Sachbuch von Bertold Heizmann
„Ich weiß, ich werde zögernd wiederkehren, / wenn kein Verlangen mehr die
Schritte treibt. / Entseelt ist unsres Herzens Heimbegehren, / und was wir
brennend suchten, liegt entleibt ...“
So heißt es im Gedicht „Elegie von Abschied und Wiederkehr“ des
Exilschriftstellers Carl Zuckmayer (1896 – 1977). Er ahnt, ja weiß, dass bei einer Heimkehr dort nichts an Vertrautem geblieben sein wird. Von
brennenden und erloschenen Städten ist in den vorangegangenen Strophen die Rede.
Der düstere Pessimismus gipfelt im Erschrecken eines Reiters, der bereits sein
eigenes Grab erblickt. Eine schlimmere Heimkehr ist nicht vorstellbar, jene Gewissheit lässt keinen Raum für die geringste Spur von Zuversicht: „Leid wird zu Flammen, die sich selbst verzehren, / und nur ein kühler Flug von Asche bleibt -…“
Doch da ist der titelgebende Begriff eines „Heimbegehrens“, der Autor Bertold
Heizmann zunächst zu einer tiefgreifenden semantischen Analyse, zu Wortspielen,
-verbindungen veranlasst. Wie viele Begriffe doch den Wortstamm „heim“
umkreisen, belegen Heimat, Heimweh, Heimkehr, heimelig und anheimelnd, aber auch
Altenheim und Pflegeheim. Es eröffnen sich ebenso negative Bedeutungen, wie
Heimtücke, Heimsuchung oder Heimleuchten. Zuweilen begegnet uns Unheimliches,
wir pflegen Heimlichkeiten und Geheimnisse. Selbst der Heimatbegriff kommt oft
anrüchig daher, da mit ihm zu allen Zeiten so viel Missbrauch getrieben wurde.
Weit spannt sich also der Bogen, örtlich wie zeitlich, keine Deutungsmöglichkeit, kein Denker und Dichter, die sich zum Thema äußerten, scheinen ausgelassen. Daraus erwächst eine beeindruckende Fülle an Motiven und Protagonisten. Der herumirrende, listenreiche Odysseus steht für viele Adaptionen ebenso Pate wie die biblische Erzählung vom „prodigus“, dem verlorenen Sohn, die gleichfalls viele Nachahmer durch alle Zeiten gefunden hat. Eingehend schildert
der Autor die Schicksalsmöglichkeiten, denen die Heimkehrer ausgesetzt sind. Im
Lukas-Evangelium findet sich der daheim gebliebene ältere Bruder zurückgesetzt,
als der heimgekehrte jüngere vom Vater freudig begrüßt und ihm zu Ehren ein Kalb
geschlachtet wird. Dies gemahnt auf berührende Weise an den alttestamentlichen Bruderzwist zwischen Kain und Abel, der sich in der bekannten Mordtat entlädt. Blut fließt auch bei der Heimkehr des Odysseus, der alle
Freier erschlägt, die seine Gemahlin Penelope während seiner Abwesenheit
bedrängt haben. So werden seit den Tagen von Odysseus und Agamemnon immer wieder die beiden Erzählstränge „(Kriegs-)Heimkehrer und „verlorener Sohn“ miteinander verquickt. Der Wunsch nach Heimkehr erwächst hierbei aus erlebten Abenteuern und
Gefahren und der Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen. Mitunter endet die Rückkehr tragisch. Nicht jedoch freilich im Volksmärchen, in ihnen gibt es zumeist ein Happy End.
Der Aufbruch aus dem Elternhaus erscheint oftmals aus psychischen Gründen notwendig.
Abenteuerlust, unbändiges Verlangen, seinen Mann zu stehen, wofür man der
philiströsen, kleinbürgerlichen Enge entrinnen muss, Neugier auf die Fremde,
auch bittere Armut mögen Pate für den Auszug gestanden haben. Dem späteren
Heimkehrer wird freilich nicht immer der Freudenbecher gereicht, er erfährt
zumeist Unverständnis, Neid, Zurücksetzung und Verachtung, findet sich in der
für ihn veränderten Welt nicht mehr zurecht. Eindringlich schildert Heizmann
insbesondere die Schicksale von Heimkehrern aus beiden Weltkriegen. Was den
zweiten betrifft, so funktioniert der Verdrängungsmechanismus vieler
Westdeutscher gut. Von Trümmerliteratur wollen sie nichts mehr wissen. Die
Heimkehrthematik verliert an Bedeutung. Schweizer Autoren wie Max Frisch (1911-
1991) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) füllen die Lücke. Treibende Kraft für die Heimkehr ist dort die Ich-Suche – oder Rache.
Dagegen will man in der alten BRD feiern, das Leben genießen, dessen Grundlage
das Wirtschaftswunder ist. Vor dieser oberflächlichen Gesellschaft graut den
heimgekehrten, einst exilierten deutschsprachigen Schriftstellern wie Brecht,
Seghers, Zuckmayer. Die Sehnsucht, „alles“ wiederzusehen, wird fragwürdig, die
Heimkehr erfolgt zögerlich. Anfängliche, rasch nachlassende Aufbaustimmung im
„Osten“ und die geschichtsvergessene Geschäftigkeit des „Westens“ lassen die
Entscheidung schwer werden. Die jüdische Schriftstellerin Mascha Kaleko (1907–
1975) spürte „die düsteren Geister“ der braunen Vergangenheit, was ihrem
„Heimweh“ eine bittere Note verlieh. Illusionslos fällt ihr Urteil aus: „Fremde
sind wir nun im Heimatort, / Nur das Weh, es blieb. / Das Heim ist fort.“
Eine lange Reihe von Dichtern und Schriftstellern lässt Heizmann zum Thema
aufmarschieren. Sie reichen von Homer, Aischylos, Wernher dem Gärtner, Hans Sachs, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Hermann Hesse, Theodor Storm, Bert Brecht, Franz Kafka und Anna Seghers bis zu Trivialschriftstellern und modernen Autoren wie Christoph Ransmayr und Toni Morrison sowie Politikern und Sängern. Unbedingt lesenswert und aufschlussreich!
Bertold Heizmann: Heimbegehren. „Heimkehr“ als literarisches Motiv. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2026. ISBN 978-3-8260-9555-9. 250 S. 32 €.