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Goethes Beschäftigung mit Meteoriten


Vortrag von Rolf Haage, Weimar, am 3. Februar 2026

Gott sendet Steine vom Himmel – als mahnende Botschaft an gekrönte Häupter. Ein solcher Einschlag erfolgte bei Ensisheim im Elsass. Der Meteorit (auch Donnerstein von Ensisheim) ging im Jahr 1492 nieder. Das Ereignis fand zu seiner Zeit überregionale Beachtung. Es ist der älteste bezeugte Meteoritenfall Europas, von dem heute noch Material vorhanden ist.
Das spektakulärste Objekt ist wohl der schwarze Stein (Kaaba) in Mekka. Er soll ursprünglich weiß gewesen sein, färbte sich jedoch unter dem Eindruck der Sünden der Menschen schwarz.
Die Renaissance knüpft an die Antike, insbesondere Aristoteles, an. Der vertrat die Ansicht, aufsteigende metallische Dämpfe würden später als Steine wieder zur Erde fallen. Auch Thales, und Anaxagoras befassten sich mit dem Thema. Mittelalter: Nikolaus von Kues: Die Erde ist so wenig Zentrum des Alls wie die Fixsterne Grenzen des ‚Universums sind. Kopernikus ist Begründer des heliozentrischen Weltbildes. Allmählich verschwindet die Vorstellung von Kristallschalen des Himmels. Neuzeit: Giordano Bruno: Gott ist die immanente Kraft, die das gesamte Universum durchdringt. Baruch Spinoza: Gott ist in allen Dingen anwesend. Er ist die absolute Vollkommenheit. Wilhelm Herschel (entwickelte eigenes Teleskop, Entdecker des Uranus und weiterer Gestirne): Nebelflecken am Firmament sind Sternenhaufen. Antoine L. de Lavoisier: untersuchte einen Meteoriten, sie wurden zumeist zu Staub, wenn sie durch elektrisch geladene Luftschichten fielen. Peter Simon Pallas, bedeutender Naturforscher, unternahm zahlreiche Reisen, so auch nach Sibirien. Von Einheimischen erfuhr er, dass im Jahre 1749 bei ihrem Dorf Ubeisk südlich Krasnojarsk ein Stein vom Himmel gefallen sei. Der anfangs auch als „Pallas-Eisen“ bezeichnete, später dann als Meteorit anerkannte Sensationsfund spielte eine bedeutende Rolle in dem 1794 erschienenen Buch des Naturwissenschaftlers Ernst F. F. Chladni, der sich damals intensiv mit der Entstehung derartiger „Eisenmassen“ befasste. Heute offiziell „Krasnojarsk“ genannt, stellt dieser historische Meteorit den „Prototyp“ der Pallasite dar, einer nach P. S. Pallas benannten Untergruppe der Stein-Eisen-Meteorite. Georg Christoph Lichtenberg regte 1793 den Naturforscher und Astronomen Ernst Chladni zu dessen bahnbrechender Theorie der Sternschnuppen , Feuerkugeln und Meteoriten an. Er erkannte, dass Meteoriten zumeist aus Eisen und Olivin bestehen. Seitdem galt nicht mehr der Mond, sondern der Bereich der Kleinplaneten zwischen Mars und Jupiter als Ursprungsort von Meteoriten.
Auch Goethe beschäftigte sich mit dem Thema. Jeder Planet trägt in sich einen höheren (göttlichen) Auftrag, dies ist ein durchgängiges Gesetz. Die Gottheit ist wirksam in allem Lebendigen. Für Goethe sind Meteore jedoch totes Material, das eine gewisse Entwicklung durchlaufen hat, die nicht an die Erde gebunden war.
Er erhielt einen Meteoriten aus Benares, in seiner Sammlung befanden sich auch Stücke des 1819 bei Pohlitz gefallenen Meteoriten. Goethes Interesse an Naturphänomenen war lebenslang und umfassend – es reichte weit über Dichtung und Philosophie hinaus. Auch Meteoriten, also „Himmelssteine“, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. In einer Zeit, in der das Phänomen noch stark umstritten war, zeigte Goethe sowohl Skepsis als auch Neugier gegenüber den Berichten über Steine, die angeblich vom Himmel gefallen seien.
Im späten 18. Jahrhundert zweifelten viele Gelehrte an der Echtheit von Meteoritenfällen. Für Goethe, der die Natur als gesetzmäßig und zusammenhängend verstand, passte die Idee, dass Steine aus dem Weltall auf die Erde fallen könnten, zunächst nicht in sein Weltbild. Er hielt es für wahrscheinlicher, dass solche Gesteine terrestrischen Ursprungs seien – etwa durch vulkanische Aktivität oder Blitzeinschläge entstanden.
Gleichzeitig ließ Goethe das Thema aber nicht los. Als Naturforscher beobachtete er aufmerksam neue Funde und las Veröffentlichungen über Meteoritenfälle. Er beschäftigte sich in seiner naturwissenschaftlichen Korrespondenz auch mit der berühmten Meteoritenfall von Ensisheim (1492) sowie später mit dem Fall von Siena (1794). Allmählich begann er, die Möglichkeit außerirdischer Herkunft ernsthafter zu erwägen, ohne jedoch seine Zweifel völlig aufzugeben.
In seinen „Tagebüchern“ und „Zettelkästen“ finden sich verstreute Notizen zu Meteoriten, die zeigen, dass er die Diskussion naturwissenschaftlich verfolgte, auch wenn sie nie einen zentralen Platz in seinem Werk einnahm. Für Goethe war die Beschäftigung mit Meteoriten Teil seines umfassenden Bemühens, Natur als lebendigen Organismus zu verstehen – stets im Spannungsfeld zwischen Beobachtung, Experiment und philosophischer Deutung.

Goethes Eroticon


Vortrag von Jens Dwars, Jena, am 5. Mai 2026

Der Referent zitierte zunächst Goethes „Heidenröslein“. Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Vergewaltigung. Kritiker sprachen von Vergewaltigung im Trällerton eines Volksliedes. Ein weiteres Beispiel stellt das Gedicht „Das Schreien“ 1767 dar: „Einst ging ich meinem Mädchen nach/ Tief in den Wald hinein…“ Sie droht zu schreien, doch dann lispelt sie: „… Geliebter, still,/ dass dich ja niemand hört“. Auch weitere Gedichte jener Zeit widmen sich der Erotik, so in den Sesenheimer Liedern, zum Beispiel: „Es schlug mein Herz …“ Im Dickicht des Waldes irrt der Dichter wie im Dickicht seiner Triebe. Er brennt in Leidenschaft. Dabei tragen „Willkommen und Abschied“ ursprünglich einen völlig anderen Bezug: Ein „Willkommen“ erlebte der ankommende Häftling im Zuchthaus mittels Peitschenhieben und ebenso beim „Abschied“. Dies geschah vor allem bei sexuellen Delikten.
Was wäre, wenn aus einem solchen Delikt heraus ein Kind entstanden wäre? Da gab es den Fall der Margarethe Brandt, Mörderin ihres unehelich geborenen Kindes. Sie war vom Knecht eines Durchreisenden geschwängert worden. Goethe hat dies selbst als Rechtspraktikant erlebt und in der Gretchentragödie verarbeitet. Schon im „Urfaust“ findet sich der berühmte Gretchenmonolog. Goethe bringt das Erwachen weiblicher Liebe an den Tag. Dies ist durchaus etwas Neues/Revolutionäres. “Meine Ruh ist hin,/ Mein Herz ist schwer … Und küssen ihn,/ So wie ich wollt,/An seinen Küssen/Vergehen sollt.“
Diesen Monolog übernimmt Goethe in den Faust I.
Goethe galt zwar als Fürst der Dichter, nichts durfte bei ihm Anstoß erregen. Großherzogin Sophie ließ zu ihren Lebzeiten gewisse Texte nicht zu, auch Goethe strich manches. Auch strich man noch in den 1980-er Jahren in der berühmten Hamburger Ausgabe die Walpurgisnacht, versah einige Stellen mit Strichen, die Mephisto stottern ließen: „Einst hatt’ ich einen wüsten Traum/ Da sah ich einen gespaltnen Baum / Der hatt’ ein — / So – es war, gefiel mir’s doch.“ Worauf eine muntere Hexe ebenso kryptisch erwiderte: „Ich biete meinen besten Gruß / Dem Ritter mit dem Pferdefuß! / Halt Er einen — bereit, / Wenn Er — nicht scheut.“ In einem kleingedruckten Kommentar heißt es hierzu: „ … Die Handschrift hat ungeheures Loch; groß; rechten Pfropf; das große Loch.“ Dies ist bis ins Obszöne gesteigerte Liebeslust. Hexen und Teufel wirken gleichberechtigt. Teils obszöne Texte hinterließ Goethe in einer Mappe „Erotica“, die Kanzler Müller aufbewahrte. Einem Besucher gewährte er Einblicke. Selbiger merkte sich die Texte, und so wurden sie auch veröffentlicht.
Das Possenstück „Hanswursts Hochzeit“ oder „Der Lauf der Welt“ wurde ebenso wenig in die Hamburger Ausgabe aufgenommen wie das berühmt-berüchtigte Gedicht „Das Tagebuch“, ein Liebesabenteuer. Auf einer Reise geht der Wagen zu Bruch. Man muss ein Zimmer nehmen. Gast und Zimmermädchen finden Gefallen aneinander. Sie entscheidet, ihn zu lieben. Goethe mutete hierbei dem Publikum recht viel zu, verlor jedoch allmählich die Lust weiterzumachen. Immerhin erwies er sich als Genie nicht nur des Erhabenen (Werther), sondern auch des Gassenjargons, selbiges allerdings auf literarischem Niveau.
Eigentlich war der Hanswurst dank Gottsched und Neuberin von der deutschen Bühne vertrieben worden. Goethe holt die Figur wieder zurück. Er verbindet die Tragödie mit der Komödie. So war es auch in der griechischen Antike: Auf Tragödien folgten Satyrspiele, die dem antiken Menschen natürlich auch dessen tierische Natur verdeutlichten.
In Weimar gab es drei Kindsmordsfälle. Goethe schloss sich der Ansicht an, man solle die Todesstrafe verhängen, wie in seinen Amtlichen Schriften ersichtlich. Sein Gretchen lässt er nicht retten. Ihr Verhalten ist geradlinig, sie nimmt die Schuld am Tod des Kindes wie auch der Mutter auf sich. Damit spielt sie den Männerbund Faust/Mephisto an die Wand. Sie steht zu ihrer Tat, bleibt hellsichtig und lässt sich nicht in die Freiheit verführen; nicht noch einmal verführen. In Faust II erscheint sie nochmals als Gretchen. Zurück zur Walpurgisnacht im Faust I. Die Böcke und Ziegen haben sich verlustiert. Es ist eine Massenorgie, und die christliche Messe verkehrt sich in dieser Welt zur Messe des Satans.

Großherzogin Sophie hatte einige der Erotica unterdrückt. Erst nach ihrem Tod erschienen 1910 „Das Tagebuch“ und die Venezianischen Epigramme; gedruckt wurden sie nun endlich aus „wissenschaftlichem Interesse“. Es erschienen ebenfalls die „Römischen Elegien“. Sehr erotisch kommt zum Beispiel die fünfte Elegie daher. Dort heißt es am Schluss: „… Überfällt sie der Schlaf, lieg‘ ich und denke mir viel,/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet/ Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,/ Ihr auf dem Rücken gezählt, sie atmete in lieblichem Schlummer …“
Ist dies Pornographie? Nein. Pornographie ist derb, obszön, auf kurzen Genuss aus. Erotik ist das glatte Gegenteil. Sie ist ein wechselseitiges Spiel, ein gegenseitiges sinnliches Bereichern. Schiller streicht, hat die Elegien in seiner Zeitschrift „Die Horen“ veröffentlicht, was Herder zu der Bemerkung veranlasste statt mit O müsste man die Horen jetzt mit U schreiben.
Auch mit den Venezianischen Epigrammen geht es ebenso, sie vermengen sinnenfrohes Heidentum mit der Kritik an der christlichen Lehre, aber auch an den Weltverbesserern. Alle Freiheitsapostel waren Goethe zuwider.
Auch im „West-Östlichen Diwan“ wird das Recht der Frau, Suleika, auf freie Liebesentscheidung offenbar.

Karl Ludwig von Knebel

„Naß u. schlechtes Wetter. Mittags mit Göthe spazieren. Abends gegen 6. Uhr die Weimarischen Truppen eingezogen.“ So lautet ein Tagebucheintrag von Goethes „Urfreund“ Karl Ludwig von Knebel am Montag, dem 7. Dezember 1807. Banale wie historisch denkwürdige Ereignisse von 1804 bis 1810 spiegeln sich im Schreibkalender und in den Briefen des Majors Knebel wider. In dem Konvolut tummeln sich Ereignisse während der Schlacht bei Jena/Auerstedt, des Fürstenkongresses 1808 ebenso wie Wetterbeobachtungen und Eintragungen zum Haushalt des „Hellfeldschen Hauses“ am Jenaer Neutor, wo Familie Knebel zur Miete wohnte. Bislang blieb dieser umfangreiche Nachlass in der Forschung unbeachtet. Umso mehr ist dem Herausgeber/Bearbeiter Ronny Teuscher, seinem Mitarbeiterkollektiv sowie dem Jenzig Verlag zu danken, die sich dieser umfangreichen Aufgabe unterzogen haben. Schon vom Umfang her ist das überkommene Schriftgut Knebels beeindruckend.

Die Lektüre des recht voluminösen Buches entfaltet ein vielseitiges Bild der Stadt- und Universitätsgeschichte Jenas und ebenso einer hochinteressanten Persönlichkeit, die sich als „Menschenfreund“, dichtender Übersetzer und übersetzender Dichter erweist. Briefliche Bezüge zu namhafteren Zeitgenossen wie Goethe, Hegel, Jean Paul und Wieland, auch zu vielen Frauen der Goethezeit ergänzen mit Schilderungen biederer Bürger und ihres Alltagslebens das facettenreiche Sittengemälde um 1800.

Der Alltag der Familie Knebel scheint indes auch seine Reize auf manche Gäste auszuüben. Zwar beklagt Louise, die Frau Major von Knebel, die enge Stube,insbesondere die Küche, wodurch man keine Besucher bewirten könne,so findet Knebel selbst die Lage der Wohnung als äußerst vorteilhaft. Der junge Heinrich Luden genießt den herrlichen Blick auf die Ziegenkuppe des Hausberges. Karoline Herder bezeichnet die Stube sogar als „Pallast der Natur“.

Doch auch Schreckliches ereignet sich vor dem Fenster. Preußische Bataillone marschieren durch die Neugasse. Trotz aller Gefahren bleibt Knebel Bonapartianer, denn er verehrt Napoleon. Belasten die turbulenten politischen Ereignisse allzu sehr sein Gemüt, flüchtet er auf Jenas Berge, wo er dichtet, oder er nimmt Zuflucht in Phantasiewelten. Er übersetzt das Trauerspiel „Saul“ von Alfieri und arbeitet an seiner Übersetzung von Lukrez’ Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“. Um Unterricht und die Erziehung seines geliebten Sohnes Karl kümmert er sich selbst.

Der ein wenig eitle, leicht gekränkte Major bleibt ein Sonderling. Ebenbürtige gelehrte Geister findet er in Jena herzlich selten. Die Alt-Philologen, die nichts „für den blossen Geist u. Geschmack tun“ sowie Geld-Akademiker kommen bei ihm denkbar schlecht weg, wie ein Brief an Karoline von Herder belegt. Andererseits schätzt er junge Talente wie den Botaniker Voigt.

Mit Weimar hat Knebel nicht allzu viel im Sinn, er verachtet das Leben am Hof. Dennoch interessiert er sich für dortige Angelegenheiten. Von der Hofdame Luise von Göchhausen erhält er die neuesten französischen Journale, er wechselt Briefe mit seiner Schwester Henriette, die Erzieherin der Weimarer Prinzessin Karoline. Seine Briefe an Freundinnen wie Karoline Herder, Charlotte von Stein oder Charlotte von Schiller lassen an einen Briefroman denken: „süßer Thau alter Freundschaft“, heißt es da. Er verströmt Zuversicht gerade in bösen Zeiten: „Unser Geistes Territorium wollen wir uns indeß doch nicht nehmen lassen, und unsre lichten Provinzen am Himmel fleißig betrachten. Das Schicksal hat mir hiezu eine gute Stelle eingeräumt; ich könnte hier aus meinem Bette Sonn und Mond auf- und untergehen sehen, und der grosse helle Jupiter scheint mir alle Nacht in die Augen.“

Karl Ludwig von Knebel. In Jena am Neutor 1804 – 1810. Eine Sammlung aus Tagebüchern und Briefen, herausgegeben und bearbeitet von Ronny Teuscher unter Mitarbeit von Achim Blankenburg, Rüdiger Glaw, Christian Hecht, Beate Hölscher und Frank-Bernhard Müller mit einem Beitrag von Klaus Vieweg. Jenzig Verlag im Verlag Beier & Beran, Langenweißbach 2025, ISBN 978–3-941791-44-2, 816 S., 29 Euro 

Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv

Sachbuch von Bertold Heizmann

„Ich weiß, ich werde zögernd wiederkehren, / wenn kein Verlangen mehr die
Schritte treibt. / Entseelt ist unsres Herzens Heimbegehren, / und was wir
brennend suchten, liegt entleibt …“
So heißt es im Gedicht „Elegie von Abschied und Wiederkehr“ des
Exilschriftstellers Carl Zuckmayer (1896 – 1977). Er ahnt, ja weiß, dass bei einer Heimkehr dort nichts an Vertrautem geblieben sein wird. Von
brennenden und erloschenen Städten ist in den vorangegangenen Strophen die Rede.
Der düstere Pessimismus gipfelt im Erschrecken eines Reiters, der bereits sein
eigenes Grab erblickt. Eine schlimmere Heimkehr ist nicht vorstellbar, jene Gewissheit lässt keinen Raum für die geringste Spur von Zuversicht: „Leid wird zu Flammen, die sich selbst verzehren, / und nur ein kühler Flug von Asche bleibt -…“
Doch da ist der titelgebende Begriff eines „Heimbegehrens“, der Autor Bertold
Heizmann zunächst zu einer tiefgreifenden semantischen Analyse, zu Wortspielen,
-verbindungen veranlasst. Wie viele Begriffe doch den Wortstamm „heim“
umkreisen, belegen Heimat, Heimweh, Heimkehr, heimelig und anheimelnd, aber auch
Altenheim und Pflegeheim. Es eröffnen sich ebenso negative Bedeutungen, wie
Heimtücke, Heimsuchung oder Heimleuchten. Zuweilen begegnet uns Unheimliches,
wir pflegen Heimlichkeiten und Geheimnisse. Selbst der Heimatbegriff kommt oft
anrüchig daher, da mit ihm zu allen Zeiten so viel Missbrauch getrieben wurde.
Weit spannt sich also der Bogen, örtlich wie zeitlich, keine Deutungsmöglichkeit, kein Denker und Dichter, die sich zum Thema äußerten, scheinen ausgelassen. Daraus erwächst eine beeindruckende Fülle an Motiven und Protagonisten. Der herumirrende, listenreiche Odysseus steht für viele Adaptionen ebenso Pate wie die biblische Erzählung vom „prodigus“, dem verlorenen Sohn, die gleichfalls viele Nachahmer durch alle Zeiten gefunden hat. Eingehend schildert
der Autor die Schicksalsmöglichkeiten, denen die Heimkehrer ausgesetzt sind. Im
Lukas-Evangelium findet sich der daheim gebliebene ältere Bruder zurückgesetzt,
als der heimgekehrte jüngere vom Vater freudig begrüßt und ihm zu Ehren ein Kalb
geschlachtet wird. Dies gemahnt auf berührende Weise an den alttestamentlichen Bruderzwist zwischen Kain und Abel, der sich in der bekannten Mordtat entlädt. Blut fließt auch bei der Heimkehr des Odysseus, der alle
Freier erschlägt, die seine Gemahlin Penelope während seiner Abwesenheit
bedrängt haben. So werden seit den Tagen von Odysseus und Agamemnon immer wieder die beiden Erzählstränge „(Kriegs-)Heimkehrer und „verlorener Sohn“ miteinander verquickt. Der Wunsch nach Heimkehr erwächst hierbei aus erlebten Abenteuern und
Gefahren und der Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen. Mitunter endet die Rückkehr tragisch. Nicht jedoch freilich im Volksmärchen, in ihnen gibt es zumeist ein Happy End.
Der Aufbruch aus dem Elternhaus erscheint oftmals aus psychischen Gründen notwendig.
Abenteuerlust, unbändiges Verlangen, seinen Mann zu stehen, wofür man der
philiströsen, kleinbürgerlichen Enge entrinnen muss, Neugier auf die Fremde,
auch bittere Armut mögen Pate für den Auszug gestanden haben. Dem späteren
Heimkehrer wird freilich nicht immer der Freudenbecher gereicht, er erfährt
zumeist Unverständnis, Neid, Zurücksetzung und Verachtung, findet sich in der
für ihn veränderten Welt nicht mehr zurecht. Eindringlich schildert Heizmann
insbesondere die Schicksale von Heimkehrern aus beiden Weltkriegen. Was den
zweiten betrifft, so funktioniert der Verdrängungsmechanismus vieler
Westdeutscher gut. Von Trümmerliteratur wollen sie nichts mehr wissen. Die
Heimkehrthematik verliert an Bedeutung. Schweizer Autoren wie Max Frisch (1911-
1991) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) füllen die Lücke. Treibende Kraft für die Heimkehr ist dort die Ich-Suche – oder Rache.
Dagegen will man in der alten BRD feiern, das Leben genießen, dessen Grundlage
das Wirtschaftswunder ist. Vor dieser oberflächlichen Gesellschaft graut den
heimgekehrten, einst exilierten deutschsprachigen Schriftstellern wie Brecht,
Seghers, Zuckmayer. Die Sehnsucht, „alles“ wiederzusehen, wird fragwürdig, die
Heimkehr erfolgt zögerlich. Anfängliche, rasch nachlassende Aufbaustimmung im
„Osten“ und die geschichtsvergessene Geschäftigkeit des „Westens“ lassen die
Entscheidung schwer werden. Die jüdische Schriftstellerin Mascha Kaleko (1907–
1975) spürte „die düsteren Geister“ der braunen Vergangenheit, was ihrem
„Heimweh“ eine bittere Note verlieh. Illusionslos fällt ihr Urteil aus: „Fremde
sind wir nun im Heimatort, / Nur das Weh, es blieb. / Das Heim ist fort.“
Eine lange Reihe von Dichtern und Schriftstellern lässt Heizmann zum Thema
aufmarschieren. Sie reichen von Homer, Aischylos, Wernher dem Gärtner, Hans Sachs, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Hermann Hesse, Theodor Storm, Bert Brecht, Franz Kafka und Anna Seghers bis zu Trivialschriftstellern und modernen Autoren wie Christoph Ransmayr und Toni Morrison sowie Politikern und Sängern. Unbedingt lesenswert und aufschlussreich!

Bertold Heizmann: Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2026. ISBN 978-3-8260-9555-9. 250 S. 32 €.

Unsere Mehrtagesfahrt 2025

Mehrtagesfahrt vom 4. bis 7. September 2025

Wir begaben uns wieder einmal auf die Märchenstraße. Erstes Ziel war das Münchhausen-Museum in Bodenwerder. Hier erfuhren wir voiel Interessantes über die Abenteuer des „Lügenbarons“. Holzminden war unser nächster Ort, in dem wir drei Tage verweilen würden. Es lohnte sich! Am Anderen Tag erlebten wir den Rattenfänger in Hameln, eine kleine Stadtbesichtigung und vor allem eine wunderschöne Schifffahrt auf der Weser. Auch wurde die Hämelschenburg (Weser-Renaissance) besucht. Am Samstag unternahmen wir einen Abstecher nach Eschershausen, wo wir von Bügermeister Friedhelm Bandke und seinem Mitarbeiter Dirk Stapel freundlich empfangen wurden. Unter ihrer Führung besichtigten wir das Wilhelm-Raabe-Haus.

Das Mühlen-Freilichtmuseum in Gieselwerder mit ca, 60 Objekten war unser nächstes Ziel. In liebevoller Kleinarbeit waren auf dem Gelände sehenswerte Objekte, vor allem Mühlen, des Weserlandes aufgebaut worden.

Am Sonntag unternahmen wir noch einen Kurzausflug nach Corvey. Das 1.200 jährige ehemalige Benediktinerkloster Corvey ist seit 2014 Weltkulturerbe der UNESCO. Hier befindet sich das älteste und einzige fast vollständig erhaltene Karolingische Westwerk der Welt, sowie einzigartige archäologische Relikte der Karolingerzeit. Daher ist Corvey von außergewöhnlichem universellem Wert.

Fotos: Joachim Rödel