „Merkur“ wurde zur wichtigsten Informtionsquelle über die revolutionären Ereignisse in Frankreich.

Hierzu ein Beispiel. 1790 gab es einen Bauernaufstand in Sachsen. Ein Seilergeselle namens Benjamin Geißler verteilte Flugblätter, die zur Entmachtung des Adels und zur Absetzung der sächsischen Landesregierung aufriefen. Geißler wurde beim Verteilen der Flugblätter ertappt und verhaftet. Auf die Frage des Richters, woher er denn seine Informationen beziehe, antwortete Geißler: Aus dem Teutschen Merkur und aus umlaufenden Gerüchten. Also haben auch Handwerker den „Merkur“ gelesen.

Wieland war aber eher Anhänger der konstitutionellen Monarchie englischer Prägung mit ihrer Gewaltenteilug. Er sah die zunächst rettende Rolle Napoleons für die Ereignisse in Frankreich voraus, setzte auf ihn seine Hoffnungen. Am 6. Oktober 1808 wurde er sogar vom Imperator gemeinsam mit Goethe im Weimarer Stadtschloss empfangen. Napoleon würdigte Wieland mit den Worten: „Wir nennen Sie den Voltaire Deutschlands“. Beide erhielten den Orden der Ehrenlegion.

Der „Merkur“ hatte auch viele Leser im Ausland, in Schottland, beispielsweise, war die Zeitschrift gut bekannt. Sie wurde dort insbesondere von Kommissionären vertrieben. Doch auch in Riga wurde der „Merkur“ gelesen. Seine Auflage ging indes im Laufe der Jahre zurück. Bestand die Auflage anfangs noch aus 2500 Exemplaren, so sank sie später auf 800. Dennoch erschien der „Merkur“ bis 1810.

Veröffentlicht wurden auch Anzeigen von Buchhändlern. Guthsmuths veröffentlichte einen Aufsatz über gymnastische Leibesübungen.

Goethe hat in einer Logenrede Wieland nach dessem Tod 1813 sehr gelobt und so auch dessen Zeitschrift. Dieses Unternehmen sei zwar nicht das erste seiner Art gewesen, aber doch neu und bedeutend, und der Teutsche Merkur könne mehrere Jahre hindurch als Leitfaden in unserer Literturgeschichte gelten.

Der Philosoph, dem ich zumeist vertraue – Über Goethes Verhältnis zu Spinoza unter besonderer Berücksichtigung des Faust

Vortrag von Philipp Restetzki, Görlitz, am 20. Februar 2019

„Verflucht sei er am Tage und
verflucht sei er bei Nacht; verflucht sei er, wenn er sich
niederlegt, und verflucht sei er, wenn er aufsteht; verflucht sei er,
wenn er ausgeht, und verflucht sei er, wenn er zurückkehrt. Gott
wird ihm nicht verzeihen wollen. Der Zorn und der Grimm Gottes wird
gegen diesen Menschen entbrennen und über ihn alle die Flüche
bringen, welche im Buche des Gesetzes geschrieben sind. Und Gott wird
seinen Namen unter dem Himmel vernichten, und Gott wird ihn zum Bösen
ausscheiden von allen Stämmen Israels mit allen Flüchen des
Himmels, die im Buche des Gesetzes geschrieben sind … Wir
verordnen, dass niemand mit ihm mündlich oder schriftlich verkehre,
niemand ihm eine Gunst erweise, niemand unter einem Dache oder
innerhalb vier Ellen bei ihm verweile, niemand eine von ihm verfasste
oder geschriebene Schrift lese.“

Mit diesem großen Bannfluch wurde der
24 Jahre alte Baruch Spinoza 1656 aus seiner jüdischen Gemeinde in
Amsterdam für immer ausgestoßen. Grund dafür war sein schon in
jungen Jahren an Descartes ausgebildeter kühler, konsequenter
Rationalismus und die daraus erwachsende Religionskritik, die einer
streng orthodoxen jüdischen Gemeinde nicht gefallen konnte. Die
religiösen Schriften, so Spinoza, seien nicht das Wort Gottes,
sondern nur eine Interpretation durch den Menschen.

Als Goethe spätestens 1773 vollends zu
Spinoza fand, war er im gleichen Alter wie jener zur Zeit des großen
Bannfluchs. Wahrscheinlich hat Goethe den Anstoß zur Lektüre
Spinozas von Herder empfangen. Es war vor allem der beruhigende
Einfluss, den die Lektüre Spinozas in dieser Zeit auf Goethes
leidenschaftliches Wesen hatte. Die Beruhigung der Leidenschaften ist
ein zentrales Thema der spinozistischen Affektenlehre. Sie
unterscheidet zwischen Affekten, die der Mensch passiv erleidet wie
Hass und Zorn, und solchen Affekten, die ihn zur aktiven Gestaltung
anregen. Der Mensch muss durch Verstandeskraft die Ursachen dieser
Affekte offenlegen, um gerade die negativen, passiven Leidenschaften
ausschalten zu können. Erst durch diese Beruhigung der
Leidenschaften und die Konzentration auf die positiven, aktiven
Affekte vermag es der Mensch, wirkliche Erkenntnis der Welt und
mithin von Gott zu erlangen.

Dabei verschiebt sich im Weiteren sein
Fokus: vom Gottesbegriff und der Affektenlehre auf die
Erkenntnistheorie Spinozas. Sie ist das Grundmotiv des späten
Goethe, der sie zur Maxime seiner naturwissenschaftlichen Studien wie
auch seiner Poetik macht. Durch die Erkenntnis des Einzeldings ist es
möglich, dessen Wesen und damit Gott zu erkennen. Dies ist es, das
sich auf bedeutende Art im „Faust“ niederschlägt und eine
Erklärung für das Ende des zweiten Teils, vor allem der Erlösung
Fausts, bietet.

Denn die Frage „Ist Fausts
Erlösung gerechtfertigt?“ ist von jeher eine der heftigste
Streitpunkte der Faust-Forschung geblieben. Doch es gibt neue
Argumente zur Rechtfertigung der Erlösung, und zwar aufgrund bisher
übersehener Verbindungslinien zu Spinozas Philosophie.

Die Untersuchung konzentriert sich auf
die beiden für Fausts Erlösung ausschlaggebenden Szenen: den Prolog
im Himmel und dieBergschluchten-Szene, die miteinander durch die für
Goethes Faust zentralen Konzepte des menschlichen Strebens und der
göttlichen Liebe verbunden sind.

Im Prolog ist es kein Geringerer als
der Herr selbst, der durch die Feststellung „Es irrt der Mensch,
so lang er strebt“ den Begriff des menschlichen Strebens
einführt, während in den Bergschluchten die in der höheren Sphäre
schwebenden Engel mit ähnlichem Nachdruck verkünden: „Wer
immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“.

In Spinozas Hauptwerk, der „Ethik“,
nehmen menschliches Streben und göttliche Liebe als philosophische
Begriffe ebenfalls eine zentrale Stellung ein. Sie fungieren als
Kernbegriffe der Erkenntnistheorie und Affektenlehre.

Gleichsam als Motivation für Mephisto
führt der Herr im Prolog im Himmel das stetige Streben als
denjenigen Punkt in der Natur des Menschen an, an dem Mephisto mit
seiner Verführungskunst ansetzen kann:

So lang er auf der Erde lebt

so lang sei’s dir nicht verboten.

Es irrt der Mensch, so lang er strebt.

Es gibt mehrere Verweise auf das
„Streben“.

Ich fasse dich, das Streben wird
gemindert – sein Streben wird durch die Nähe des tödlichen Gifts
in der Phiole gehemmt.

Zu jenen Sphären wag ich nicht zu
streben – Faust sieht sein Streben durch fehlenden Gottesglauben
eingeschränkt.

Ward eines Menschen Geist, in seinem
hohen Streben, von deinesgleichen je gefasst? – Fausts Zweifel an der
Macht Mephistos

Doch immer weiter strebt mein Sinn –
Bezug auf Helena als Inbegriff des höchsten Schönen.

Durch wiederholtes Auftauchen an
strukturellen Schlüsselstellen wird das Streben nicht nurzum
zentralen Motiv der Wette zwischen Gott und Mephisto, sondern in
seiner Bedeutung für den Paktschluss auch zum zentralen Motiv der
Handlung. Letztlich muss Mephisto daher die Wette verlieren.

Fausts Wissbegier, die wichtigsten
seiner zeitgenössischen Wissenschaften umfassend, zielt auf das,
„was die Welt im Innersten zusammenhält“ und scheitert
daran. Gerade hierauf beruht laut Spinoza der Grund des Irrens. Wird
nämlich die für den Menschen begrenzte Anzahl von so genannten
„Vorstellungsbildern“ überschritten, so verwirren sich
diese Bilder und verleiten den Geist zu vereinfachenden
Kategorisierungen. Deshalb ist es Faust zunehmend leid, „in
Worten zu kramen“. Dennoch gehören diese Verwirrungen zum
Menschen. Die Erkenntnis des Irrtums als das Verfolgen inadäquater
Ideen, als ein Leiden an und Erleiden von Leidenschaften, führt den
Menschen zurück zum Streben. Darin gründet der Ausspruch des Herrn,
wonach sich „ein guter Mensch in seinem dunklen Drange … sich
des rechten Weges wohl bewusst“ ist. Dabei geht es um
Selbsterhaltung. Es handelt sich hier um den gleichen Begriff des
Strebens nach Selbsterhaltung und dessen Bedrohung wie Spinoza in
seinen Lehrsätzen. So kann der Herr am Ende des Prologs
konstatieren:

Der Menschen Tätigkeit kann allzu
leicht erschlaffen.

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu.

Der reizt und wirkt und muss als Teufel
schaffen.

Im Licht von Spinozas Lehrsätzen
verdeutlichen diese Verse, dass Mephisto selbst Teil der Rettung ist,
indem er als Grund des Irrens und damit als Antrieb für das Streben
fungiert. Weil in der menschlichen Natur die Möglichkeit der
Rückkehr vom Irrtum stets gegeben ist, muss Mephisto die Wette mit
Gott verlieren. Darauf beruht die Allmacht des Herrn gegenüber
seinem diabolischen Diener.

Der Schluss des Prolog im Himmel
verweist in aller Deutlichkeit auf die Rettung Fausts am Ende der
Tragödie.

Doch ihr, die echte Göttersöhne

erfreut euch der lebendig reichen
Schöne!

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,

Umfass euch mit der Liebe holden
Schrnken,

und was in schwankender Erscheinung
schwebt,

befestiget mit dauernden Gedanken!

An dieser Stelle ist die
Bergschluchten-Szene in ihren wichtigsten Aspekten schon
vorweggenommen. Alles befindet sich in der Schwebe und die von
göttlicher Liebe umfassten „Göttersöhne“ tragen das
Erscheinende durch „dauernde Gedanken“ befestigt in die
Ewigkeit des Jenseits. Ähnliches widerfährt „Faustens
Usterbliche(m)“ in den Bergschluchten.

Dort greifen die Engel die Worte des
Herrn wieder auf: „Wer immer strebend sich bemüht, den können
wir erlösen“.

Dabei dienen Goethe die christlichen
Figuren und Symbole der Bergschluchten laut eigener Aussage eben bloß
zur „wohltätig beschränkenden Form und Festigkeit“. Eine
rein christliche Interpretation ist demzufolge zu verwerfen.

Die i Gespräch mit Eckermann
hervorgehobene Bedeutung der „ewigen Liebe“ in Verbindung
mit der „höheren und reineren Tätigkeit bis ans Ende“,
die so charakteristisch ist für die „Bergschluchten“,
führt direkt zur Erkenntnistheorie Spinozas und seiner Ethik. Die
Verbindung, die in dieser Szene zwishen dem Leitmotiv der „ewigen
Liebe“ und dem Anschauen gezogen wird, ist so offensichtlich,
dass sie als direkter Verweis auf die Ethik gelten muss.

Drei Erkenntnisgattungen beschreibt
Spinoza. Die erste Gattung, Vorstellung bzw. Meinung genannt, basiert
auf der unbestimmten Erfahrung von Einzeldingen und Zeichen. Die
zweite Gattung, die rationale Erkenntnis oder Vernunft, erlaubt dem
Menschen „Gemeinbegriffe und adäquate Ideen der Eigenschaften
von Dingen“ zu bilden. Doch nur die intuitive Erkenntnis vermag
als dritte Gattung die Essenz der Dinge einzusehen.

Die „Bergschluchten“ beginnen
mit einem Diskurs dreier Eremiten, Patres genannt: Pater Ecstaticus,
Pater Profundus, Pater Seraphicus. Ecstaticus schwebt auf der Ebene
der Affekte, das Äußerliche passiv erleidend, er bleibt völlig der
sinnlich-empirischen Erkenntnis verhaftet. Er ist eine Allegorie für
Verwirrung und Irrtum.

Pfeile durchdringet mich,

Lanzen bezwinget mich,

Keulen zerschmettert mich,

Blitze durchwettert mich.

Dagegen befindet sich Pater Profundus
bereits auf einer anderen, höheren Ebene der Erkenntnis. Indem er
die Wechselwirkungen in der Natur reflektierend/denkend durchschaut,
erlangt er ein adäquates Verständnis der ihn umgebenden Dinge.

Er begreift die Umgebung nicht mehr als
Gefahr und erleidet nichts von ihr. Profundus analysiert vernünftig
die Geschehnisse um sich herum. Dass er am Ende mit den Worten „Oh
Gott, … erleuchte mein bedürftig Herz“ nach höherer
Erkenntnis strebt, die er nur bei Gott finden kann, basiert auf
Spinoza. „Das Streben oder die Begierde, Dinge in der dritten
Erkenntnisgattung zu erkennen, kann nicht der ersten, wohl aber der
zweiten Erkenntnisgattung entspringen.“ Nur Pater Profundus kann
diesen Wunsch ausdrücken, nicht Estaticus.

Diese dritte Stufe personifiziert Pater
Seraphicus. Er erennt die seligen Knaben, die sich hilfesuchend an
ihn wenden, da sie „halb erschlossenen Geistes und Sinnes“
ohne weltliche Erfahrung nichts erkennen können. Er nimmt die Knaben
in sich auf und zeigt ihnen durch seine Augen die Welt.

„Das sind Bäume, das sind Felsen,

Wasserstrom, der abgestürzt

Und mit ungeheurem Wälzen

Sich den weiten Weg verkürzt.“

Die Knaben jedoch können der
Beschreibung des Paters nicht folgen und gleichen dem Pater
Ecstaticus, passiv durch die Umgebung von „Schreck und Grauen“
geschüttelt. Also lässt er die Knaben die Entwicklung der
Erkenntnisstufen durchleben.

„Steigt hinauf zu höhrem Kreise

Wachset immer unvermerkt,

Wie, nach ewig reiner Weise,

Gottes Gegenwart verstärkt.“

Die Knaben, in ihren letzten Versen
schon „um die höchsten Gipfel kreisend“, ahnen nun mit
Hilfe des Paters Seraphicus die drite Erkenntnisstufe, die höchste
Nähe zu Gott.

„Göttlich belehret

Dürft ihr vertrauen,

Den ihr verehret

Werdet ihr schauen.“

In direktem Bezug zu den Versen des
Prologs „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ steht die
nächste Strophe der „Bergschluchten-Szene“:

„Gerettet ist das edle Glied

Der Geisterwelt vom Bösen,

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen.

Und hat an ihm die Liebe gar

Von oben Teil genommen,

Begegnet ihm die selige Schar

Mit herzlichem Willkommen.“

Das ist die einzie Stelle, die, wenn
auch nur in der Regieanweisung, auf Faust Beug nimmt. Die Engel
tragen „Faustens Unsterbliches“ bereits in jene „höhern
Atmosphäre“, höher noch, als die das Göttliche nur ahnenden
seligen Knaben stehen. Dieses Höhenspiel der Bergschluchten,
ausgedrückt, durch die Positionen der Patres und den Aufstieg der
seligen Knaben, symbolisiert damit die verschiedenen
Erkenntnisgattungen. Je höher die Position, desto umfangreicher die
Erkenntnis und desto näher ist Gott. Wer also nach
Erkenntnisfortschritt strebt, um in der dritten Gattung Gott, die
Essenz der Dinge, zu erfassen oder, wie Faust es audrückt, zu
erkennen „was die Welt im Innersten zusammenhält“, der
kann, da er Gott am Nächsten kommt, schließlich gerettet werden.
Doch in diesem erkenntnistheoretischen Prozess nimmt die „Liebe
gar“, die „von oben“ teilgenommen hat, eine besondere
Position ein. Den drei Patres ist gemein, dass sie alle auf die Liebe
verweisen, die durch Attribute wie „heilig“ und
„allmächtig“ als göttlich markiert wird. Höchste
Bedeutung hat aber an dieser Stelle das Attribut „ewig“.
Eben jene „ewige Liebe“ ist es, die in Spinozas Philosophie
am Ende aller Erkenntnis steht und die er als amor dei intelectualis
bezeichnet. Diese geistige Gottesliebe ist als höchste Zufriedenheit
des Geistes zu verstehen; sie ist allein der dritten
Erkenntnisgattung vorbehalten. Sie ist es, die in den höchsten
Regionen der Bergschluchten, dem Bereich der höchsten Erkenntnis,
hinzukommt. Ewig ist sie, weil laut Spinoza in der dritten Gattung
die Dinge sub specie aeternitatis, unter dem Aspekt der Ewigkeit
betrachtet werden. Damit ist auch die Liebe, die in der Erkenntnis
Gottes empfunden wird, ewig.

Spinoza meint, dass nach dem Tod des
Körpers der Geist nicht völlig zerstört wird, sondern dass von ihm
etwas übrig bleibt, das ebenso ewig ist. Darunter ist durchaus
„Faustens Unsterbliches“ zu begreifen, das ausdrücklich
nicht Seele genannt wird. Dieser dem Geist angehörige Aspekt von
Ewigkeit ermöglicht erst die Erkenntnis der dritten Gattung sub
specie aeternitatis.

Goethes Verständnis von Streben und
Liebe in diesen beiden Szenen entspricht demnach Spinozas Denken. Die
Verbindung des Strebens mit Aspekten der Anschauung und Erkenntnis
und das Gipfeln in ewiger göttlicher Liebe kennzeichnet die
zitierten Verse als analoge Übernahmen aus Spinozas Ethik. Daraus
erwächst die erkenntnistheoretische Dimension der „Bergschluchten“,
die in die Erlösung Faustens mündet. Doktor Marianus schließt mit
den Versen:

„Blicket auf zum Retterblick

Alle reuig Zarten,

Euch zu seligem Geschick

Dankend umzuarten.

Werde jeder bessre Sinn

Dir zum Dienst erbötig,

Jungfrau, Mutter, Königin,

Göttin, bleibe gnädig.“

Der Blick nach oben, zur dritten
Erkenntnisgattung, erlaubt den reuigen Sündern, sich „umzuarten“,
d. h., wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Nur so kann
die Tragödie für Faust auf positive Weise enden, nämlich mit der
Erfüllung seines Wunsches nach höherer Erkenntnis und der davon
abhängigen, ja dadurch erwirkten Erlösung, durch die Nähe zu Gott.

Das Gilgamesch-Epos -ältestes Zeugnis der Weltliteratur

Vortrag von Prof. Jabagh Khablou, Damaskus, 4. Dezember 2018

Wenn wir das Epos von Gilgamesch kennenlernen wollen, kehren wir zu einer sehr alten Zeit, fast 5000 Jahre, zurück, als die Stadt Uruk entstand, in der Gilgamesch, Held des Epos, König war. Uruk ist eine Stadt im Süden Iraks, östlich des Euphrat, sie heißt heute Alurkaa. Sie ist eine der ersten Städte der Welt. Hier erschien ungefähr 3200 v. Chr. die erste Schrift der Welt.

Ein König Gilgamesch ist nachgewiesen. Er ließ eine Stadtmauer errichten und führte Krieg gegen die Nachbarstadt Kish. Die erste Entdeckung des Epos stammt aus dem Jahr 1872, als der britische Sprachwissenschaftler George Smith einen Teil der Geschichte der Flut fand, die auf einer der in der antiken assyrischen Hauptstadt Ninive gefundenen Tafeln stand und veröffentlichte es im Jahr darauf. Seitdem wurden in verschiedenen Standorten (Städte im Irak, Ugarit an der syrischen Küste, Magdo in Palästina oder Bugazkoy in der Türkei) Teile oder Passagen der Saga gefunden – auf Tonplatten oder Teilen von Tonplatten.

Aber der erste Mann, der versucht hat, alles, was über das Epos bekannt war, zu sammeln und zu veröffentlichen, war der deutsche Wissenschaftler Peter Jensen in seinem 1900 erschienenen Buch mit dem Titel „Assyrisch-babylonische Mythen und Epen“.

Die frühesten Texte, die uns zu diesem Epos zur Verfügung stehen, sind in der akkadischen Sprache im babylonischen Dialekt verfasst und kehren zum Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. zurück. Aber der vollständigste Text des Epos wurde in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal entdeckt und stammt aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.

Essenz des Epos: die ständige menschliche Frage nach der Ewigkeit. Gilgamesch erkannte, dass sein Schicksal der Untergang sei. Er wollte danach suchen, was ihn unsterblich machen könnte.

Die Saga ist in zwölf Tafeln unterteilt, von denen jede einen Teil des Lebenslaufs dieses nach der Ewigkeit Strebenden darstellt.

Die erste Tafel:

Sie schildert den Charakter des Königs. Er wird als stark und mutig geschildert, aber auch als grausam. Wegen Zwangsarbeit und Kriegen mit den Nachbarn wurde er nicht geliebt. Er war zu zwei Dritteln göttlich, zu einem Drittel menschlich.

„Der, der die Tiefe sah, die Grundfeste des Landes,

der das Verborgene kannte, der, dem alles bewusst

vertraut sind ihm die Göttersitze allesamt.

Allumfassende Weisheit erwarb er in jeglichen Dingen.

Er baute die Mauer von Uruk, der Hürden (umhegten),

die des hochheil’gen Eanna, des reinen Schatzhauses.

Steig doch hinauf, auf der Mauer von Uruk wandle umher!

Die Fundamente beschaue, und das Ziegelwerk prüfe:

ob ihr Ziegelwerk nicht aus Backstein (besteht)

und ob die Sieben Weisen nicht (selbst) ihre Grundmauern legten!

Alle Könige weit überragend, hochberühmt und von schönster Gestalt.

Stier Lugalbandas, Gilgamesch, vollkommen an Kraft,

von der erhabenen Kuh, Wildkuh Nansunna, gesäugt!

Wer ist der, der mit ihm sich an Königswürde messen könnte

und zu sagen vermag wie Gilgamesch: Ja, ich bin der König! …?

Nun wird Enkidu geschaffen, ein Konkurrent. Denn die Götter hatten beschlossen, auf die häufigen Klagen der Menschen von Uruk über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit Gilgameschs einzugehen. Sie beauftragten die Göttin Aruru, und so schuf sie Enkidu aus Lehm, bedeckte seinen Körper mit Haaren und ließ ihn mit ihren Tieren im Wald leben. Er jagt, schläft im Freien und flieht die Menschen.

Gilgamesch erfährt über einen Jäger von Enkidu. Der schickt ihm die Frau Schamkha, um ihn zu verführen und nach Uruk zu bringen. Sie sollte, wenn die Herde an der Wasserstelle einträfe, ihre Kleider von sich streifen und ihre Reize zeigen. Er würde sich ihr nähern, die Herde würde ihm fremd werden, mit der er bisher umher streifte.

Daraufhin erlebt Gilgamesch einen schlimmen Traum, in dem sich ihm ein starker Widersacher zeigt. Seine Mutter Nansun tröstete ihn.

„Zu dir wird kommen ein starker Genosse,

einer, der errettet den Freund.

Im Lande ist er der Stärkste, Kräfte hat er

wie ein Brocken des Anum sind stark seine Kräfte.

Du liebtest ihn wie eine Gattin und liebkosest ihn.

Aus schlimmer Schlacht wird er dich immer wieder erretten.

Die zweite Tafel:

Verführerin Schamkha führt Enkidu nach Uruk zu den Tempeln, er mischt sich unter die Arbeiter. Er gerät mit Gilgamesch in Streit.

„Als Gilgamesch in die Knie sank, am Boden den Fuß.

Da verrauchte sein Zorn, er wandte seine Brust.

Enkidu sprach zu ihm.

Sie küssten einander und schlossen Freundschaft.“

Enklidu soll nun Gilgamesch in den Zedernwald begleiten, um das Dschungelmonster Humbaba zu töten. Aber Enkidu weiß, wie schwierig das ist und versucht, Gilgamesch von seinem Plan abzubringen. Doch der beharrt auf seiner Meinung und bittet die Schmiede, für ihn und Enkidu schwere Waffen herzustellen.

„Im Wald wohnt der reckenhafte Humbaba.

Ich und du, wir wollen ihn töten.

Aus dem Lande jagen jegliches Böse!

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

Humbaba – sein Brüllen ist Sintflut.

Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod!“

Die dritte Tafel:

Die Ältsten geben Gilgamesch und Enkidu Ratschläge.

„Die Ältesten segneten ihn: Nicht sollst du, Gilgamesch, traun

deiner Kraft!

Deine Augen seien erleuchtet, behüte dich selbst!

Es gehe Enkidu vor dir her, er kennt des Waldes Zugänge.

Enkidu möge den Freund behüten, den Gefährten bewahren,

bis zu den Gattinnen bringe er seinen Leib!

In unserer Versammlung übergeben wir dir (‚Enkidu) den König,

Du wirst heimführend den König uns übergeben.“

Danach suchen Enkidu und Gilgamesch dessen Mutter Ninsun auf, damit sie beide vor dem Waffengang segnet. Die Mutter hört es voller Trauer. Sie bat Gott Schamsch, beide zu beschützen.

„Ninsun vernahm bekümmert die Rede ihres Sohnes:

Ninsun tritt in ihr Gemach ein.

Sie legt ein Gewand an, wie es ziemt ihrem Leib,

ein Geschmeide auch, wie es ziemt ihrer Brust.

Sie hat angetan Gürtel und Königsmütze,

sprengt Wasser aus Schalen auf Erde und Staub.

Erstieg das Dach, brachte Weihrauch dar vor Schamsch.

Sie vollzog das Opfer, vor Schamsch hob sie die Arme:

Am Tage, da Gilgamesch, Enkidu und Humbaba, alle zugleich,

aufeinander stoßen –

da, Schamsch, wecke wider ihn, den Humbaba, die gewaltigen Ungewitter!

Wider ihn mögen dreizehn Winde sich erheben,

so dass sich Humbabas Gesichtskreis verfinstere

und die Waffen des Gilgamesch den Humbaba treffen.“

Die vierte Tafel:

Gilgamesch und Enkdiu erleben bewusst mehrere Träume, die ihnen den Erfolg sichern sollen.

Die fünfte Tafel

Beide Helden erreichen den Zedernwald. Unter den riesigen Bäumen ermutigen sie sich gegenseitig zu ihrem Vorhaben. Humbaba fragt drohend Enkidu:

„Komm her, Enkidu, du Brut eines Fisches,

der ihren Vater nicht kennt,

die nicht die Milch ihrer Mutter trank.

Warum nur ließest du in böser Absicht

den Gilgamesch bis vor mich gelangen?

(Warum nur) tratest du wie ein feindlich

gesinnter Gegner vor mich?

Ich will sein Fleisch den Vögeln der Waldung,

den kreischenden Adlern und Geiern

zum Fraße vorwerfen!“

Hier greift der Gott Schamsch ein. Er sendet, wie Ninsun versprochen, die stürmischen Winde, die die Bewegung des Tieres lähmen und seine Waffen zerstören. Nun bittet Humbaba den Gilgamesch, ihn nicht zu töten und ihn als Wächter des Waldes zu lassen. Er verspricht ihm auch, wertvolles Zedernholz zu bringen, um den Palast in Uruk luxuriös auszustatten. Humbaba hofft auch, dass Enkidu zwischen ihm und Gilgamesch vermittelt.

„Gilgamesch schone mein Leben!

Du seist der Herr, wo auch immer ich bin.

Um deinetwillen will ich im Zedernwald wohnen.

Bäume, so viele, als du mir befiehlst,

will ich für dich bewachen!

Ich will für dich bewachen Myrrhe, Zeder und Zypresse,

die hohen, hochgewachsenen Bume, den Stolz deines Palastes!

Jetzt aber, Enkidu, liegt es bei dir, mich freizugeben.

Sprich doch mit Gilgamesch, dass er mein Leben schone!“

Aber stattdessen ermutigt Enkidu seinen Freund: „Bereite ihm ein Ende, erschlage ihn, vernichte seinen Willen.“

So tötet Gilgamesch den Humbaba, schneidet die wertvollen Zedern und bringt sie in seine Stadt Uruk.

Die sechste Tafel:

Wir begegnen der Göttin Ischtar, die Gilgamesch Ehe, Geld, Macht und Silber anbietet.

„Komm doch her, Gilgamesch, du, sei Bräutigam!

Du, sei mein Mann, und ich will deine Gattin sein!

Einen Wagen will ich dir anspannen lassen

aus Lapislazuli und aus Gold.

Wenn du unser Haus betrittst,

sollen Türschwelle und Thronsitz dir die Füße küssen!

Auf den Knien sollen dir zu Füßen,

liegen Könige, Mächtige und Fürsten!

Allen Ertrag von Berg und Land

sollen als Tribut sie dir entgegenstrecken.

Aber Gilgamesch weigert sich und erinnert sie daran, was sie mit ihren Ehemännern und früheren Geliebten gemacht hat. Sie habe deren Leben in Hölle verwandelt. Die wütende Ischtar eilt nun zu ihrem Vater, Gott Ano. Sie bittet ihn um den Stier des Himmels, um Gilgamesch und sein Volk bestrafen zu können. Sie droht ihrem Vater, anderenfalls die Türen der Unterwelt zu öffnen und die toten und bösen Geister freizusetzen. Ano kommt ihrem Begehr nun nach. Allerdings bittet er seine Tochter, zunächst die Menschen aufzufordern, genügend Futtergetreide und Heu für die Tiere zu lagern, denn mit dem Abstieg des Stieres vom Himmel würde eine große Dürre eintreten. Schon als der Stier vom Himmel fällt, vertrocknen die Felder, die Pflanzen verbrennen, und viele Menschen verlieren ihr Leben.

Nun töten Enkidu und Gilgamesch den Stier, reißen ihm das Herz aus dem Leibe und verehren es dem Gott Schamsch. Dies vermehrt den Zorn Ischtars, die nun die Götter gegen die beiden aufzuwiegeln beginnt.

Die siebte Tafel:

In einem Traum Enkidus, in dem mehrere Götter auftreten, beschließen sie, dass einer der beiden getötet werden müsse, weil sie sowohl Humbaba als auch den Stier des Himmels getötet haben. Enkidu soll sterben. Dies erzählt er Gilgamesch.

„Vernimm, welch einen Traum heute Nacht ich gesehen:

Anu, Enlil, Ea und der himmlische Schamsch

hielten Rat; zu Enlil sprach Anu:

Dafür, dass sie getötet den Himmelsstier,

soll von ihnen sterben, der,

der den Bergen die Zedern entrissen.

Enlin aber sprach: Enkidu soll sterben, Gilgamesch aber nicht.

Nun widersprach der himmlische Schamsch dem Helden Enlil:

Haben sie nicht auf mein Geheiß den Himmelsstier und Humbaba

getötet? Und nun soll Enkidu unschuldig sterben?

Enkidu lag krank darnieder vor Gilgamesch.“

Nun erinnert sich Enkidu an seine vergangenen Tage und beschimpft den Jäger, der ihn entdeckt und Gilgamesch davon erzählt hatte. Er beschimpft auch die Verführerin, die ihn nach Uruk gebracht hatte, um Gilgamesch zu treffen. Aber nachdem ihn Gott Schamsch daran erinnert, wie ihm Schamkha Menschliches beigebracht und ihm die Freundschaft zu Gilgamesch ermöglicht hat, lenkt Enkidu ein und segnet sie.

Auch einen zweiten Traum erzählt Enkidu.

„Welch einen Traum, mein Freund, sah ich doch im Verlauf dieser Nacht!

Es riefen die Himmel, die Erde gab Antwort

und zwischen ihnen, da stand ich selbst.

Da war ein Mann, ganz finsteren Gesichtes.

Er packte mich am Schopfe, mich überwältigte er.

Ich schlug ihn, doch wie ein Springseil schwang er zurück.

Da schlug er mich und tauchte mich unter wie ein Floß.

Er hält mich gepackt und führt mich dabei zum Hause des Dunklen.“

Es scheint, als hätte sich Enkidu seinem Schicksal ergeben. Sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Am zwölften Tag erzählt er Gilgamesch, dass die Götter ihn demütigen, weil sie ihn in seinem Bett und nicht auf dem Schlachtfeld sterben lassen würden.

Die achte Tafel:

Enkidu stirbt. Trauer und Begräbnis. Alle Menschen und Tiere sollen trauern. Gilgamesch erinnert sich an ihre gemeinsame Zeit: ihren Streit auf dem Uruk-Platz, ihren Sieg über Humbaba und den Stier. Nun fordert er die Schmiede auf, eine riesige Enkidu-Statue zu schaffen. Wertvolle Gegenstände sollen Enkidus Grab beigegeben werden, um ihn auf der Reise in die Unterwelt zu begleiten. Er spricht nun seinen toten Freund an.

„Ich werde dich betten auf einem großen Lager.

Auf einem Lager der Ehre werde ich dich betten,

ich werde dich setzen auf einen Sessel der Ruhe,

einen Sessesl (mir) zur Rechten.

Der Erdbodens Fürsten werden dir die Füße küssen.

Ich werde um deinetwillen die Leute von Uruk weinen lassen.

Doch ich selbst werde, wenn du nicht mehr bist,

an meinem Leibe verfilzen lassen das Haar.“

Das Ende der achten Tafel ist nicht vorhanden. Vermutlich beinhaltet es die Bestattungszeremonien.

Die neunte Tafel:

Der tief trauerende Gilgamesch wandert durch das Land und denkt darüber nach, dass der Tod – wie Enkidus – nun auch sein Schicksal werden würde.

Deshalb will er Utnapischtim erreichen. Er ist der Mann, der durch den Ratschluss der Götter die Ewigkeit erlangt hat. Danach will ihn Gilgamesch fragen. Doch Schamsch (Gott der Sonne und Gerechtigkeit) macht sich Sorgen um Gilgamesch und sagt ihm, dass er das, was er sucht und begehrt, nie erhalten wird. Aber Gilgamesch beharrt auf seinem Vorhaben und erwidert Schamsch, dass er sich nicht dem Tod ergeben und fern vom Sonnenlicht bleiben wird. Er folgt seinem Weg bis zu den Bergen von Machu, die jeden Tag den Sonnenaufgang bewachen. Diese Tafel endet, nachdem Gilgamesch diese Berge überwunden und einen dunklen Tunnel durchschritten hat, bis er Siddori trifft, ein Schankmädchen, das ihm den Ort zeigen wird, in dem sich Utnapischtim aufhält.

Die zehnte Tafel:

Hier begegnet er dem Mann, dem die Götter ewiges Leben gaben. Der tadelt Gilgamesch, weil sein Vorhaben vergeblich ist.

„Enkidu nahmen sie zu seinem Schicksal.

Du wurdest schlaflaos, doch was hattest du davon?

Deine Adern füllest du mit Harm.

Deine Tage, die schon ferngerückt waren,

bringst du dir wieder heran.

Die Menschen, deren Nachkommen wie Rohr abgeknickt sind,

nimmt hinweg der Tod.

Niemand wird des Todes Antlitz schauen,

niemand wird des Todes Stimme je vernehmen,

und doch ist der grimme Tod der Menschheit Schnitter.

Es gibt eine Zeit, da bauen wir ein Haus,

es gibt eine Zeit, da nisten wir im Nest,

es gibt eine Zeit, da teilen sich die Brüder das Erbe,

es gibt eine Zeit, da herrscht Hass im Lande.

Doch dann, mit einem Male ist nichts mehr davon da!

…“

Die elfte Tafel:

Utnapischtim schildert Gilgamesch den Grund, weshalb ihm die Götter Ewigkeit verliehen. Die Geschichte hängt mit der großen Flut zusammen. Die großen Götter fühlten sich durch den Lärm der Menschen gestört und beschlossen, sie loszuwerden, indem sie die große Flut über sie hereinbrechen ließen. Doch gab es auch Götter, die Mitgefühl mit den Menschen hatten, insbesondere Gott Aya (Gott der Weisheit und des reinen Wassers). Der bat Utnapischtim, ein Schiff zu bauen, damit er die Menschen retten könne. Inzwischen bereuten erstere Götter ihren Beschluss mitsamt den Folgen. So entschieden sie sich dafür, Utnapischtim und dessen Frau als Dank Unsterblichkeit zu verleihen. Und nun stellt Utnapischtim dem Gilgamesch die Frage: Aber du, wer wird für dich alle Götter versammeln, damit sie dir Ewigkeit geben?

Andererseits zeigt er auf eine Pflanze am Grunde eines Sees. Wenn Gilgamesch sie ergreifen und essen könne, würde er wieder ein junger Mann sein. Tatsächlich taucht Gilamensch auf den Grund des Sees und bringt sie ans Ufer. Doch er hat im weiteren Verlauf kein Glück.

„Während der Rückkehr sah er einen Teich.

Da Gilgamesch den Brunnen sah, dessen Wasser kalt war,

stieg er hinunter, sich mit dem Wasser zu waschen.

Eine Schlange roch den Duft des Gewächses.

Verstohlen kam sie herauf und nahm das Gewächs.

Bei ihrer Rückkehr warf sie die Haut ab.

Zu der Frist setzte Gilgamesch weinend sich nieder.

Über sein Antlitz rollten die Tränen:

Ach, rate mir doch, Schiffer Urschanabi!

Für wen mühten sich meine Arme?

Für wen verströmte mein Herzblut?

Nicht schaffe ich Gutes mir selbst,

für den Erdlöwen wirkte ich Gutes!“

Das Epos endet mit der Rückkehr Gilgameschs nach Uruk und seiner Bitte an Urschanab, dass er auf die Stadtmauer steige und die Stadt umher betrachte wie am Anfang des Epos.

Die zwölfte Tafel:

Die meisten Forscher sind sich einig, dass diese Tafel nicht zum originalen Epos gehört. Dies wird durch die Tatsache belegt, dass die elfte Tafel in denselben Versen endet wie die erste. Außerdem enthält die Tafel die Geschichte von Enkidus Tod, die auf der achten bereits erscheint. Aber das Neue ist der Aufstieg des Geistes von Enkidu zur Erde, wo er Gilgamesch wiedertrifft. Und weil Gilgameschs Sorge Tod und Angst sind, fragt er Enkidus Geist nach der Unterwelt und der Lage der Verstorbenen darin.

Nachdem Gilgamesch nun endgültig erkannt hat, dass er dem Tod nicht entgehen kann, entscheidet er sich, sich mit Hilfe verschiedener Aktionen zu verewigen. Er kehrt in die Stadt zurück, verschönert sie, verbessert das Leben der Einwohner duch Bewässerungs- und Ackerbauprojekte. Auch versucht er nun, gerecht zu regieren..

Schopenhauer in Gotha und Weimar

Vortrag von Dr. Roland Krischke, Altenburg, am 6. November 2018

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) ist auch heute noch ein vielgelesener philosopischer Schriftsteller. Zu seinen Bewunderern gehörten beispielsweise Leo Tolstoi, Thomas Mann, Franz Kafka und Charlie Chaplin. Er galt und gilt ja gemeinhin als Sonderling, zahlreiche Anekdoten ranken sich um ihn und seinen Pudel „Atman“.. Sein Tagesablauf war streng geregelt, ähnlich Kant. Dennoch war er als junger Mann oft verliebt, er konnte tanzen, fechten und Flöte spielen und war überhaupt den Freuden des Lebens zugetan. Zugleich war er oft von mürrischer Natur. Er empfing nie Gäste.

Bereits 1818 erschien sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Es folgten die Parerga (Beiwerk) und Paralipomena (Nachträge und Zusätze) sowie die „Aphorismen zur Lebensweisheit“). Es ist Thüringen zu verdanken, dass Schopenhauer Philosoph wurde. Seine Wirkungsstätten sind Gotha, Jena, Weimar, Altenburg. Dort kümmerte sich der Verleger Pierer um Schopenhauers Werk. Geboren 1788 in Danzig, sollte Schopenhauer nach dem Willen des Vaters Heinrich Floris Schopenhauer Kaufmann werden, was ihm aber überhaupt nicht lag. Der Vater stellte ihn vor die Wahl: entweder eine ausgedehnte Bildungsreise durch Europa unter der Bedingung Kaufmannslehre oder sofortiger Gymnasiumsbesuch, den der Vater für einen künftigen Kaufmann allerdings nicht für erforderlich hielt. Schopenhauer hätte hier seinen eigenen Weg gehen können. Er entschied sich für die Bildungsreise. So fuhr er mit seinen Eltern 1803 durch die Schweiz, Frankreich, die Niederlande, Österreich. Verabredungsgemäß begann er dann mit seiner Ausbildung in einem Handelshaus in Hamburg.

Durch einen Unfall verstarb 1805 sein Vater. Die Mutter Johanna und Tochter Adele begaben sich nach dem Trauerjahr nach Weimar. Verdrossen blieb Schopenhauer in Hamburg bei seinem ungeliebten Beruf zurück. Die Mutter reagierte lange nicht auf seine missmutigen Briefe, bemerkte aber irgendwann, dass es so nicht weitergehen konnte.

Die Rettung bestand in einem Brief des Kunstschriftstellers Carl Ludwig Fernow, der zu einem engen Vertrauten von Johanna Schopenhauer geworden war. Arthur begab sich 1807 sofort nach Gotha, wo er Aufnahme im Gymnasium illustre fand. Fernow machte ihn auch mit der Herzoglichen Bibliothek bekannt. Der Abschlussklasse, der sogenannten Selecta, gehörte auch Schopenhauer an. Das Gymnasium war zwar immer noch im alten Augustinerkloster untergebracht, seine inhaltliche Ausrichtung auf Sprachen, Naturwissenschaften und selbständiges Lernen war jedoch zeitgemäß und modern. Der gute Ruf der Schule als Pflanzstätte gebildeter Leute war weit verbreitet. Schopenhauer genoss zudem Privatunterricht in Latein bei Direktor Friedrich Wilhelm Döring. Die Schule nahm unter seiner Leitung einen gewaltigen Aufschwung. Zählte das Gymnasium 1786 noch 85 Schüler, waren es 1815 weit über 200. Neben den alten Sprachen gab es noch Unterricht in Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik, Literatur, Religion, Philosophie und Deutsch. Seit 1791 wurde sogar Englisch oder Italienisch gelehrt.

Zu den wichtigsten Lehrern gehörte Johann Georg August Galletti, der die Selecta in Geographie und Geschichte unterrichtete. Von seinem Vermieter Lenz, einem klassischen Philologen, erhielt Schopenhauer Unterricht in Philosophie. Friedrich Christian Kries lehrte ihn Mathematik und Physik. Der wichtigste Lehrer für Arthur war neben Döring aber sicherlich der Altphilologe Friedrich Jacobs, der ihn in Deutsch unterrichtete.

Der kunstsinnige und geistreiche Herzog Emil August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772 – 1822) gab sich auch als Dichter, so als Autor des schwülstigen Hirtenromans „Kyllenion“ mit dem Untertitel „Eine Nacht in Arkadien“.Er versicherte sich hierbei seiner „literarischen Vortrefflichkeit“ durch die professionelle Unterstützung des Gymnasialprofessors. Jacobs musste zu jeder Tages- und Nachtzeit aufs Schloss kommen, ungeachtet etwaiger anderer Verpflichtungen. Dieses Amt verdross ihn und war letztlich Ursache seiner Flucht nach München. Sein Weggang wurde allgemein betrauert – gerade auch von Schopenhauer. Interessanterweise befand sich ein Exemplar des Hirtenromans im Nachlass Schopenhauers. Das Buch wurde versteigert und befindet sich seitdem im Schopenhauer-Archiv in Frankfurt/Main.

Arthur schrieb für Jacobs ein abschiednehmendes Gedicht, das jedoch nicht als Beitrag der Selecta akzeptiert wurde. Offensichtlich musste jeder Schüler ein solches Widmungsgedicht verfassen. Schopenhauer schrieb ein weiteres, lustiges Gedicht „Auf die Gothaer Philister“. Er schloss in Gotha zwei Freundschaften: mit Ernst Anton Lewald, späterer Professor für Theologie in Heidelberg, und Carl Ernst John, späterhin Geheimer Hofrat und Zensor in Berlin. August Varnhagen von Ense über ihn: „Ein Gedankenschlächter“. Beeinträchtigen konnte dieses Urteil die Freundschaft Schopenhauers zu John allerdings nicht.

Arthur beeindruckte seine Mitschüler immer mit weltmännischem Gehabe, da er ja aus der großen Weltstadt Hamburg kam. Er imponierte zum Beispiel durch gelben Knaster, den er aus Hamburg kommen ließ und (bis ins hohe Alter) schnupfte. Seine Mutter empfand dies als „garstige Schweinerey“. Auch sein Chapeau claque, den er nach neuester Mode auf dem Kopf trug, missfiel ihr außerordentlich.

Schopenhauer fühlte sich in Gotha recht, wohl, wenn ihn auch die provinzielle Enge bedrückte.

Aus diesem Gefühl heraus entstand sein Spottgedicht „Auf die Gothaer Philister“.

Darin heißt es:

„Sie spähen, lauschen, geben acht

Auf alles, was geschiehet.

Was jeder treibt, was jeder macht.

Was jeder redet laut und sacht,

Nichts ihnen sich entziehet.

Durch Fenster ihre Blicke spähn.

Ihr Ohr lauscht an den Thüren.

Es darf nichts unbemerkt geschehn.

Die Katze nicht auf dem Dache gehn

Dass sie es nicht erführen.

Nach dem Schopenhauer zutiefst beindruckenden Besuch Napoleons in Gotha und zum Fürstenkongress in Erfurt verfiel Schopenhauer auf einen kostspieligen Lebenswandel, dem mütterliche Ermahnungen folgten.

Es war ein eher nichtiger Anlass, dass er Gotha verließ. Christian Ferdinand Schulze, Lehrer am Gothaer Gymnasium, den Schopenhauer gar nicht kannte, hatte sich in der „Nationalzeitung der Deutschen“ scharf gegen Schüler der höheren Klassen gewandt, die ihre jüngeren Mitschüler drangsalierten. Dagegen wehrten sich die Beschuldigten mit Häme und Spott. Schopenhauers kleines Gedicht, mit dem er wohl die Ehre der Selecta verteidigen wollte, hat sich im Nachlass erhalten. Doch Schulze war ein Pflegesohn Dörings; somit kündigte Döring zunächst den Privatunterricht für Schopenhauer auf. Dennoch zog das Spottgedicht keine disziplinarischen Folgen nach sich, weil Schopenhauer ja kein regulärer Schüler war. Döring bot ihm wohl auch einen Ausweg, aber Schopenhauer wollte wohl selbst weg und einen Neuanfang wagen. Seine Mutter machte ihm heftige Vorwürfe, am Schluss ihre Briefes heißt es: „Genug, Arthur … Du musst entweder Dich ändern, oder Du gehst zugrunde.“

Etwaige Zufluchtsorte wurden verworfen, schließlich sollte Arthur nach Weimar kommen. Allerdings fürchtete die Mutter die Nähe ihres Sohnes. Immerhin stellte sie feste Regeln für das künftige Zusammenleben auf: „Es ist zu meinem Glücke nohtwendig zu wissen, dass Du glücklich bist, aber nicht ein Zeuge zu seyn. “ … „Denn Dein Mismuth ist mir drückend und verstimmt meinen heitern Humor …“

Die großen Geister Weimars nahmen keine Notiz von ihm, außer der beliebte Erfolgsautor Zacharias Werner.

Arthur bezog eine kleine Wohnung und besuchte Mutter und Schwester nach festgelegtem Plan. Er verliebte sich in die Schauspielerin Caroline Jagemann und widmete ihr ein Gedicht. Nach dem Willen der Mutter sollte ihm der gefeierte Dichter Christoph Martin Wieland die Liebe zur Philosophie austreiben, was jedoch nicht gelang. Beide Männer schieden in schönstem Einvernehmen. Durch sein Lerneifer erwarb er die für ein Universitätsstudium notwendigen Kenntnisse und begann 1809 sein Studium an der Göttingener Universität.Eine Zeitlang hielt sich Schopenhauer im Rudolstädter Gasthof „Zum Ritter“ auf, beschäftgte sich dort mit seiner Lehre der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Er reichte die Dissertationsschrift an der Jenaer Universität ein und erhielt das höchste Prädikat „Summa cum laude“. Somit durfte er sich Doktor der Philosophie nennen. Er beschäftigte sich auch mit einer eigenen Farbenlehre, letztlich überwarf er sich dabei mit Goethe. Auch das Verhältnis zur Mutter zerbrach, weil Schopenhauer ihr den Umgang mit ihrem Hausfreund Gerstenberg verbieten wollte.

Im Dezember 1818 erschien Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“.

Tränen, Tugend und Religion – August Hermann Niemeyer als Leser Klopstocks

Vortrag von Dr. Christian Soboth, Halle, am 16. Oktober 2018

Auch August Hermann Niemeyer, 1754 geboren, 1828 verstorben, Urenkel und als Direktor der Glauchaschen Anstalten Nachfolger August Hermann Franckes, war ein Leser Klopstocks, „[a]uf dessen hohes, unerreichtes Lied/ Dem Knabenauge schon die Trän‘ entfloß“, wie 1778 die Widmung von Niemeyers Gedichten formuliert. Ob nach des Knabenauge auch noch des Mannesauge Tränen entflossen sind, sei der bescheidene Gegenstand der folgenden Überlegungen. Die schlichte Frage, deren Beantwortung wegen der Fülle des Materials lückenhaft ausfallen wird, lautet: Was macht Niemeyer mit sich, indem er mit Klopstock und mit dessen Werk umgeht? Sind die bei Niemeyer für die Jahrzehnte von 1770 bis 1800 manifesten Klopstock-Spuren lesbar als Zeugnisse einer Identitätsmodellierung im Zeichen fortdauernder Verehrung?

Die Geschichte der Klopstock-, vor allem der Messias-Lektüren ist auch eine Geschichte von Kuriositäten und Peinlichkeiten: Lessing überfiel feierliches Gähnen; Moritz, in der romanesken Brechung des Anton Reiser, litt während der Lesung des Messias unter einer entsetzlichen, beklemmenden „Leerheit der Seele“. Goethes Mutter dagegen ging mit Freundinnen, zu denen auch Susanna Katharina von Klettenberg gehörte, zu Ostern in Klausur, um den Messias zu meditieren. Enthusiasten verehrten Klopstocks Mutter als eine heilige Frau und feierten mit dem Tod Christi und dem Beginn der Messias-Niederschrift die zwei bedeutendsten Tage der Geschichte der Christenheit, und schließlich äußerte ein Fan, was Herder in Rage brachte, dass die Christen Klopstock anzubeten hätten, wenn es nicht Christus gäbe.

Wirkungsgeschichtlich bemerkenswert ist, dass neben faktischen auch fiktive Klopstock-Lektüren stehen: Lotte und Werther, wenn nicht die berühmtesten Klopstock-Leser, so doch berühmtesten Klopstock-Sager, brechen bei Nennung des heiligen Namens in Tränen aus, auf das stimmigste begleitet von einem heftigen Sommergewitter mit starkem Regenfall.

Klopstock war ein rechter Wundermann, er verwandelte (Wein-)Wasser in Wein. Nach einer tränenseligen Messias-Lesung vor Ludwigsburger Handwerkern im Frühjahr 1776 schreibt der reich entlohnte Klopstock-Rezitator und -Herausgeber Christian Friedrich Daniel Schubart an den Dichter: „Da konnt‘ ich […] manch gutes Glas Wein auf Ihre Gesundheit trinken.“ Im tränenverhangenen Blick der ergebenen Gemeinde geriet die Grenze zwischen Gegenstand, Buch und Autor mitunter ins Schwimmen.

Seit den 1750er Jahren gehörte die Lektüre von Klopstocks Werken zu den Grundfesten der oratorischen Schulung auf dem Pädagogium Regium des Halleschen Waisenhauses. Niemeyer, von 1760 bis 1771 Zögling der Einrichtung, die er später als Direktor leiten sollte, hatte Klopstocks Werk schon während der Schulzeit und im anschließenden Studium, durch den Philosophen und Klopstock-Anhänger Georg Friedrich Meier, kennen und lieben gelernt.

Begegnungen von Klopstock und Niemeyer haben – abgesehen von Niemeyers Besuchen in Hamburg 1776 und 1798 – lediglich auf dem Papier stattgefunden, in unterschiedlichen Textsorten und literarischen Gattungen: die wenigen überlieferten Privatbriefe, die von 1775 bis 1784 zwischen Hamburg und Halle gewechselt wurden, die 1778 veröffentlichten Oden, die den Gedichten in der Ausgabe von 1783 beigegebene Abhandlung Über Dichtkunst und Musik in Verbindung mit der Religion, die im Umkreis von Klopstocks Konzept einer heiligen Poesie am Oratorium das Verhältnis von Literatur und Musik ausschreitet, das von Niemeyer 1785 kompilierte Gesangbuch für höhere Schulen und Erziehungsanstalten und die erstmals 1790 herausgegebene, auflagenstarke Sammlung neuer geistlicher Lieder. Ein Anhang zu Johann Anastasius Freylinghausens Gesangbuch, schließlich die Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts von 1796 und abschließend die Briefe an christliche Religionslehrer (im zweiten Teil der 2. Auflage von 1803). Nebenbegegnungsschauplätze sind ein verschollenes Gemälde von Caroline Bardua, Niemeyers Klopstock-Würdigung und Berichte von dessen Beerdigung und der Säkularfeier seines Geburtstages im Hallischen patriotischen Wochenblatt (24.02., 3.03.1821;17.07.1824) sowie 1828 – Niemeyers eigenes Begräbnis auf dem halleschen Stadtgottesacker.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach Niemeyers Arten und Weisen des Umganges mit Klopstock sei schon jetzt gegeben: Hatte das Knabenauge über und dank Klopstock geweint und auch noch das des Jünglings, das Männerauge ist trocken geblieben. Niemeyer hat kein lebenslang identifikatorisches Verhältnis zu Autor und Werk unterhalten. Dem hochtemperierten Beginn folgt eine nicht unerhebliche Abkühlung. Niemeyers Klopstock-Begeisterung bleibt jubilatorisch von den frühen 70er bis in die mittleren 80er Jahre. 1774 schreibt Niemeyer an seinen späteren Schwiegervater Friedrich Köpken, Klopstock sei „der größte Dichter […], der vielleicht gelebt hat“ und lediglich mit den antiken Autoren zu vergleichen. Einher geht die Begeisterung mit einer regen dichterischen Produktion, Niemeyer schreibt Gedichte, Erzählungen und religiöse Dramen (Abraham, Lazarus, Thirza und ihre Söhne, Mehala), die ausdrücklich im Zeichen des adorierten Meisters stehen. Wenn annähernd zu datieren, fällt der Scheitel- und Scheidepunkt in die Jahre 1784/85: Niemeyer wird zum Ordentlichen Professor an der Theologischen Fakultät, zum Inspektor des Königlichen Pädagogiums und Mitdirektor des Waisenhauses ernannt. Der Dichter Niemeyer räumt Zug um Zug dem Amts- und Würdenträger den Platz und die Distanzierung von Klopstock, bzw. die Distanzierung von der frühen Klopstock-Begeisterung setzt ein, bzw. die Begeisterung wandelt sich in ein sehr besonderes wissenschaftliches Interesse an einem Autor und dessen Werk, die sich unschätzbare Verdienste um eine Nationalsprache und eine Nationaldichtung der Deutschen erworben haben, aber dem Leser zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr das Herz rühren, es moralisch bewegen oder religiös erschüttern können. Wie stellt sich diese Verwandlung des Interesses dar?

Niemeyers Klopstock-Lektüre ist nicht stumm geblieben, sie hat sich Ausdruck verschafft, einen Ausdruck freilich, den Niemeyer mit einer Heerschar von Klopstock-Begeisterten der Zeit geteilt und zudem vom Meister selbst gelernt hat. Niemeyers Briefe lesen sich wie Klopstock-Briefe. Obwohl von Sprachnot ist die Rede ist, greift ein Überschwang, der von Tränensturzbächen unterlegt ist. Anbetungs-Klischees finden sich gehäuft in den wenigen überlieferten, in der Historisch-Kritischen Klopstock-Ausgabe abgedruckten Briefen.

Die Niemeyer-Briefe aus den Jahren 1775 und 1777 seien im Folgenden genauer betrachtet. Sie sind in Ton und Tenor exemplarisch, und das nicht allein für Niemeyers den Meister spiegelnde und bestätigende postalische one-way-Beziehung zu Klopstock. Der mit unerschöpflichem Eifer und in verstiegenster Weise angerufene Dichter hat, wenn überhaupt, in der Regel kurz und bündig geantwortet. Niemeyer hat am Ende der Korrespondenz knapp zwanzig (nachgewiesene) Zeilen in den Händen gehalten.

Am 14. Oktober 1775 erreicht Klopstock ein Brief aus Halle, der im Zeichen des biblischen Wortes von der „Fülle des Herzens“ (Mth. 12,34 und Luk. 6,45) und der reichlich geweinten Tränen steht, mit denen sich der Briefschreiber zwischen den Klopstock-Weinenden des Jahres 1774, Lotte und Werther … platziert. Während im Werther der Ort, zu dem die Tränen abfließen, ungenannt bleibt, ist es bei Niemeyer … in stupender Übereinstimmung der Messias, den „aus meinem Auge so manche Thräne der Tugend und des edlen Entschlusses“ benetzt. Eine von der Schrift hervorgerufene Beweinung der Schrift hat statt, deren diffuse biblische Kontextualisierung in Niemeyers Brief nicht von ungefähr an die Beweinung Christi erinnert. Die Aura des poetischen Vorwurfs springt über auf das Buch, das zum Gegenstand der tränenreichen Verehrung wird. Zugleich plausibilisiert und authentifiziert die Träne die Begeisterung des Lesers für den Autor und dessen Werk: „Und Gott! du weißt daß ich nicht heuchle, siehst ja die Thräne hörst das Flehn, daß so oft vor dir um unaussprechlichen Segen für Klopstock bittet.“ (6.02.1777) Der so oft und gern gegenüber pietistischer Frömmigkeit erhobene Vorwurf der Heuchelei wird von der Träne gleichsam weggewaschen, womit nicht gesagt sei, Niemeyer sei noch ein Pietist reinsten Wasser gewesen wie sein Urgroßvater.

Die Klopstock gedankte Fülle des Herzens und die dem erfüllten übervollen Herzen entströmenden Tränen versucht Niemeyer nahe dem gesprochenen oder besser dem geschluchzten Wort zu verschriftlichen. Zu den aussagekräftigen Topoi der frühen Briefe gehört der vom Versagen der Sprache infolge der Überwältigung durch die von der Klopstock-Lektüre hervorgerufenen Empfindungen. In Sorge, die der Sprachnot abgerungene Wortwahl und Wortfügung werden unangemessen sein, und, weil unangemessen, affektiert oder geheuchelt wirken, bevorzugt Niemeyer – freilich wortreich beschworen – statt des geschriebenen Wortes das beredte Schweigen. Der Konnex von Empfindungsreichtum und Sprachnot spricht unbedingt für die Qualität von Klopstocks Werk, er spricht für das Gelingen der Lektüre und so zugleich für die Empfindsamkeit des Lesers.

Klopstocks Position im Briefwechsel ist unstrittig: Niemeyer folgt und verfällt den (Selbst-)Stilisierungen, den (auto)hagiographischen Strategien, und er reproduziert sie, wenn er 1777 – bezeichnenderweise an Klopstock – zur Bestätigung und Legitimierung von dessen Autorschaft schreibt, dass „Gott durch Sie so viel that, so viel Freuden schaffte.“ Niemeyers Ergebenheit kulminiert in der Erhebung des Messias-Autors zum Messias. Klopstock ist ein, wenn nicht für den zerdehnten Augenblick der Niederschrift des Messias das bevorzugte Werkzeug Gottes. Dementsprechend jubilatorisch formuliert Niemeyers Brief von 1775: „Ich kann nicht länger schweigen, verehrungswürdiger Mann! Es mag Enthusiasmus, es mag zu kühne Freyheit, es mag Andringlichkeit scheinen – mein Herz weiß es beßer, daß es nichts von dem allem ist.“ Wenn nicht das, was dann, fragt sich der Leser. Die Antwort lautet: „Nichts als eben dis warme, zu mächtige Gefühl von Danck und Hochachtung um es in das Herz zu verschließen, ists was mich schreiben heißt.“ Klopstock weckt einen wortreichen Enthusiasmus in seinem Leser, der versetzt in einen höheren Geisteszustand selbst schöpferisch und zum Dichter wird. Die Rhetorik des Briefs wird angereichert um das biblische Motiv vom Zungen-Reden bzw. dem Oralität inszenierenden Zungen-Schreiben auf Befehl und durch Inspiration. Eine im 18. Jahrhundert, bei Goethe, bei Lenz und Lavater nicht seltene Inszenierungsformel für den Dichter als überwältigten „Laller seines Gefühls“. Dank und Hochachtung gelten, wie schließlich im Weiteren expliziert wird, dem Lehrer Klopstock, dem Niemeyer die „würdigsten Begriffe von der Religion“ und das „Bild reine[r], vollkommener wahrer Tugend“ schulde, „danach ich mich wenigstens gern bilden möchte“.

Mit Blick auf Niemeyers Sozialisations- und Bildungskontext des Halleschen Waisenhauses formuliert der Urenkel August Hermann Franckes kühne Sätze: Er verschiebt die entscheidende Prägung und Bildung zu Frömmigkeit und Tugend aus dem genuin Religiösen ins Ästhetische, in die Literatur, auch wenn der Literatur, bzw. der Poesie in Klopstocks von Niemeyer mitgetragenem Sinn der Anspruch eignet, eine heilige zu sein. Zwischen Christus und den zur Nachfolge gestalteten Lebensweg schiebt sich in der Rolle einer prägenden und zur Nachfolge ermunternden Instanz Klopstocks literarisches Werk.

Die Frage, ob Niemeyer mit derartigen Funktionszuschreibungen an die Poesie gegen den waltenden Geist des Waisenhauses und der Theologischen Fakultät in der frühen zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts opponiert hat, ist wohl zu stellen, aber nicht präzise zu beantworten. Der genannte Geist hat in der Forschung noch keinen klaren Kontur gewonnen. Dass sich die Verhältnisse an Waisenhaus und Universität wie auch deren Bezug zueinander geändert hatten, ist anzunehmen. Grundsätzlicher: Ist für die Zeit zur und nach der Jahrhundertmitte bezüglich des Halleschen Waisenhauses und der Theologischen Fakultät noch sinnvoll von Pietismus oder pietistischen Rudimenten zu sprechen? Das auszuloten und zu konturieren, ist eine interdisziplinäre Herausforderung für die Kirchengeschichte und die Historische Pädagogik, die Philosophiegeschichte und die Literaturwissenschaft. Festzuhalten ist, dass der junge Niemeyer Klopstocks Messias auf Augenhöhe mit der Bibel bringt.

In dem Assoziations- und Allusionsfeld der Briefe versucht Niemeyer im Prozess des Schreibens zu einer Selbstbeschreibungsidentität zu gelangen. Infolge von Klopstocks messianischer Überhöhung ist Niemeyer nicht allein der vereinzelte Anbeter in Klausur, er ist vielmehr ein Jünger und Apostel seines Gottes und von dessen Werk. In der Rolle eines Petrus, der jedoch den Herrn nicht verrät, sondern im Gegenteil der Welt bekannt macht, berichtet Niemeyer, wie er „unter Zwang dreimal den heiligen Namen“ auf Bogen für Freunde oder Publikum habe notieren müssen. Niemeyer stiftet und versucht mit dem Autor eine perfekte Kommunikationsgemeinschaft zu etablieren, in die weitere schon zu Klopstock Bekehrte oder noch zu Bekehrende einbegriffen werden. Die genaue Kenntnis von Klopstocks Werk, die persönliche Bekanntschaft und der briefliche Austausch mit dem Dichter bieten Formeln zur Selbststilisierung, die aus der Stilisierung des verehrten und geliebten Meisters resultieren und auf ihn bezogen sind. Im Glanz des Gottes sonnt sich der Jünger und kommt zu Ruhm. Vor allem die von Klopstock brieflich erwiesene Wertschätzung bestätigt und zeichnet Niemeyer im Freundeskreis aus. Klopstocks Zuneigung verschafft Akzeptanz und Anerkennung. Der studiosus theologiae Niemeyer der 1770er Jahre führt ein Leben im Lichte Klopstocks, durch ihn wird Niemeyer für sich selbst und für die Gemeinschaft Gleichgestimmter als Person identifiziert und sichtbar. Lesen wir die Briefe als Dokumente der (Er-)Zeugung des Subjekts durch den Akt der Lektüre, dann mögen Klopstock und dessen Werk für Niemeyer, der nach dem frühen Tod der Eltern bei einer Ziehmutter, Sophie Lysthenius, aufwuchs, Vater und Mutter zugleich gewesen. Sie haben ihn die würdigsten Begriffe von Religion und Tugend gelehrt und – in Form der Tränenseligkeit –seine Empfindsamkeit geschult.

Lediglich für einen kurzen brieflichen Augenblick gerät das klar geordnete Verhältnis zwischen Autor und Fan in Unordnung. Nachdem Niemeyer über dem und über den Messias geweint hat, empfindet er den „brennenden Durst“ nach Hamburg oder Karlsruhe zu Klopstock zu reisen, „nur um Sie (Sperrdruck) zu sehen, nur aus Ihrem (Sperrdruck) Munde eine Versicherung Ihrer Güte zu hören“: Formulierung und Kontextualisierung alludieren Christi Leiden am Kreuz, der den irdisch/himmlischen Ersatz-Vater um Gnade und Erlösung von der Gottesferne anfleht.

Ich hatte es angedeutet: Klopstocks Briefe sind gemessen an Niemeyers aus- und tiefgreifenden Ergüssen kurz, knapp, nüchtern und ergebnisorientiert. Niemeyer erklärt sich bereit, in Sachen Klopstock mit dessen Verleger Hemmerde in Halle Verhandlungen zu führen, Klopstock nimmt das Angebot an und erteilt Niemeyer Aufträge. Das muss nicht weiter ausgeführt werden. Misslichkeiten und Verwerfungen zwischen dem ausgesprochen akribischen Anwalt seines eigenen Werkes und einem eher genervten Verleger bleiben nicht aus.

Das beredte Schweigen, die bruchlose Adaption von Klopstocks Sprache sowie die Aufnahme von dessen Anregungen sind wesentliche Aspekte von Niemeyers über Klopstocks Autorität gewonnenem Verhältnis zum Wort, aber es sind nicht die einzigen und nicht die wegweisenden. Zur Erzeugung des Subjekts in der Funktion und im Amt eines Jüngers und Apostels gehört auch die Genese von Niemeyers eigener Autorschaft aus dem Klopstock geschuldeten Enthusiasmus, die freilich mittelbar und unmittelbar auf Klopstock bezogen ist. Mittelbar, weil sich Niemeyer in Gattung, Semantik, in Syntax und poetischem Gestus an Klopstock orientiert; unmittelbar, weil Person und Werk Klopstocks auch thematische Vorwürfe von Niemeyers lyrischer Produktion sind. Die entsprechenden Gedichte, vor allem aus der Klopstock gewidmeten Ausgabe von 1778, legen davon, wenn nicht ein gelungenes, so doch beredtes Zeugnis ab.

Bereits im ersten Brief von 1775 hatte Niemeyer den Versuch unternommen, die Fülle des Herzens, die Tränenflut und das drohende Versagen der Sprache durch Verse aufzufangen und zu bannen. „Der kennt nicht meinen ganzen Danck / Dem es da noch dämmert / Daß, wo sich in voller Empfindung die Seele ergießt / Da nur stammlen die Seele kan.“ Die ausgesuchte Lexik, der verdrehte Satzbau, der rhythmisierte (und nicht ganz elegant) strömende Vers, die Zeilensprünge substituieren den im Brief protokollierten, semantisch aufgeladenen Tränenfluss. Der physiologische Effekt der Lektüre drängt zur poetischen Sprache, er wird – ansatzweise – sinnhaltig eingeholt und in Worten an den Verursacher zurückerstattet.

Ausgebaut wird der lyrische Auftakt in der 1778 veröffentlichten, bereits 1775 entstandenen An Klopstock betitelten Ode, deren Kontextualisierung der Wertschätzung des Dichters klar Ausdruck verleiht. Der Band öffnet mit der Ode An Gott, der die Klopstock gewidmete Ode folgt und schließlich die An das Vaterland gerichtete Ode: ein lyrisches Tryptichon, in dessen Klopstock zugedachter Mitteltafel auch Gott und Vaterland präsent sind. Ich zitiere:

„Zwanzig Lenze dahin! Immer noch schmacht’ ich / Fern und einsam nach Dir! Nannte beym Namen dich / Oft in Stunden der Wonne, / Rief Dir, rief Dir, und fand dich nicht! //

Wenn vom thauenden Stern, über des Schlummernden / Auge Ruhe sich goß, schwebte die Denkerin, / In der Täuschungen Irre / Hin zum säuselnden Palmenhayn, // Sah dich wandeln, – so sieht, was er am Abend hofft, / In der Dämmrung der Nacht täuschend der Schlummernde – / Flog schon zitternden Fluges / Dir entgegen, umfasste dich, // Bis der Morgen mich weckt’ – ach dann umarmt’ ich noch / Lang das theure Phantom, breitete zitternde / Arme bang ihm entgegen und faßt’ es nicht. // Hättest du rinnen gesehen, rinnen die seligen / Thränen sanften Gefühls, hätt’ ich mit lauterem / Sanft verstummendem Danke, /Dich an das schlagende Herz gedrückt, // Sänger Gottes! O Du, der im gewaltigen / Hymnenflug, in Psalmen über die Erde mich / Hob, im Liede, wie keins nicht, / Hamus hört und Olympia! // Wie der Wandrer am Quell, nach den Umarmungen / Seines Vaterlandes ringt – ach es wird säumender / Oft noch glühn im Westen, / Eh er im Arme der Gattin ruht, – // So ringt dürstend mein Herz nach den Umarmungen / Unter den Palmen, wo Gott wandelt im Abendkühl, / Daß du lächelnd mich segnest, / Du mich segnend der Laufbahn weihst. // Sieh! Schon schwimmt mir im Blick seliges Vorgefühl! / Seh ich ihn kommen – ihn nah, da du mich segnen kannst? / Schwebt vom goldnen Olympus / Schon hernieder der Wonnetag? (1778)

Die intertextuellen, miteinander verschränkten Bezüge zu antiker Mythologie und Bibel (vor allem zu den Psalmen und den Evangelien mit christologisch-messianischen Motiven) sind deutlich, ebenso die formale, die semantische, die syntaktische und motivische Nähe zu Klopstocks Gedichten. Zentraler Gegenstand ist die erhoffte, im Traum zum Greifen nahe, im Augenblick des morgendlichen Erwachsens zur Illusion verflüchtigte, aber schließlich doch – nach der mystischen Devise: Sehnen macht sehen – in den Blick gerückte unio, die Umarmung mit Gott. Aber ist es der christliche Gott? Der Anfang des Gedichts alludiert die eingangs genannte Szene aus dem Werther. Niemeyers lyrisches Ich will keiner von dem im Werther gescholtenen Unwürdigen sein, die den heiligen Namen Klopstock nennen. Das lyrische Ich ruft den „Sänger Gottes“ an, um durch dessen Umarmung der Laufbahn (der dichterischen wie ergänzt werden darf) geweiht zu werden. Eine geichtete Bitte um Initiation in die Dichtung, wobei der Sänger Gottes als ein Mittler in Erscheinung und Funktion gerufen wird. Christlich gesprochen und zugleich antikisch perspektiviert: „Niemand kommt zum Gedicht denn durch mich.“

Dass Niemeyer nicht zeitlebens ein Verehrer und Lordsiegelbewahrer Klopstocks geblieben ist, habe ich erwähnt. Als Beleg mögen die Klopstock-Bearbeitungen im Gesangbuch für höhere Schulen und Erziehungsanstalten und in der Sammlung neuer geistlicher Lieder dienen. Was 1796 die Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts im Kapitel Wahl des Lehrstoffes unter der Zweyten Regel: Fortschreiten vom Leichten zum Schweren explizieren werden, ist in den vorausgehenden pädagogisch gebundenen Anthologien Praxis. Klopstocks Lieder, da sie – zu Gellerts Fabeln in Wortwahl und Wortfügung „dem Ideenkreise und der Empfindungsart der Kinder“ „fern“ stehen – werden umgeschrieben. Ein Übergriff, den Klopstock erstaunlicherweise nicht kommentiert hat, weil er ihm vielleicht verborgen geblieben ist. In der 2. Strophe von Klopstocks Morgenlied heißt es: „Dank dir Herr! zu dir hinauf / führ mich jeder meiner Tage, / jede Freude, jede Plage.“ Niemeyer formuliert: „Dank sei dir, zu dir hinauf / müsse jeder Tag mich leiten, / zur Unsterblichkeit bereiten.“ Erhard Hirschs Beobachtung, Niemeyer habe Klopstocks ‚volkstümliche Einfachheit‘ zu ‚akademischer Abgeblaßtheit‘ verschlimmbessert, ist durchaus zutreffend. Gemäß dem freilich später in den Grundsätzen geäußerten Vorbehalt gegenüber Klopstocks Wortwahl und -fügung sind dessen „Freude“ und „Plage“ griffiger als Niemeyers „Unsterblichkeit“. Indem ein auf Halleschen Kurs gebrachter Klopstock in den Kanon des Waisenhaus-Liedgutes aufgenommen und in den Schulunterricht integriert wurde, verschaffte sich die Institution einen in der Wirkung nicht gering zu schätzenden ear-catcher für ihr Konzept von Erziehung und Bildung und – Frömmigkeit.

Pädagogisch verwertet wird Klopstock in den Grundsätzen auch in Sachen Leibesertüchtigung. Behandelt wird neben dem Gehen, Laufen und Tanzen, dem Stelzengehen („macht dreist, gewandt und ist in manchen Ländern unentbehrlich. Nur auf Treppen hat es leicht Gefahr“) auch Springen, Klettern, Ringen, Werfen, Balancieren, Schwimmen, Reiten und Schlittschuhlaufen. Niemeyer orientiert sich an Johann Christoph Friedrich GutsMuths Schrift zur Körperlichen Erziehung, und er zitiert Johann Peter Francks Medicinische Policey, die keine Bewegung kennt, „die dem Körper zuträglicher wäre und ihn mehr stärken könnte. – Reine Luft, stärkende Kälte, Beschleunigung des Laufs der Körpersäfte, Anstrengung der Muskeln, müsse auf Leib und Geist gleich wohlthätig wirken.“ Niemeyer ergänzt: „Klopstocks Gedicht Der Eislauf und die Kunst Tialfs sind Beweise, das es bis zur Ode begeistern kann.“

Wenn die Tränen, die der Messias (VIII, 425) in eine metaphorische Analogie zum Erlösungsblut Christi und dem eigenen Wort- und Tintenstrom setzt („Furchtbar strömte das Blut der Versöhnung.“), den Quell bieten, aus dem sich Niemeyers verschiedenartig verbalisierte anfängliche Klopstock-Begeisterung speist, dann ist die Quelle mit den Briefen für Religionslehrer in der 2. Auflage von 1803 weitgehend versiegt.

Gegen die ehemals hauseigene Theologie und Frömmigkeit kritisiert und verwirft Niemeyer, der sich selbst als denkender Christ bezeichnet, den uniformierenden Bekehrungsprozess urgroßväterlicher Provenienz, dem die Träne als Beleg und Beweis galt. Die Träne hat als untrügliches Zeichen der Rührung, der Reue und Bekehrung, ausgespielt.

Man würde aber auch in neueren Zeiten, nicht so oft von Kanzeln und in Erbauungsschriften die bekannten Worte des Dichters, von den ‚weichgeschaffnen Seelen, die nicht lange fehlen können und von den thränenlosen Sündern die beben sollen‘ wiederholt haben – die wenigstens dem Buchstaben nach geradezu den Schöpfer anklagen, der nicht alle weich erschuf, und wodurch Thränen – diese zweydeutigsten unter allen Zeichen der Besserung [bezeichnenderweise spricht Niemeyer nicht von Bekehrung, sondern von moralischer „Besserung“] – zum Wahrzeichen eines Menschen gemacht werden, zu dem man noch Hoffnung haben könne.

Zugespitzt auf eine tränenselig-schwammige Kunst, deren Effekte für die intendierte moralische Besserung des Menschen unergiebig sind, fährt Niemeyer fort:

Daß der Dichter sich diese Folgen nicht dabey dachte, ist hier gleichgültig. Genug daß man so unbestimmte Ausdrücke, die noch dazu die herzergreifende Melodie, welche ein Künstler wie Graun mit ihnen zu verbinden wußte, zu Lieblingsworten macht, die gefährliche Täuschung befördern, schnelle Rührung für Ablegung der Fehler zu halten, den aber, dessen Auge die Thränen versagt sind, an sich selbst irre zu machen. Dichtersprache ist immer bedenklich, wo so viel auf Wahrheit der Begriffe ankommt.

Statt für Autonomie der Kunst plädiert Niemeyer für deren Re-Pragmatisierung im Erziehungsprozess. Die Kunst hat sich der moralischen Besserung in Form einer neologisch über- bzw. verformten Bekehrung funktional zu- bzw. unterzuordnen und entsprechende Verbalisierungsregeln zu beachten. Im Einvernehmen mit dem Pädagogen-Kollegen Johann Heinrich Campe formuliert Niemeyer eine entschiedene Kritik an der zur Empfindelei verkommenen Empfindsamkeit. Wer die Träne, wie dies 1784 der Physiognom Joseph Perteny getan hatte, zum Ehrenzeichen und Tugendbeweis des Empfindsamen erklärt, übersieht laut Niemeyer nicht allein, dass der Mensch „auch zur Zeit seiner moralischen Wiedergeburt, seine natürliche Beschaffenheit [behält]“. Das eigentliche Skandalon ist für Niemeyer, dass die seelische Vielfalt als göttliche Schöpfung zugunsten einer überdies manipulier- und inszenierbaren Gemütshomogenität, die sich in Tränen zeigen solle, in Abrede gestellt wird.

Die Briefe schließen mit einer Würdigung Klopstocks anlässlich von dessen Tod. Der 23. Brief, der den „Verlust für die Freunde der Religion“ bekannt macht, datiert – ein übler Verdrucker – vom 24.03.1802. Bevor Niemeyer das Wort ergreift, zitiert er einen ungenannten Zeitgenossen des Jahres 1801, der die Frage erörtert, warum der „große Sprachwohltäter der Nation“ (und nicht etwa der Dichter) sein Publikum verloren habe. Die Antwort lautet, dass zur Mitte des Jahrhunderts kein Interesse mehr an Religion und an religiöser oder religiös fundierter Dichtung bestehe. Klopstock, der im Zuge der Verinnerlichung und der Emotionalisierung des Glaubens zu einer Herzens- und Privatsache den wortlosen Empfindungen der Zeitgenossen eine Sprache gegeben habe, die moralischen und ästhetischen Ansprüchen gerecht geworden sei, habe den Lesern des Jahres 1801 nichts weiter zu sagen. Während nämlich die antike Mythologie, die nach wie vor wesentlicher Grundstock der literarischen Produktion sei, der Phantasie entstamme und das Gefühl für die Kunst anrege, handele es sich bei der christlichen Mythologie, der Klopstocks Messias von dem ungenannten Zeitgenossen zugerechnet wird, um ein Produkt der Spekulation und der Dogmengläubigkeit.

Dieser Ursachenforschung in Sachen Publikumsschwund hält Niemeyer entgegen, Klopstock biete weder Dogmen noch arbeite er an einer christlichen Mythologie, er stelle nicht einmal die Passion und den Tod Christi dar, sondern er inszeniere empfindsame Wahrnehmungs- und Rezeptionsmuster von an der Passion Beteiligten. Das Bemerkenswerte an Niemeyers Messias-Lektüre im Jahr 1803 ist deren emotionsgeschichtliche Akzentuierung. Niemeyer liest mit den trockenen Augen eines Wissenschaftlers. Über den Messias sind Einsichten in das, wie Niemeyer unter Verwendung eines Begriffs von Herder formuliert, „Empfindungssystem der Vergangenheit“ zu gewinnen, sowohl auf der Grundlage der im Messias dargestellten als auch auf der Grundlage der durch die Lektüre generierten Empfindungen. Jedoch gehören die dargestellten und die erlesenen Empfindungen der Jahrhundertmitte an, sie sind nicht mehr aktuell. Welche Empfindungen 1803 empfunden werden und wie sie zu versprachlichen wären, fragt und sagt Niemeyer leider nicht. Niemeyer betreibt, was heute kulturwissenschaftlich up to date ist: historische Emotionsforschung. Das besagt: Gefühle fallen nicht vom Himmel, sie sind nicht einfach da, sondern sie werden kulturell, sozial geformt und sind wandelbar. Und zu den formenden Kräften gehört selbstverständlich auch die Kunst, die Literatur. Diese bilden also nicht Gefühle nur ab, sondern gestalten und prägen Gefühle. Gefühle verändern sich in der und durch die Geschichte hindurch, sie sind historisch und müssen, um verstanden zu werden, historisiert, d.h. in ihrem jeweiligen Entstehungs- und Wirkungskontext gesehen werden.

Die aus der Substanz des Messias heraus erforderliche Historisierung des Werks nicht vollzogen zu haben, macht Niemeyer schließlich den Kanzelpredigern zum Vorwurf. Predigten im Übergang zum 19. Jahrhundert haben nämlich nicht mehr, jedenfalls längst schon nicht mehr ausschließlich das Gemüt zu bewegen oder das Herz zu erschüttern oder zu rühren, Predigten sollen belehren und einen Nutzen für den Verstand erwirken. Dennoch schade maßvolle Klopstock-Lektüre nichts, wenn es – und hier folgt Niemeyer Georg Friedrich Meiers Kunst zu predigen von 1772 – um eine didaktisch geschickte, ästhetisch gefällige Präsentation der Religion im Zeichen von Sittlichkeit und Tugend geht.

Der von Niemeyer gewünschten Historisierung des im Messias gebotenen „Empfindungssystems“ entspricht die Historisierung der eigenen Messias-Lektüre. Die Erinnerung an die enthusiastische Jugendlektüre bereitet Niemeyer „unangenehme Empfindungen“. Klopstock ist ein Fremder für das Herz und zugleich ein interessanter Gegenstand für den Kopf geworden.

Niemeyer begeht keinen Vatermord, unternimmt aber auch nichts um den Nachruhm des einst teuren Verblichenen zu mehren. Geschätzt bleibt Klopstock wegen der hohen Kunst, Empfindungen versprachlicht zu haben, die jedoch keine dreißig Jahre nach Abschluss des Messias schon der Vergangenheit angehören. Zudem konturiert sich die sprachliche, ästhetische Leistung in Abgrenzung von der kalten, abstrakten Sprache der Philosophie, sie wird nicht unbedingt aus sich selbst heraus gewürdigt. Niemeyer schließt: „Die Epoche der religiösen Dichtkunst ist vorüber.“ Soweit die überlieferten Äußerungen des späteren offiziellen Niemeyer zum Messias. Ob der Privatmann nicht doch heimlich, still und leise bei dessen Lektüre geweint und wie hoch oder tief er z.B. Klopstocks Oden geschätzt hat, ist unbekannt.

Resümierend ist zu sagen: Niemeyer hat sich von Klopstock freigeschrieben. An die Stelle des feuchten ist das trockene Auge getreten, an die Stelle des emphatischen und empathischen Leserausches des unordentlichen Schülers und Studenten die abgeklärte und abwägende, historisch-kritische Analyse des ordentlichen Professors, an die Stelle der rückhaltlosen Identifikation die pädagogisch-rhetorische Verwertungsperspektive.

Niemeyer ist zu Staub geworden, und Klopstock wohl auch. Konkurrenz in Sachen Nachruhm und Fortleben sei vermieden. Dennoch muss abschließend auf zwei Tatbestände hingewiesen werden: Über unseren Köpfen kreist in einer mittleren Entfernung von 355 Millionen Kilometern von der Sonne im inneren Bereich des Asteroidengürtels der Planetoid (9344), der am 12. September 1991 von den Astronomen Börngen (Jena) und Schmadel (Heidelberg) entdeckt und am 2. Februar 1999 in den Minor Planet Circulars auf den Namen Klopstock getauft wurde. Und schlussendlich: Unter www.logh.net/guide/loghg009.htm findet sich ein Verzeichnis galaktischer Helden, The Legend of the Galactic Heroes Guide mit einer Klopstock Incident genannten Seite, die einen weißbärtigen bombenwerfenden und königsmordenden Klopstock präsentiert. Klopstock strikes back, möchte man angesichts der Vernachlässigung des Dichters durch die Leserschaft vermuten, womit Lessings Mahnung, den Dichter zu lesen, außerordentlich Nachdruck verliehen ist.

 

Herbstausflug nach Altenburg und Posterstein

Uns erwartete ein schöner Ausflug. Im Altenburger Lindenau-Museum machten wir uns mit der Geschichte des Hauses vertraut. Weiterhin standen im Mittelpunkt der Führungen die Gipsabgusssammlungen sowie die einzigartige Sammlung frühitalienischer Tafelbilder, die größte ihrer Art nördlich der Alpen.

Stimmungsvoll gestaltete sich unser Besuch des Postersteiner Auenhofs. Bettina Martin hatte alles liebevoll vorbereitet. So konnten wir uns nach Herzenslust beim Altenburger Bauernkuchen und bei deftigen Speisen stärken. Sodann erfreute uns das Trio „Sanssouci“ (Geige, Cembalo, Piccoloflöte) mit Musik, insbesondere aus der Barockzeit. Es war ein sehr schönes, gelungenes Konzert. Führungen durch den Kräutergarten schlossen sich an-

So verlebten wir einige frohe, gesellige Stunden.

Goethes evolutionäre Reise – zur Modernität des Goethe’schen Homunculus

Vortrag von Dr. Manfred Osten, Bonn,  am 4. September 2018

Wir verspielen die Chancen, jemals das Glück zu erkennen. Wer diese Situation beginnt und fortführt, ist Faust. Die „Sorge“ haucht ihn an: Es ist die Krankheit zum Tode. Davon ist unser 21. Jahrhundert betroffen. Es herrscht eine totale Blindheit hierüber. Alles bewegt sich in Richtung digitaler Demenz, in einem Prozess, in dem wir unser Gedächtnis in den digitalen Speichern ablegen. Das „alte“ Gedächtnis wird liquidiert. Dies widerspiegelt sich in der Szene mit Philemon und Baucis und dem Wanderer, der nichts anderes als Zeus selbst ist. Es wird alles zerstört, auch Zeus selbst. Die Idylle ist dahin. Vollstrecker sind drei brutale Gestalten: Raufebold, Habebald und Haltefest.
Den historischen Hintergrund bildet der Reichsdeputationshauptschluss 1803, der das alte Europa auflöst und damit auch das „europäische Gedächtnis“ auslöscht. Als Konsequenz folgt eine ziemliche Verdüsterung, die Goethe bereits ahnt. Er hat dabei auch die Ergebnisse der Französischen Revolution und ebenso die beginnende Industrialisierung im Blick. Es handelt sich bei beiden um eine irreversible Weltveränderung.Eine nie dagewesene Beschleunigung in Produktion, Konsumtion und im Transportwesen hebt an. Damit geht eine ungeheure Unruhe des Menschen einher.
Heute kommt eine Beschleunigung in der Kommunikation hinzu. Daraus folgt eine totale Überforderung des Menschen. Die Empathie geht dabei verloren. So gilt für die Moderne, worüber schon Goethe urteilte: „Alles ist jetzt ultra.“ – „Keiner kennt sich mehr.“ Damit wird ebenfalls ein Prozess der Selbstentfremdung eingeleitet. Goethe ahnt, dass der Mensch diesen Überforderungen nicht standhalten wird. Er warnt in den „Ernsten Scherzen“ (Brief an Wilhelm von Humboldt) vor einer versuchten Optimierung des Gehirns; vor allem die neuronale Kompetenz ist dafür nicht gegeben.
Warum dies nicht funktionieren kann, zeigt sich in Faust II in der „Kaiserpfalz“. Dort erfolgt durch Mephisto eine Geldschöpfung ohne Wertschöpfung, eine Virtualisierung des Geldes. Dieser Vorgang kann von niemandem mehr reguliert werden. In seiner extremen Form entspricht dies heutigen Finanzmärkten, wo Maschinen Geldflüsse in Sekundenbruchteilen steuern. Wir sind aber durchaus nicht in der Lage, hochkomplex zu denken, wie es in diesen hochfrequenten digitalen Apparaturen geschieht. Die globale Geldschöpfung erhöhte sich nach dem 2. Weltkrieg um das 40-fache, die Wertschöpfung lediglich um das Vierfache. Die Renditen gehen ins Uferlose, während die Renditen aus Arbeit gegen Null tendieren. So wird es bis 2030 die Hälfte aller Berufe gar nicht mehr geben.
Es wächst somit die Möglichkeit vielerlei Entgrenzung. Dies kommt in den Worten des Marschalls zum Ausdruck: „Welch Unheil muss auch ich erfahren. Wir wollen alle Tage sparen und brauchen alle Tage mehr…“ Wir sind also in der Lage, immer mehr zu fordern, als produziert werden kann. Goethe sieht durchaus auch irreversible Folgen durch ungehemmte Ausbeutung fossiler Brennstoffe voraus. Doch all dies hat seinen Preis: „Tags umsonst die Knechte lärmten, Hack und Schaufel, Schlag um Schlag; Wo die Flämmchen nächtig schwärmten, Stand ein Damm den andern Tag. Menschenopfer mussten bluten, Nachts erscholl des Jammers Qual; Meerab flossen Feuergluten, morgens war es ein Kanal.“ Biotope trocken zu legen, bringt Unheil, wie auch die Eingriffe in die Ozeane. Eine gigantische „Landgewinnung“ wurd ja auch im „Faust II“ beschrieben. Vormals wurde ein Viertel des Kohlendioxids vom Meer aufgenommen, doch die Meere versauern zusehends und dies irreversibel. Mephisto (an Faust) beschreibt diesen Prozess: „Du bist doch nur für uns bemüht, Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen; Denn du bereitest schon Neptunen, Dem Wasserteufel, großen Schmaus. In jeder Art seid ihr verloren; – Die Elemente sind mit uns verschworen, Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“
Abschied von der alten Welt, heißt Abschied nehmen von der Realität. So, wie in der „Kaiserpfalz“ virtuelles Geld geschaffen wurde, so werden wir selbst die ganze Welt virtualisieren. Wir sind Produkte der Medien und ihrer digitalen Giganten. Uns umfängt das Bängliche, wir sind verstrickt in den Netzen; ihnen sind wir ausgesetzt, sie werden uns umgarnen. Diese virtuelle Welt führt uns schon Goethe vor.
All dies sind im Grunde genommen nicht nur ökonomische, sondern auch neuropathologische Entwicklungen. Deren Gefahren gestaltet Goethe im „Faust II“. Nachdem alle reich geworden sind, müssen sich alle nur noch amüsieren. Hierhin führt auch das leistungslose Grundeinkommen, das nur noch Amüsement übrig lässt. Das Symbol des „Dreifußes“ für die Mütter steht dafür; was wir hier und auch auf der Leinwand, in dem Fernsehbildern und auf den Smartphones erleben, ist die ungeheure Brutaölität, sex and crime; auch der Raub der Helena durch Paris im „Faust“ illustriert dieses Geschehen. Und Faust hält, was geschieht, für die Realität. Er versucht, Paris zu verprügeln, um Helena zu befreien. Es misslingt, er sinkt bewusstlos zu Boden. Mephisto muss ihn retten, es bleibt eine Schattenwelt: „Mit Narren sich zu beladen, kommt der Teufel gar zu Schaden.“
Von großer Bedeutung in diesem Spiel sind wie erwähnt Goethes „Ernsthafte Scherze“ . Diesen „wissenschaftsutopischen Gespenstern“ (in der Gen-Werkstatt des Menschen) begegnet Goethe in seinen „Scherzen“ mit tiefgründiger, bitterer Ironie. Er fordert damit vor allem jene Distanz des Menschen gegenüber sich selbst ein, die er als notweniges Korrektiv versteht angesichts seiner Einsicht: „An ihm (dem Menschen) nichts wahr ist, als dass er irrt“.
Ausgangspunkt für den Paradigmenwechsel der Homunculus-Thematik ist die revolutionierende Harnstoffsynthese Wöhlers 1828; ihm gelang es, aus organischer Materie diesen organischen Stoff zu gewinnen. Nun ist es erwiesen, dass Eingriffe in die Gene möglich sind; es wird sie verändern, um sie zu optimieren. Genau dies wird die Idee des Homunculus.
Famulus Wagner erweist sich hierbei als Gen-Designer. Hier wird ein Mensch gemacht. Wagner: „Behüte Gott! Wie sonst das Zeugen Mode war, Erklären wir für eitel Possen.“
Das Ziel bleibt ein optimiertes Hirn. Aber Homunculus erweist als als nicht lebensfähig, weil er nur in seiner Phiole schweben, keinesfalls aber die reale Welt betreten kann.
Allerdings gibt es Schnittstellen zwischen den Neurowissenschaften und der Kybernetik, um Gedanken lesen und bestimmen zu können. China hat eine solche Möglichkeit mittels Sensoren bereits entwickelt Falls das Leistungsvermögen absinkt, kann dies sofort korrigiert werden.
Homunculus ist hierzu fähig,allerdings ist er überhaupt nicht zufrieden, er möchte ein vollständiges Wesen sein. So gelingt das Experiment nicht vollständig, dennoch zeigen sich Faust und Mephisto überrascht, was mit ihm gelang.
Zum vollständigen Wesen gehört freilich auch das Wissen um die eigene Herkunft, das historische Gedächtnis, was Homunculus fehlt. Dies widerspiegelt die „Klassische Walpurgisnacht“. Mephisto begleitet ihn dorthin, verweist auf die Notwendigkeit, 1500 Jahre zurück in die Vergangenheit zurückzugehen. Homunculus erwirbt Herrschaftswissen über Zukunft und Vergangenheit, weist zurück zu den „Überresten“ des Altertums. Aber er ist bereits der einzig Wissende, der ihn noch kennt, den Weg zur „Klassischen Walpurgisnacht“. Er weiß zugleich, warum er diesen Weg einschlägt. Hier nämlich, wo sich sein diabolischer Geburtshelfer Mephisto als Ignorant erweist und folglich verhöhnt wird, sucht Homunculus nichts Geringeres als das, was in der Bioethik-Debatte inzwischen als Grundrecht des Menschen diskutiert wird: das Recht auf Existenz. Und nichts wünscht sich der halbfertige Homunculus mehr, als vollkommen auf die Welt zu kommen. Darauf wurde bereits hingewiesen.
Osten vermerkt: „Er (Homunculus) will seine eigene Zukunft gestalten. Und er will sie dialektisch meistern durch Rückgriff auf die fernste Vergangenheit, auf die Antike. Es ist ein Versuch, bei dem er Mephisto und Faust weit hinter sich lässt. Sie haben in dieser Zukunft nichts mehr zu suchen …
Homunculus lässt hierbei sogar die fortschrittsgläubige Optimierungsbesessenheit des ungeduldigen Projektemachers Faust hinter sich. Denn Faust verwechselt am Ende einen (Entwässerungs-) Graben mit seinem Grab und bleibt damit beiden Konstanten der Menschheitsgeschichte treu, die Goethe … diagnostiziert hatte als Torheiten und Schlechtigkeiten, das heißt Irrtum und Gewalt als Resultate übereilten Denkens und Handelns.“
Die Szene geht zurück zu den frühen griechischen Philosophen; Thales wird eingeführt. Er wendet sich an Homunculus mit einer Verheißung: „Gib nach dem löblichen Verlangen, Von vorn die Schöpfung anzufangen! Zu raschem Wirken sei bereit! Da regst du dich nach ewigen Normen, Durch tausend, abertausend Formen, und bis zum Menschen hast du Zeit.“
Die Warnung folgt auf dem Fuß, durch Proteus: „Komm geistig mit in feuchte Weite, Da lebst du gleich in Läng und Breite, Beliebig regest du dich hier; Nur strebe nicht nach höhern Orden;
Denn bist du erst ein Mensch geworden, Dann ist es völlig aus mit dir.“
Folglich scheitert Homunculus, die Phiole zerschellt am Muschelwagen der Galatee. Er wird ausgeschlossen, weil er das Festgelage antiker Gestalten in der Welt stört.
Goethes letztes Wort? Wir brauchen nicht die erneuerte Evolution. Wir können in selbstvergewissender Erkenntnis der Überforderung entgehen, indem wir uns selber auf ganz andere Weise optimieren können, nämlich zur Askese, zum asketischen Staunen. Dies muss man üben, üben, üben (Nietzsche).
Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, der Mensch muss zunächst seine Organe belehren. Wenn er dies nicht tut, sinkt er unter die Tiere. Damit wird der Barbarei der Weg bereitet, warnt Goethe im „Faust“. Dann lebt der Mensch nur nach seinen Affekten (Spinoza). Gewalt, Gier, Ungeduld treiben uns zu ständigem Fitnesszwang. Doch eigentlich sind wird durch die kulturelle Revolution domestiziert worden. Ohne sie ginge vieles verloren. Daher muss der verständige Mensch sich mäßigen, um glücklich zu sein, lautet Goethes Botschaft an die digitalisierte Welt. Jegliche Maßlosigkeit steht unter dem Fluch der Natur. Dies schlägt Mephisto in den Wind. Er pocht auf maßlose virtuelle Wünsche und Forderungen, für die er selbst nichts leistet: schnelles Geld, schnelles Handeln, schnelle Liebe (Gretchen für Faust) alles muss rasch geschehen. Enttäuschungen bleiben nicht aus. Aber wie soll man glücklich werden in einer Lage dauernder Verzweiflung? Faust umtreibt all die Dinge, die Wirklichkeit geworden sind, aber: „Nachts erscholl des Jammers Qual ..“ So verwechselt er seinen Fortschrittsglauben (vermeintlicher Entwässerungsgraben) mit seinem, dem eigenen Grab. Eine Warnung.
Dagegen steht Lynkeus der Türmer. Er zeigt Möglichkeiten auf, wie man glücklich leben kann, indem man ein Leben in Achtsamkeit und in der Anschauung führt. Damit gelingt Übereinstimmung von Mensch und Natur. Dies läuft auf Entschleunigung hinaus. Es liegt in unserer Hand, uns so weit wie möglich den Überforderungen zu entziehen. Wir müssen die Phänomene geduldig ansehen, daraus entwickeln wir das Glück. Aber unserer Welt ist momentan die Empathie verloren gegangen. Daher gilt unsere ständige Aufmerksamkeit den drohenden Verdüsterungen des Lebens, denen wir durch sittliches – gutes – Handeln begegnen müssen.
Dies ist die Gegenwelt, die Lynkeus sieht – im Gegensatz zu den furchtbaren Handlungen, die Faust unternimmt. Faust meint: Herrschaft gewinnen, ist Eigentum. Damit ist das 21. Jahrhundert vorweggenommen. Lynkeus ist anderer Ansicht: Durch Aufmerksamkeit ( für Natur und Mensch, für uns selbst) wird Eigentum generiert. Erst der nach innen gewendete Blick schafft wahres, unveräußerliches Eigentum. Goethe: „Ich weiß, dass mir nichts angehört. Als der Gedanke der ungestört. Aus meiner Seele will fließen …“

Auf den Spuren Goethes in die Schweiz

„Auf den Spuren Goethes in der Schweiz“

Im Oktober 2014 wurde unsere Erfurter Goethe-Gesellschaft gegründet. Seit dieser Zeit haben wir viele interessante Vorträge, Debatten und Exkursionen erlebt, die alle von unserem Vorsitzenden Bernd Kemter organisiert wurden. In diesem Jahr sollte uns unsere Studienfahrt auf Goethes Spuren in die Schweiz führen. Am 13. Juni 2018, morgens um 7.45 Uhr, kam der Bus mit den Geraer Goethe-Freunden am Erfurter Domplatz an. Nun waren wir 26 Reisende zu Goethes Erinnerungsorten.
Unsere erste Station war Hünfeld, eine mittelalterliche Stadt, in der wir u. a. das vor kurzem errichtete Goethe-Denkmal besichtigten. Hier erfuhren wir auch, dass der in Hünfeld gebürtige Prof. Konrad Zuse den ersten Rechenautomaten der Welt, den Computer, erfand. Er stellte ihn 1941 in Berlin vor.
Unser nächster Halt galt Sessenheim mit einem Besuch des kleinen Goethe-Museums, des Goethe-Memorials und selbstverständlich der „Goethe-Scheune“.
Kemter las uns Geschichten, Geschehnisse vor, die sich um Goethe und Friederike Brion rankten, ebenso einige „Sesenheimer Lieder“. In diesem Ort lernte er die Pfarrerstochter kennen, sie lieben, er pflegte einen regen Briefverkehr mit ihr. Auch neue dichterische Einfälle, eine neue geistige Sicht erhielt er durch diese Liebe, d. h. er schrieb und dichtete über das „Liebesidyll“ in Sessenheim.
Auch über den Ort selbst erzählte uns Kemter Geschichtsträchtiges. Hier hatten sich die „Sassen“ aus dem Elsass, die „sesshaften Leute“ also, niedergelassen. 1341 gab es also schon das Dorf Sessenheim (Goethe schrieb es lieber mit einem s) mit einer uralten, schönen Kirche, die wir uns ansahen, es gibt ein weiteres Gotteshaus. Nach dem Aufenthalt in Sessenheim fuhren wir weiter nach Mulhouse, um im dortigen Novotel zu übernachten.
Am nächsten Tag, dem 14. Juni, war Biel unser nächstes Reiseziel. Nach kurzer Stadtbesichtigung fuhren wir weiter, unserer Schiffsreise zur Petersinsel entgegen. Sie dauerte leider nur zehn Minuten. Hier, auf der grünen Insel, wanderten wir zu einem Kloster mit Cafe, denn wir hatten nach der Wanderung den Wunsch nach einer Pause mit Mittagsimbiss.
Auf der Petersinsel, so erfuhren wir, hielt sich zeitweise der streitbare Philosoph Jean Jacques Rousseau auf. Näheres über sein Leben erfuhren wir wieder von unserem Reiseleiter, der uns während der Weiterfahrt im Bus einige Kapitel aus seinen „Bekenntnissen“ und dem „Gesellschaftsvertrag“ vorlas.
Der Bus fuhr nun von Neuveville nach Lausanne. Hier im Novotel in Lausanne Bussigny waren drei Übernachtungen gebucht.
Am Freitag, dem 15. Juni, fuhren wir mit dem Bus Richtung Genf, machten aber in Rolle einen kurzen Stadtbummel, denn auch hier war Goethe gewesen. Fasziniert hat uns ein uraltes Schloss am See, welches Louis II. de Savoie um 1319 erbauen ließ. Gegen 9.45 Uhr kam unser Bus in Genf an. Mit einer örtlichen Reiseführerin begann ein Altstadtbummel. Genf ist die zweitgrößte Stadt der Schweiz und zeigt einige Besonderheiten. So ist das Rathaus – bedingt durch den See – zweigeteilt, eine Brücke verbindet beide Seiten. Eine weitere Besonderheit erblickten wir: eine Blumenuhr, sehr schön! Eine Kathedrale konnten wir ebenfalls besichtigen. Zwischen 1160 und 1250 wurde sie im romanischen und gotischen Stil erbaut. 1536 wurde sie nach der Reformation evangelisches Gotteshaus.
Nun besichtigten wir das Rot-Kreuz-Museum und erfuhren hierbei, dass 1864 im Genfer Rathaus die Konvention des Roten Kreuzes unterzeichnet und diese Organisation damit gegründet wurde.
Weitere Institutionen, die hier in der Schweiz ihren Sitz haben, sind zum Beispiel: der zweite Hauptsitz der UNO (193 Mitgliedsstaaten), die Weltgesundheitsorganisation, die Genfer Flüchtlingskonvention UNHCR, der Weltkirchenrat, das IOC,
Nach dem Museumsgang besuchten wir Park und Schloss Ferney, das Goethe während seiner zweiten Schweizreise besucht hatte.
Am Sonnabend, dem 16. Juni, stand auf unserem Programm eine Stadtführung in Lausanne mit einem örtlichen Stadtführer. Lausanne, einst ein Dorf, ist heute eine schöne, alte Stadt mit einer Metro, Fünf-Sterne-Hotels, Parkanlagen, Olympischem Museum. Vier offizielle Landessprachen sind hier vertreten: 64 Prozent Deutsch, 23 Prozent Französisch, acht Prozent Italienisch und 0,5 Prozent Rätoromanisch sowie weitere.
Wir besichtigten den Dom, der 1275 erbaut wurde und sahen sehr moderne und viele uralte Häuser – eine wirklich sehenswerte Stadt! Auch Goethe war natürlich hier und wusste diese Stadt zu schätzen. Sie besteht aus Ober- und Unterstadt, nur durch Treppen und Tunnel, auch durch Brücken verbunden.
Danach fuhren wir weiter zur Weinverkostung nach Lavaux – und per Schiff ging es wieder zurück ins Hotel.
Am Sonntag, dem 17. Juni, nahmen wir Abschied von der Schweiz, fuhren über Bern, Zürich, um beim Rheinfall Schaffhausen einen Halt einzulegen. Fantastisch, was die Natur hier geschaffen hat, es wurde seinerzeit auch von Goethe bewundert. Während unserer Rückreise gab es für alle eine Überraschung: Frau Kemter hatte ein Picknick organisiert – unentgeltlich – worüber wir uns alle freuten und bedankten. Spendiert wurde es übrigens vom Reisebüro TRI TOURS.
So konnten wir gestärkt an unseren Heimatorten Erfurt und Gera eintreffen. Es war eine sehr schöne, erlebnisreiche Reise.
Renate Dalgas