Vortrag von Jens Dwars, Jena, am 5. Mai 2026
Der Referent zitierte zunächst Goethes „Heidenröslein“. Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Vergewaltigung. Kritiker sprachen von Vergewaltigung im Trällerton eines Volksliedes. Ein weiteres Beispiel stellt das Gedicht „Das Schreien“ 1767 dar: „Einst ging ich meinem Mädchen nach/ Tief in den Wald hinein…“ Sie droht zu schreien, doch dann lispelt sie: „… Geliebter, still,/ dass dich ja niemand hört“. Auch weitere Gedichte jener Zeit widmen sich der Erotik, so in den Sesenheimer Liedern, zum Beispiel: „Es schlug mein Herz …“ Im Dickicht des Waldes irrt der Dichter wie im Dickicht seiner Triebe. Er brennt in Leidenschaft. Dabei tragen „Willkommen und Abschied“ ursprünglich einen völlig anderen Bezug: Ein „Willkommen“ erlebte der ankommende Häftling im Zuchthaus mittels Peitschenhieben und ebenso beim „Abschied“. Dies geschah vor allem bei sexuellen Delikten.
Was wäre, wenn aus einem solchen Delikt heraus ein Kind entstanden wäre? Da gab es den Fall der Margarethe Brandt, Mörderin ihres unehelich geborenen Kindes. Sie war vom Knecht eines Durchreisenden geschwängert worden. Goethe hat dies selbst als Rechtspraktikant erlebt und in der Gretchentragödie verarbeitet. Schon im „Urfaust“ findet sich der berühmte Gretchenmonolog. Goethe bringt das Erwachen weiblicher Liebe an den Tag. Dies ist durchaus etwas Neues/Revolutionäres. “Meine Ruh ist hin,/ Mein Herz ist schwer … Und küssen ihn,/ So wie ich wollt,/An seinen Küssen/Vergehen sollt.“
Diesen Monolog übernimmt Goethe in den Faust I.
Goethe galt zwar als Fürst der Dichter, nichts durfte bei ihm Anstoß erregen. Großherzogin Sophie ließ zu ihren Lebzeiten gewisse Texte nicht zu, auch Goethe strich manches. Auch strich man noch in den 1980-er Jahren in der berühmten Hamburger Ausgabe die Walpurgisnacht, versah einige Stellen mit Strichen, die Mephisto stottern ließen: „Einst hatt’ ich einen wüsten Traum/ Da sah ich einen gespaltnen Baum / Der hatt’ ein --- / So – es war, gefiel mir’s doch.“ Worauf eine muntere Hexe ebenso kryptisch erwiderte: „Ich biete meinen besten Gruß / Dem Ritter mit dem Pferdefuß! / Halt Er einen --- bereit, / Wenn Er --- nicht scheut.“ In einem kleingedruckten Kommentar heißt es hierzu: „ … Die Handschrift hat ungeheures Loch; groß; rechten Pfropf; das große Loch.“ Dies ist bis ins Obszöne gesteigerte Liebeslust. Hexen und Teufel wirken gleichberechtigt. Teils obszöne Texte hinterließ Goethe in einer Mappe "Erotica", die Kanzler Müller aufbewahrte. Einem Besucher gewährte er Einblicke. Selbiger merkte sich die Texte, und so wurden sie auch veröffentlicht.
Das Possenstück „Hanswursts Hochzeit“ oder „Der Lauf der Welt“ wurde ebenso wenig in die Hamburger Ausgabe aufgenommen wie das berühmt-berüchtigte Gedicht „Das Tagebuch“, ein Liebesabenteuer. Auf einer Reise geht der Wagen zu Bruch. Man muss ein Zimmer nehmen. Gast und Zimmermädchen finden Gefallen aneinander. Sie entscheidet, ihn zu lieben. Goethe mutete hierbei dem Publikum recht viel zu, verlor jedoch allmählich die Lust weiterzumachen. Immerhin erwies er sich als Genie nicht nur des Erhabenen (Werther), sondern auch des Gassenjargons, selbiges allerdings auf literarischem Niveau.
Eigentlich war der Hanswurst dank Gottsched und Neuberin von der deutschen Bühne vertrieben worden. Goethe holt die Figur wieder zurück. Er verbindet die Tragödie mit der Komödie. So war es auch in der griechischen Antike: Auf Tragödien folgten Satyrspiele, die dem antiken Menschen natürlich auch dessen tierische Natur verdeutlichten.
In Weimar gab es drei Kindsmordsfälle. Goethe schloss sich der Ansicht an, man solle die Todesstrafe verhängen, wie in seinen Amtlichen Schriften ersichtlich. Sein Gretchen lässt er nicht retten. Ihr Verhalten ist geradlinig, sie nimmt die Schuld am Tod des Kindes wie auch der Mutter auf sich. Damit spielt sie den Männerbund Faust/Mephisto an die Wand. Sie steht zu ihrer Tat, bleibt hellsichtig und lässt sich nicht in die Freiheit verführen; nicht noch einmal verführen. In Faust II erscheint sie nochmals als Gretchen. Zurück zur Walpurgisnacht im Faust I. Die Böcke und Ziegen haben sich verlustiert. Es ist eine Massenorgie, und die christliche Messe verkehrt sich in dieser Welt zur Messe des Satans.
Großherzogin Sophie hatte einige der Erotica unterdrückt. Erst nach ihrem Tod erschienen 1910 „Das Tagebuch“ und die Venezianischen Epigramme; gedruckt wurden sie nun endlich aus „wissenschaftlichem Interesse“. Es erschienen ebenfalls die „Römischen Elegien“. Sehr erotisch kommt zum Beispiel die fünfte Elegie daher. Dort heißt es am Schluss: „… Überfällt sie der Schlaf, lieg' ich und denke mir viel,/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet/ Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,/ Ihr auf dem Rücken gezählt, sie atmete in lieblichem Schlummer …“
Ist dies Pornographie? Nein. Pornographie ist derb, obszön, auf kurzen Genuss aus. Erotik ist das glatte Gegenteil. Sie ist ein wechselseitiges Spiel, ein gegenseitiges sinnliches Bereichern. Schiller streicht, hat die Elegien in seiner Zeitschrift „Die Horen“ veröffentlicht, was Herder zu der Bemerkung veranlasste statt mit O müsste man die Horen jetzt mit U schreiben.
Auch mit den Venezianischen Epigrammen geht es ebenso, sie vermengen sinnenfrohes Heidentum mit der Kritik an der christlichen Lehre, aber auch an den Weltverbesserern. Alle Freiheitsapostel waren Goethe zuwider.
Auch im „West-Östlichen Diwan“ wird das Recht der Frau, Suleika, auf freie Liebesentscheidung offenbar.