Alle Beiträge von Bernd Kemter

Karl Ludwig von Knebel

„Naß u. schlechtes Wetter. Mittags mit Göthe spazieren. Abends gegen 6. Uhr die Weimarischen Truppen eingezogen.“ So lautet ein Tagebucheintrag von Goethes „Urfreund“ Karl Ludwig von Knebel am Montag, dem 7. Dezember 1807. Banale wie historisch denkwürdige Ereignisse von 1804 bis 1810 spiegeln sich im Schreibkalender und in den Briefen des Majors Knebel wider. In dem Konvolut tummeln sich Ereignisse während der Schlacht bei Jena/Auerstedt, des Fürstenkongresses 1808 ebenso wie Wetterbeobachtungen und Eintragungen zum Haushalt des „Hellfeldschen Hauses“ am Jenaer Neutor, wo Familie Knebel zur Miete wohnte. Bislang blieb dieser umfangreiche Nachlass in der Forschung unbeachtet. Umso mehr ist dem Herausgeber/Bearbeiter Ronny Teuscher, seinem Mitarbeiterkollektiv sowie dem Jenzig Verlag zu danken, die sich dieser umfangreichen Aufgabe unterzogen haben. Schon vom Umfang her ist das überkommene Schriftgut Knebels beeindruckend.

Die Lektüre des recht voluminösen Buches entfaltet ein vielseitiges Bild der Stadt- und Universitätsgeschichte Jenas und ebenso einer hochinteressanten Persönlichkeit, die sich als „Menschenfreund“, dichtender Übersetzer und übersetzender Dichter erweist. Briefliche Bezüge zu namhafteren Zeitgenossen wie Goethe, Hegel, Jean Paul und Wieland, auch zu vielen Frauen der Goethezeit ergänzen mit Schilderungen biederer Bürger und ihres Alltagslebens das facettenreiche Sittengemälde um 1800.

Der Alltag der Familie Knebel scheint indes auch seine Reize auf manche Gäste auszuüben. Zwar beklagt Louise, die Frau Major von Knebel, die enge Stube,insbesondere die Küche, wodurch man keine Besucher bewirten könne,so findet Knebel selbst die Lage der Wohnung als äußerst vorteilhaft. Der junge Heinrich Luden genießt den herrlichen Blick auf die Ziegenkuppe des Hausberges. Karoline Herder bezeichnet die Stube sogar als „Pallast der Natur“.

Doch auch Schreckliches ereignet sich vor dem Fenster. Preußische Bataillone marschieren durch die Neugasse. Trotz aller Gefahren bleibt Knebel Bonapartianer, denn er verehrt Napoleon. Belasten die turbulenten politischen Ereignisse allzu sehr sein Gemüt, flüchtet er auf Jenas Berge, wo er dichtet, oder er nimmt Zuflucht in Phantasiewelten. Er übersetzt das Trauerspiel „Saul“ von Alfieri und arbeitet an seiner Übersetzung von Lukrez’ Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“. Um Unterricht und die Erziehung seines geliebten Sohnes Karl kümmert er sich selbst.

Der ein wenig eitle, leicht gekränkte Major bleibt ein Sonderling. Ebenbürtige gelehrte Geister findet er in Jena herzlich selten. Die Alt-Philologen, die nichts „für den blossen Geist u. Geschmack tun“ sowie Geld-Akademiker kommen bei ihm denkbar schlecht weg, wie ein Brief an Karoline von Herder belegt. Andererseits schätzt er junge Talente wie den Botaniker Voigt.

Mit Weimar hat Knebel nicht allzu viel im Sinn, er verachtet das Leben am Hof. Dennoch interessiert er sich für dortige Angelegenheiten. Von der Hofdame Luise von Göchhausen erhält er die neuesten französischen Journale, er wechselt Briefe mit seiner Schwester Henriette, die Erzieherin der Weimarer Prinzessin Karoline. Seine Briefe an Freundinnen wie Karoline Herder, Charlotte von Stein oder Charlotte von Schiller lassen an einen Briefroman denken: „süßer Thau alter Freundschaft“, heißt es da. Er verströmt Zuversicht gerade in bösen Zeiten: „Unser Geistes Territorium wollen wir uns indeß doch nicht nehmen lassen, und unsre lichten Provinzen am Himmel fleißig betrachten. Das Schicksal hat mir hiezu eine gute Stelle eingeräumt; ich könnte hier aus meinem Bette Sonn und Mond auf- und untergehen sehen, und der grosse helle Jupiter scheint mir alle Nacht in die Augen.“

Karl Ludwig von Knebel. In Jena am Neutor 1804 – 1810. Eine Sammlung aus Tagebüchern und Briefen, herausgegeben und bearbeitet von Ronny Teuscher unter Mitarbeit von Achim Blankenburg, Rüdiger Glaw, Christian Hecht, Beate Hölscher und Frank-Bernhard Müller mit einem Beitrag von Klaus Vieweg. Jenzig Verlag im Verlag Beier & Beran, Langenweißbach 2025, ISBN 978–3-941791-44-2, 816 S., 29 Euro 

Heimbegehren. "Heimkehr" als literarisches Motiv

Sachbuch von Bertold Heizmann

„Ich weiß, ich werde zögernd wiederkehren, / wenn kein Verlangen mehr die
Schritte treibt. / Entseelt ist unsres Herzens Heimbegehren, / und was wir
brennend suchten, liegt entleibt ...“
So heißt es im Gedicht „Elegie von Abschied und Wiederkehr“ des
Exilschriftstellers Carl Zuckmayer (1896 – 1977). Er ahnt, ja weiß, dass bei einer Heimkehr dort nichts an Vertrautem geblieben sein wird. Von
brennenden und erloschenen Städten ist in den vorangegangenen Strophen die Rede.
Der düstere Pessimismus gipfelt im Erschrecken eines Reiters, der bereits sein
eigenes Grab erblickt. Eine schlimmere Heimkehr ist nicht vorstellbar, jene Gewissheit lässt keinen Raum für die geringste Spur von Zuversicht: „Leid wird zu Flammen, die sich selbst verzehren, / und nur ein kühler Flug von Asche bleibt -…“
Doch da ist der titelgebende Begriff eines „Heimbegehrens“, der Autor Bertold
Heizmann zunächst zu einer tiefgreifenden semantischen Analyse, zu Wortspielen,
-verbindungen veranlasst. Wie viele Begriffe doch den Wortstamm „heim“
umkreisen, belegen Heimat, Heimweh, Heimkehr, heimelig und anheimelnd, aber auch
Altenheim und Pflegeheim. Es eröffnen sich ebenso negative Bedeutungen, wie
Heimtücke, Heimsuchung oder Heimleuchten. Zuweilen begegnet uns Unheimliches,
wir pflegen Heimlichkeiten und Geheimnisse. Selbst der Heimatbegriff kommt oft
anrüchig daher, da mit ihm zu allen Zeiten so viel Missbrauch getrieben wurde.
Weit spannt sich also der Bogen, örtlich wie zeitlich, keine Deutungsmöglichkeit, kein Denker und Dichter, die sich zum Thema äußerten, scheinen ausgelassen. Daraus erwächst eine beeindruckende Fülle an Motiven und Protagonisten. Der herumirrende, listenreiche Odysseus steht für viele Adaptionen ebenso Pate wie die biblische Erzählung vom „prodigus“, dem verlorenen Sohn, die gleichfalls viele Nachahmer durch alle Zeiten gefunden hat. Eingehend schildert
der Autor die Schicksalsmöglichkeiten, denen die Heimkehrer ausgesetzt sind. Im
Lukas-Evangelium findet sich der daheim gebliebene ältere Bruder zurückgesetzt,
als der heimgekehrte jüngere vom Vater freudig begrüßt und ihm zu Ehren ein Kalb
geschlachtet wird. Dies gemahnt auf berührende Weise an den alttestamentlichen Bruderzwist zwischen Kain und Abel, der sich in der bekannten Mordtat entlädt. Blut fließt auch bei der Heimkehr des Odysseus, der alle
Freier erschlägt, die seine Gemahlin Penelope während seiner Abwesenheit
bedrängt haben. So werden seit den Tagen von Odysseus und Agamemnon immer wieder die beiden Erzählstränge „(Kriegs-)Heimkehrer und „verlorener Sohn“ miteinander verquickt. Der Wunsch nach Heimkehr erwächst hierbei aus erlebten Abenteuern und
Gefahren und der Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen. Mitunter endet die Rückkehr tragisch. Nicht jedoch freilich im Volksmärchen, in ihnen gibt es zumeist ein Happy End.
Der Aufbruch aus dem Elternhaus erscheint oftmals aus psychischen Gründen notwendig.
Abenteuerlust, unbändiges Verlangen, seinen Mann zu stehen, wofür man der
philiströsen, kleinbürgerlichen Enge entrinnen muss, Neugier auf die Fremde,
auch bittere Armut mögen Pate für den Auszug gestanden haben. Dem späteren
Heimkehrer wird freilich nicht immer der Freudenbecher gereicht, er erfährt
zumeist Unverständnis, Neid, Zurücksetzung und Verachtung, findet sich in der
für ihn veränderten Welt nicht mehr zurecht. Eindringlich schildert Heizmann
insbesondere die Schicksale von Heimkehrern aus beiden Weltkriegen. Was den
zweiten betrifft, so funktioniert der Verdrängungsmechanismus vieler
Westdeutscher gut. Von Trümmerliteratur wollen sie nichts mehr wissen. Die
Heimkehrthematik verliert an Bedeutung. Schweizer Autoren wie Max Frisch (1911-
1991) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) füllen die Lücke. Treibende Kraft für die Heimkehr ist dort die Ich-Suche – oder Rache.
Dagegen will man in der alten BRD feiern, das Leben genießen, dessen Grundlage
das Wirtschaftswunder ist. Vor dieser oberflächlichen Gesellschaft graut den
heimgekehrten, einst exilierten deutschsprachigen Schriftstellern wie Brecht,
Seghers, Zuckmayer. Die Sehnsucht, „alles“ wiederzusehen, wird fragwürdig, die
Heimkehr erfolgt zögerlich. Anfängliche, rasch nachlassende Aufbaustimmung im
„Osten“ und die geschichtsvergessene Geschäftigkeit des „Westens“ lassen die
Entscheidung schwer werden. Die jüdische Schriftstellerin Mascha Kaleko (1907–
1975) spürte „die düsteren Geister“ der braunen Vergangenheit, was ihrem
„Heimweh“ eine bittere Note verlieh. Illusionslos fällt ihr Urteil aus: „Fremde
sind wir nun im Heimatort, / Nur das Weh, es blieb. / Das Heim ist fort.“
Eine lange Reihe von Dichtern und Schriftstellern lässt Heizmann zum Thema
aufmarschieren. Sie reichen von Homer, Aischylos, Wernher dem Gärtner, Hans Sachs, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Hermann Hesse, Theodor Storm, Bert Brecht, Franz Kafka und Anna Seghers bis zu Trivialschriftstellern und modernen Autoren wie Christoph Ransmayr und Toni Morrison sowie Politikern und Sängern. Unbedingt lesenswert und aufschlussreich!

Bertold Heizmann: Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2026. ISBN 978-3-8260-9555-9. 250 S. 32 €.

Unsere Mehrtagesfahrt 2025

Mehrtagesfahrt vom 4. bis 7. September 2025

Wir begaben uns wieder einmal auf die Märchenstraße. Erstes Ziel war das Münchhausen-Museum in Bodenwerder. Hier erfuhren wir voiel Interessantes über die Abenteuer des "Lügenbarons". Holzminden war unser nächster Ort, in dem wir drei Tage verweilen würden. Es lohnte sich! Am Anderen Tag erlebten wir den Rattenfänger in Hameln, eine kleine Stadtbesichtigung und vor allem eine wunderschöne Schifffahrt auf der Weser. Auch wurde die Hämelschenburg (Weser-Renaissance) besucht. Am Samstag unternahmen wir einen Abstecher nach Eschershausen, wo wir von Bügermeister Friedhelm Bandke und seinem Mitarbeiter Dirk Stapel freundlich empfangen wurden. Unter ihrer Führung besichtigten wir das Wilhelm-Raabe-Haus.

Das Mühlen-Freilichtmuseum in Gieselwerder mit ca, 60 Objekten war unser nächstes Ziel. In liebevoller Kleinarbeit waren auf dem Gelände sehenswerte Objekte, vor allem Mühlen, des Weserlandes aufgebaut worden.

Am Sonntag unternahmen wir noch einen Kurzausflug nach Corvey. Das 1.200 jährige ehemalige Benediktinerkloster Corvey ist seit 2014 Weltkulturerbe der UNESCO. Hier befindet sich das älteste und einzige fast vollständig erhaltene Karolingische Westwerk der Welt, sowie einzigartige archäologische Relikte der Karolingerzeit. Daher ist Corvey von außergewöhnlichem universellem Wert.

Fotos: Joachim Rödel

Schillers Idee der Freiheit - Heute

Vortrag von Hanskarl Kölsch, München, am 30. Septemer 2025

Der Referent zog mehrere Werke Schillers heran, um dessen Idee der Freiheit zu illustrieren. Im Weiteren wird der Gedankengang wiedergegeben – unter Verzicht auf direkte Werkezitate. Zu Beginn bezog sich der Referent auf "Don Carlos". Marquis Posa bemerkte, dieses, (sein) Jahrhundert sei für sein Ideal nicht reif. Er lebe als Bürger jener Jahrhunderte, die dereinst noch kommen werden. Posa ist der Ansicht, nur Carlos sei in der Lage, die Vision eines freien Staates zu verwirklichen. Posa opfert sich nach Intrigen (Liebe Carlos zu seiner Stiefmutter, der Gemahlin des Königs und Vaters wird ruchbar, Briefaffäre der Prinzessin Eboli) seinem Freund. Posas Ideal ist die Vision Platos: Das Wahre, Schöne und Gute sind Eines. Von der Eigenliebe schreitet der Mensch zur Nächstenliebe und von da zur Liebe zu allen Menschen. Carlos geht in den Kerker. Der Vater, der spanische König Philipp II., ist untröstlich, hat er doch eine natürliche Zuneigung zu seinem Sohn. Er befragt den Großinquisitor, selbiger antwortet: "Geben Sie ihn mir, vor der Kirche gibt es keine Stimme der Natur."

Auch im "Wallenstein" wird das Thema Freiheit behandelt. Selbiger will handeln, ohne schuldig zu werden. Doch hat Wallenstein dem Kaiser Treue geschworen. Bedeutsam ist in diesem Sinne der Monolog im dritten Akt. Wallenstein kann sich nicht entscheiden, ohne schuldig zu werden. Es gelingt ihm nicht. Somit bleibt er unfrei. Dabei hatte er doch die Möglichkeit, Europa zusammenzuschweißen.

Die Hinrichtung der schottischen Königin Maria Stuart (1542–1587) nach langer englischer Gefangenschaft übernimmt Schiller als Theaterstoff aus dem festen Repertoire des europäischen Dramas. Hier steht Lord Leicester zwischen zwei Frauen. Bedeutsam ist wieder der dritte Akt. Darin treffen sich die beiden Rivalinnen (historisch nicht passiert) Maria und Elisabeth, Königin von England. "Der Thron von England ist von einem Bastard entehrt", so lautete Marias Vorwurf, womit sie sich selbst das Urteil spricht. Angesichts des bevorstehenden Todes findet sie zu einer vollkommenen Harmonie ihrer Seelenkräfte, zu einem Ausgleich mit der Welt und mit Gott. Dies führt nicht zu einer Unterdrückung ihrer Gefühle, sondern, wie sich bei ihrer letzten Begegnung mit Leicester zeigt, zur Fähigkeit, sie souverän und angemessen zu artikulieren. In diesem Drama wird Maria Stuart – ein schon entseelter Geist - zur schönen Seele der Weimarer Klassik. Sie schwingt sich empor zur ewigen Freiheit. Auch sie verkörpert das Wahre, Schöne und Gute.

Auch die "Jungfrau von Orleans" erfährt ein dramatisches Schicksal im Namen der Freiheit. Ihr wird geweissagt: Solange du Männerliebe nicht erfährst, wirst du dein Volk retten. Dies ist ihr göttlicher Auftrag. Doch sie erfährt die höchste Freiheit in ihrer Freiheit des Willens. Damit verliert sie jedoch ihren göttlichen Schutz. Doch ihr bleibt die Gewissheit: Nur die Liebe kann alles lösen.

In "Wilhelm Tell" verkörpert Landvogt Geßler die Idee des Bösen. Er will, dass der Mensch den Menschen vernichtet. In dem Schauspiel geht es um den erfolgreichen Widerstand der drei Schweizer Waldkantone Uri, Schwyz und Unterwalden gegen den Versuch des habsburgischen römisch-deutschen Königs Albrecht, die Kantone seiner Hausmacht einzuverleiben. Die Hauptfigur Wilhelm Tell wird gegen seinen Willen in den politischen Konflikt hineingezogen, als der grausam regierende Landvogt ihn zwingt, auf einen Apfel zu schießen, der achtzig Schritte entfernt auf dem Kopf seines Sohnes liegt. Tell ermordet, nachdem er den Apfel getroffen hat und dennoch gefangen gesetzt wird, den Landvogt und provoziert damit die vorzeitige Ausführung des von einer größeren Verschwörung bereits geplanten Aufstands. Notwehr gegen Gewaltherrschaft ist das eigentliche Thema. Freiheit ist ein Naturrecht, doch nur der Mensch wird womöglich zunächst in Fesseln geboren.